sehepunkte 2 (2002), Nr. 4

Rezension: Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West

Der erste Band greift mehrheitlich auf Beiträge zu einer 1998 vom Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE) und dem Genshagener Berlin-Brandenburgischen Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa veranstalteten Tagung zurück, der zweite auf die Vorträge einer Konferenz, die das ZVGE und die Körber-Stiftung 1999 ausgerichtet haben. Die Einführung in Fragestellung und Forschungsgeschichte übernehmen im ersten Band Jürgen Kocka und Klaus von Beyme, die Einleitung im zweiten Christoph Conrad und Kocka sowie John Breuilly.

Beide Veröffentlichungen decken weite Teile Europas ab: Die "Landkarte der Realisierungen" der zivilgesellschaftlichen Konzepte reicht von Russland ("Wie weit kam die Zivilgesellschaft?" von Manfred Hildermeier) über den Balkan 1830-1940 als "historisches Labor" (Holm Sundhaussen) und Bulgarien (Ivaylo Znepolski) bis Tschechien (Jan Křen) und den niederländisch-deutschen Vergleich (Tom Nijhuis). Die "Landkarte der Konflikte" um die Staatsbürgerschaft reicht von den baltischen Staaten (Falk Lange; lesenswert auch der Beitrag von Egils Levits, der in den letzten Jahren in seiner Auffassung zu dieser Frage einen weiten Weg zurückgelegt zu haben scheint) über Russland (A. N. Medushevskij), Polen (Grażyna Skąpska), den Balkan (Sundhaussen) bis zu den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches - Türkei, Libanon und Israel (Günter Seufert).

In beiden Bänden ist überdies eine Reihe von Beiträgen zu finden, die die Fragestellung der Einleitungen fortentwickeln und die gesamteuropäischen Etappen der begrifflichen Debatte um die Zivilgesellschaft beziehungsweise historische Modelle der Staatsbürgerschaft rekonstruieren. In beiden wird die geschlechterspezifische Perspektive diskutiert (Karen Hagemann über das aufklärerische Projekt der Bürgergesellschaft, Ute Gerhard über Bürgerrechte und Geschlecht), schließlich werden auch die entsprechenden Entwicklungsstränge der Europäischen Union hinterfragt (Bernd Schulte über die sozialen Rechte als Teil der Staatsbürgerschaftsdebatte und Hartmut Kaelble, weniger an dem Gesamtthema orientiert, über Demokratie und europäische Integration im Kontext von Zivilgesellschaft).

Wohltuend heben sich beide Veröffentlichungen von vielen Sammel- und Tagungsbänden unter anderem dadurch ab, dass die deskriptive Betrachtungsweise eindeutig hinter problemorientierten Ansätzen, Forschungsdiskussionen und so weiter zurückbleibt. Aber auch hier zeigt Patrick Weil in einem Vergleich von 25 Staatsbürgerschaftsgesetzen (von Australien über die EU- und baltischen Länder, Israel bis Südafrika, Mexiko und Nordamerika), wie viel man aus einer solchen Betrachtungsweise lernen kann.

Deutlich überwiegen indes die Beiträge, in denen der bisher erreichte Forschungsstand - oder auch nur allgemein akzeptierte Glaubenssätze - hinterfragt, falsifiziert und dekonstruiert wird. Dies gilt etwa für die "skeptischen Überlegungen" des Ethnologen Chris Hann, der am Beispiel lokaler Entwicklungen im postkommunistischen Ungarn und Polen sowohl das heute gültige Konzept der civil society als auch dessen Übertragbarkeit auf nicht- EU-Länder in Frage stellt. Ähnlich "revisionistisch" argumentiert Dieter Gosewinkel in seinem Vergleich der - traditionell als Gegensatz begriffenen - Tradition der Staatsbürgerrechte in Frankreich und Deutschland; in Wirklichkeit seien beide einander näher, als man allgemein annehme.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten Roger Brubaker und Yasemin Nuhoglu Soysal das komplizierte Beziehungsgeflecht von Diaspora, Identität, Nation und Staatsbürgerschaft; Brubaker verbindet den Vergleich der Deutschen außerhalb der Weimarer Republik und der Russen jenseits der Russischen Föderation, vor allem aber deren Instrumentalisierung durch die Außenpolitik des Heimatlandes mit der Hoffnung, "daß das zwischenstaatliche System mit den grenzübergreifenden Ansprüchen des Heimatland-Nationalismus heute besser umgehen kann als in der Zwischenkriegszeit". Dies ist nur eine von vielen unbelegbaren Hypothesen über das Geflecht von Identitäten, Rechtsordnungen, endogenen und exogenen Einwirkungen auf das heutige Europa im Kontext der optimistischen Vorstellungen über unsere Zukunft nach dem "Ende der Geschichte".

Abgesehen von solch emotional aufgeladenen Thesen (die ja genauso Teil der heutigen Identität der Intellektuellen sind wie sie die Skepsis gegenüber der Übertragbarkeit von "postnationalen" Organisationsformen auf die europäische Semi- und Peripherie ausdrücken) dokumentieren beide Bände eindrucksvoll den hohen Anspruch des ZVGE, verschiedene Aspekte der europäischen Gegenwart und Vergangenheit vergleichend und in ihrer multilateralen Verflechtung aufzuzeigen.


Rezension über:

Manfred Hildermeier / Jürgen Kocka / Christoph Conrad (Hgg.): Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Begriff, Geschichte, Chancen, Frankfurt/M.: Campus 2000, 275 S., ISBN 978-3-593-36581-7, EUR 29,90

Jürgen Kocka / Christoph Conrad (Hgg.): Staatsbürgerschaft in Europa. Historische Erfahrungen und aktuelle Debatten, Hamburg: Edition Körber-Stiftung 2001, 334 S., ISBN 978-3-89684-018-9, EUR 17,00

Rezension von:
Włodzimierz Borodziej
Historisches Institut, Universität Warschau
Empfohlene Zitierweise:
Włodzimierz Borodziej: Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West (Rezension), in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 4 [15.04.2002], URL: http://www.sehepunkte.de/2002/04/3233.html


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