sehepunkte 2 (2002), Nr. 2

Friso Wielenga: Vom Feind zum Partner

Das Verhältnis zwischen den Niederlanden und ihren deutschen Nachbarn hat in der Zeitgeschichtsschreibung bislang eine eher untergeordnete Bedeutung besessen. Neben den bereits älteren Studien über die Besetzung des Königreiches während des 2. Weltkrieges und den sich vorwiegend der unmittelbaren Nachkriegszeit widmenden Arbeiten Horst Lademachers, existieren nur wenige weitergehende Untersuchungen über die Beziehungen zwischen den beiden "ungleichen Nachbarn am Rhein". Umfassende, auf breiter Quellenbasis operierende Analysen, wie sie etwa über das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Frankreich publiziert wurden [1], lagen bislang sogar überhaupt nicht vor. Dies ist um so bemerkenswerter, als - aller Zusammenarbeit in den unterschiedlichen europäischen und transatlantischen Gremien sowie der wechselseitigen engen wirtschaftlichen Verflechtung zum Trotz - die Beziehungen bis heute häufig als 'schwierig' eingestuft werden. Nicht zuletzt scheint diese Meinung auch unter der Bevölkerung auf beiden Seiten weitverbreitet zu sein - und das nicht nur bei Spielen der Fußballnationalmannschaft oder bei der Reise in den Urlaub.

Friso Wielenga - seit 1999 Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster - hat nun ein Buch vorlegt, das sich anschickt, diese existierende Lücke zu schliessen. Er hat dafür, auf der Grundlage unter anderem seiner eigenen Arbeiten [2], umfassende Quellenstudien vor allem in den Niederlanden unternommen. Deutsches Behördenschriftgut hat er dagegen - auch auf Grund der geltenden 30-Jahressperrfrist - nur in reduzierterem Umfang konsultiert. Diese politischen Akten hat Wielenga ergänzt durch die umfangreiche Einbeziehung der Tages- und Wochenpresse sowie durch Meinungsumfragen.

Wielenga geht an seine Aufgabe in drei Schritten heran. Im ersten Kapitel schildert er das deutsch-niederländische Verhältnis zwischen dem Ende des Weltkrieges und der deutschen Wiedervereinigung innerhalb des gesamteuropäischen beziehungsweise transatlantischen Rahmens. Er betont das niederländische Interesse an einer schnellen wirtschaftlichen Gesundung und einer raschen Remilitarisierung Deutschlands. 'Deutschland' sei - so betont Wielenga ausdrücklich - für die Niederländer hierbei nahezu durchwegs mit dem Gebiet der alten Bundesrepublik gleichsetzt gewesen. Die DDR sei dagegen lange Zeit nur als Bestandteil des osteuropäischen Machtblocks wahrgenommen worden. Die Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und der Niederlande auf multilateraler Ebene wird - wie allgemein in der Forschung - als weitgehend unproblematisch dargestellt. Allerdings sei Den Haag zu verschiedenen Zeitpunkten deutlich gemacht worden, dass die großen Entscheidungen anderenorts gefällt würden. So zeigten vor allem die USA und Großbritannien dem Königreich deutlich die Grenzen auf: unmittelbar nach Kriegsende als es um Gebietsansprüche oder auch Reparationsforderungen ging, aber auch 1989/90 bei der internationalen Gestaltung der deutschen Einheit.

Gerade in der Phase der Wiedervereinigung und Anfang der 1990er Jahre traten auch einige Irritationen im bilateralen Verhältnis auf. So verspürte man in der Bundesrepublik deutliche Vorbehalte der Regierung Lubbers gegen den massiv wachsenden Nachbarn. In den Niederlanden wiederum registrierte die Bevölkerung mit grosser Sorge die zahlreichen fremdenfeindlichen Übergriffe. Die damalige Postkartenaktion 'Ik ben woedend' (Ich bin wütend) sorgte jedoch innerhalb der deutschen Öffentlichkeit überwiegend für empörte Reaktionen. Und als das Instituut Clingendael in seiner berühmt gewordenen Studie wenig später feststellte, dass ein beträchtlicher Teil der niederländischen Heranwachsenden den Deutschen eine kriegerische Mentalität zuschrieb, schienen manche der - längst gebannt geglaubten - Schatten der Vergangenheit wieder präsent zu sein.

Die Auseinandersetzung mit den gravierenden - vor allem aus der Besetzung der Niederlande während des 2. Weltkrieges herrührenden - Problemen ist Gegenstand des zweiten Kapitels. Wielenga breitet hier - mit mancher Liebe zum Detail - die hoch komplexe Materie des Versuchs aus, wieder 'normalisierte' Beziehungen herstellen zu wollen. Es ging in diesem Zusammenhang um so unterschiedliche Tatbestände wie die Wiedergutmachungsleistungen für niederländische Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, die finanzielle Entschädigung für Verluste während des Krieges, die Rückgabe der unter niederländischer Verwaltung stehenden Auftragsverwaltungsgebiete, die Regelung der Grenze in der Ems, die Schifffahrt auf dem Rhein, die Freilassung von Kriegsverbrechern, die Pflege von Kriegsgräberstätten, eine Lösung für die sogenannten 'Traktatsbauern' und noch manches mehr. Für Spezialisten sind in diesem Kapitel zweifellos eine Reihe interessanter Beobachtungen enthalten. Wer sich jedoch mit diesen Fragen noch nie konfrontiert sah, droht gelegentlich in den einzelnen Themengebieten 'unterzugehen'.

Als wichtigsten Befund hält Wielenga im Einklang mit der bisherigen Forschung zu diesem Komplex einen grundsätzlichen Unterschied in den Positionen der beiden Nachbarländer fest. Die Vertreter des Königreiches hätten auf Grund der nationalsozialistischen Verbrechen in der Vergangenheit stets eine höhere moralische Position für sich reklamiert und am liebsten alle konkreten Fragen vor diesem Hintergrund entschieden. Die Bonner Unterhändler waren dazu in aller Regel jedoch nicht bereit. Im Ergebnis zogen sich die Verhandlungen zu den genannten Problemen - anders als mit den anderen Nachbarstaaten der jungen Bundesrepublik - enorm in die Länge. Da die Zeit nach übereinstimmender Auffassung jedoch für die Deutschen 'arbeitete', konnte sich deren Position letztlich auch durchsetzen. Dieses abgetrotzte do-ut-des-Geschäft ließ nach der endgültigen Ratifizierung des sogenannten 'Ausgleichsvertrages' 1963 jedoch kaum Raum für Zufriedenheit geschweige denn Aussöhnung. Eine Geste wie zwischen Adenauer und de Gaulle blieb für viele Niederländer völlig unvorstellbar. Mit Gustav Heinemann war auch erst 1969 ein Bundespräsident zum Staatsbesuch im Königreich erwünscht.

Das dritte Hauptkapitel widmet sich dem weiten Feld der 'Bildformung und Politischen Kultur 1945-1995'. Wielenga untersucht - an ausgewählten Konfliktpunkten, wie der Hochzeit von Prinzessin Beatrix mit Claus von Amsberg oder der 'Affäre von Kielmannsegg' - die Grundkonstanten und Veränderungen auf diesem Gebiet. Man wird seinen zu erheblichem Teil auf Meinungsumfragen beruhenden Schlussfolgerungen, nicht immer in allen Punkten folgen wollen. Dennoch zählt gerade dieses - in ähnlichen Arbeiten häufig deutlich unterbelichtete - Kapitel zu den anregendsten Seiten des Buches. Lohnenswert erscheint es insbesondere, Wielengas Plädoyer für eine Einordnung der nach wie vor bestehenden Spannungen in ein grösseres, zeitliches Umfeld zu folgen. Auch besitzt sein Ratschlag, die heutigen Konfliktpunkte nicht zu überdramatisieren, einige Berechtigung.

Als besonders positiv ist hervorzuheben, wie sehr Wielenga in allen drei Hauptteilen seiner Studie darum bemüht ist, den jeweiligen Befindlichkeiten in beiden Staaten gerecht zu werden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, argumentiert er wohltuend differenziert. Wielenga hat sein Buch ursprünglich für das niederländische Publikum geschrieben. Auch deshalb ist es bemerkenswert, wie häufig er nicht nur einzelnen deutschen Politikern einen wenig sensiblen Umgang mit der Vergangenheit, sondern auch den niederländischen Gesprächspartnern Unflexibilität und Halsstarrigkeit attestiert. Mitunter geht Wielenga dabei mit der niederländischen Gesellschaft hart ins Gericht, etwa wenn er ihr ein geschöntes Bild der eigenen Rolle während des Weltkrieges oder eine allzu 'moralische' Haltung vorwirft.

In diesem Zusammenhang wird dann allerdings auch endgültig deutlich, dass die vorliegende Studie weniger eine 'gleichberechtigte' Analyse der Beziehungen zwischen den beiden Völkern bietet als einen beeindruckend sachlichen Blick auf die Ängste, Probleme oder auch Erwartungen vieler Niederländer gegenüber ihren östlichen Nachbarn. Es ist zu bedauern, dass Wielenga umgekehrt die deutschen Positionen nur sehr viel weniger genau analysiert. Es wäre schon interessant zu erfahren etwa, ob das - die niederländischen Gesprächspartner nicht selten brüskierende - deutsche Verhalten aus Überheblichkeit, auf Grund anders gelagerter Prioritäten oder aber auch aus Unkenntnis geschah. Derartige 'Zusatzwünsche' sind allerdings nicht selten das Merkmal oder auch das 'Problem' von Publikationen, denen es gelungen ist, ihre Leser zu weiteren Gedanken anzuregen. Dies ist - nicht zuletzt auch durch den flüssigen Schreibstil Wielengas - hier sicherlich der Fall.

Anmerkungen:

[1] Als Beispiel: Ulrich Lappenküpper: Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963, 2 Bde, insg. 1991 S., München 2001.

[2] U.a.: Friso Wielenga: West-Duitsland: partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949-1955, Utrecht 1989.

Rezension über:

Friso Wielenga: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster: agenda 2000, 522 S., ISBN 978-3-89688-072-7, EUR 30,58

Rezension von:
Peter Helmberger
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Peter Helmberger: Rezension von: Friso Wielenga: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster: agenda 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 2 [15.02.2002], URL: http://www.sehepunkte.de/2002/02/3901.html


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