Rezension über:

Rolf Steininger: 17. Juni 1953. Der Anfang vom langen Ende der DDR, München: Olzog Verlag 2003, 206 S., ISBN 978-3-7892-8113-6, EUR 14,90
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Rezension von:
Stephan Zeidler
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Zeidler: Rezension von: Rolf Steininger: 17. Juni 1953. Der Anfang vom langen Ende der DDR, München: Olzog Verlag 2003, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 7/8 [15.07.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/07/3106.html


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Rolf Steininger: 17. Juni 1953

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Rechtzeitig zum 50. Jahrestag wurde eine Reihe von neuen Publikationen zum 17. Juni 1953 vorgelegt. Auch der bekannte Historiker Rolf Steininger setzt mit dem hier anzuzeigenden Buch seine bisherige Arbeit mit Veröffentlichungen zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte fort. Der schmale Band widmet sich jedoch nicht allein der Geschichte des 17. Juni 1953. Vielmehr geht es dem Autor darum zu belegen, dass der Volksaufstand nur der Anfang vom Ende der DDR war. Er schließt sich dabei der schon seit Anfang der Neunzigerjahre vertretenen These an, dass die weitere Geschichte Beginn einer Reihe von Ereignissen war, die zum "Untergang auf Raten" führten. Steininger behandelt daher nicht nur den 17. Juni, sondern schildert auch kurz den weiteren Verlauf der Geschichte der DDR bis zum Fall der Mauer 1989.

Enttäuscht werden diejenigen Leser, die von dem Buch eine genauere Darstellung der Juni-Ereignisse erwartet haben. Lediglich auf rund neun Seiten widmet sich der Autor dem eigentlichen Aufstand. Er bietet dabei leider keine neuen Erkenntnisse, sondern greift auf Bekanntes zurück. Wer mehr über die Ereignisse in der DDR erfahren möchte, wird sich andere Darstellungen suchen müssen. Zwar erwähnt Steininger, dass es nicht nur in Ost-Berlin, sondern auch in über 500 Städten und Gemeinden der DDR zu Unruhen und Aufruhr kam. Genauere Schilderungen einzelner Ereignisse sucht man hier jedoch vergeblich. Gerade die Proteste in den ländlichen Regionen des Landes belegten, dass es sich nicht nur um einen Arbeiter-, sondern um einen Volksaufstand gegen das verhasste SED-Regime handelte. Schon bald, so Steininger, wurde im Verlauf des Aufstands deutlich, dass die zuerst verkündeten wirtschaftlichen Forderungen (zum Beispiel Rücknahme der Normerhöhungen vom Mai 1953) den politischen Forderungen nach 'freien Wahlen' oder 'Rücktritt der Regierung' Platz machten. Es ging damit an den Machterhalt der SED. Zwischen 500.000 und einer Million Menschen demonstrierten schließlich gegen die Politik ihrer Regierung und forderten ein Ende der kommunistischen Herrschaft. Aber auch noch in den Wochen nach dem 17. Juni kam es in einigen Industriebetrieben der DDR zu Streiks und Arbeitsniederlegungen mit Wiederholung der bekannten Forderungen: "Freie, geheime Wahlen für die Einheit Deutschlands" (54).

Steininger verhehlt nicht seine Meinung zu dem Aufstand und drückt seine Sympathien für die Protestierenden aus. Die Tatsache, dass die sowjetische Armee den Aufruhr mit Maschinengewehren und Panzern niederwalzte, um für "Ruhe und Ordnung" zu sorgen, interpretiert er als eine frühzeitige Vorwegnahme der späteren "Breschnew-Doktrin" (54). Letztlich war der 17. Juni für ihn "in jedem Fall ein Aufstand gegen die Arroganz von SED-Bonzen" (105), wie Steininger in seinem Fazit abschließend feststellt.

Wenig überzeugend ist allerdings Steiningers latente Kritik an der Position der westdeutschen Bundesregierung sowie der Regierungen der West-Alliierten (58f.). Diesen wirft er vor, sich zu sehr zurückgehalten zu haben, statt den Aufständischen in der DDR zu helfen. Diese Zurückhaltung muss jedoch auch heute noch als richtig und angemessen beurteilt werden. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die sowjetische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch mehrere hunderttausend Soldaten mit schweren Waffen auf dem Gebiet der DDR stationiert hatte. Ein militärisches Eingreifen der Alliierten hätte unmittelbare Kriegshandlungen nach sich gezogen, die weit mehr Tote als der Aufstand vom 17. Juni 1953 gekostet hätten. Nicht zu vergessen ist dabei, dass sich mit den USA und der UdSSR zwei hochgerüstete Atommächte gegenüber standen. Die Folgen wären unabsehbar gewesen, und die Durchsetzung dieser Position macht auch deutlich, weswegen die Alliierten auch beim Bau der Berliner Mauer 1961 auf ein militärisches Eingreifen verzichteten.

Weiterhin schildert Steininger wichtige Abschnitte der DDR-Geschichte wie den Mauerbau, zu dem er selbst im Jahr 2001 bereits eine umfangreiche Monografie vorgelegt hat, die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Siebziger- und Achtzigerjahren bis hin zur Wende und dem Mauerfall 1989. Die Einführung neuer sozialistischer Planungsmethoden in der DDR-Wirtschaft sollte die Grundlage für eine ökonomische Erholung in den Sechzigerjahren werden. Nachdem durch den Mauerbau die Flucht in den Westen verwehrt worden war, mussten sich die DDR-Bürger in ihrem Staat einrichten. Die Regierung versuchte durch Erhöhung der Arbeitsproduktivität und bessere Ausnutzung technisch-wissenschaftlicher Leistungen den Lebensstandard der Bürger zu erhöhen und auch auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Faktisch blieb dies ein Wunschtraum: am Ende musste man erkennen, dass man über die Verhältnisse gelebt und einen riesigen Schuldenberg aufgehäuft hatte. "Die DDR war bereits unregierbar" (103), so lautet Rolf Steiningers nüchternes Fazit dieser wirtschaftlichen Experimente. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Ergänzt wird die knappe Darstellung durch den Abdruck von insgesamt 23 sinnvoll ausgewählten Dokumenten. Dabei handelt es sich vor allem um SED-Dokumente sowie um Berichte des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, die bis ins Wendejahr 1989 reichen. Der interessierte Leser erhält damit Gelegenheit, einen Blick in die Herrschafts- und Denkstrukturen der SED-Funktionäre und ihrer Stasi-Untergebenen zu werfen. Teilweise handelt es sich hier um Dokumente, die bereits in anderen Akteneditionen abgedruckt sind und insofern keine wirklich neuen Quellen darstellen.

Die von Steininger zusammengestellte Literaturauswahl listet die wichtigsten Titel zum 17. Juni auf. Daneben findet sich dort auch eine Aufstellung weiterführender Werke zur Geschichte der DDR. Dem Leser bietet sich somit die Möglichkeit, den Einstieg in die gesamte Thematik zu finden und sich über den anderen deutschen Staat zu informieren.

Insgesamt stellt das Buch von Rolf Steininger einen ersten, wenn auch recht knappen Ansatzpunkt für denjenigen dar, der sich über die Geschehnisse in der DDR um das Jahr 1953 und später informieren will. Eine Gesamtdarstellung gerade der Juni-Ereignisse und ihrer vielschichtigen Ursachen kann das vorliegende Buch jedoch nicht ersetzen. Für das Einlesen in die Thematik ist das Buch jedoch auf jeden Fall hilfreich.

Stephan Zeidler