Rezension über:

"Kunst für alle!". Der Nachlass Fritz Wichert. Mit Videokommentaren von Manfred Fath (= Stadtarchiv digital; 3), Mannheim: Verlagsbüro von Brandt 2003, CD-Rom mit Booklet, ISBN 978-3-926260-58-1, EUR 18,00
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"Mannem vorne - erst recht im Südweststaat". Plakate und ergänzendes Material zur Entstehung Baden-Württembergs (= Stadtarchiv digital; 2), Mannheim: Verlagsbüro von Brandt 2002, CD-Rom mit Booklet, ISBN 978-3-926260-53-6, EUR 18,00
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Hans Schüler: Der Nachlass des Mannheimer Theaterprinzipals. Ein digitales Findmittel auf CD-ROM (= Stadtarchiv digital; 1), Mannheim: Verlagsbüro von Brandt 2002, CD-Rom mit Booklet, ISBN 978-3-926260-52-9, EUR 18,00
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Rezension von:
Horst Gehringer
München
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Horst Gehringer: Findbücher auf CD-ROM (Rezension), in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 12 [15.12.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/12/4423.html


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Findbücher auf CD-ROM

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Eine der wichtigsten Aufgaben, die den Archiven durch die jeweiligen Archivgesetze des Bundes und der Länder zugewiesen ist, stellt die Aufgabe der Erschließung dar. Durch diese archivarische Tätigkeit wird das "Material", das in großen Mengen, privater und behördlicher Provenienz und in den unterschiedlichsten Formen von der mittelalterlichen Urkunde bis zu digitalen Daten in den Magazinen lagert oder doch in nächster Zukunft einer archivischen Lösung harrt, den Benützern zugänglich gemacht. Die Erschließung macht die Unterlagen überhaupt erst für die unterschiedlichsten Forschungsanliegen sowie nicht zuletzt für die Auswertung durch die Archive selbst benutzbar. In der Regel geschieht sie durch die Verzeichnung, durch die Anlegung sachsystematisch aufgebauter Findbücher, in denen der Benutzer, unterstützt durch ein Inhaltsverzeichnis und verschiedene Indizes, die gewünschten Informationen findet. Diese Findbücher werden entweder ausschließlich im Repertorienzimmer oder Lesesaal der Archive benützt oder, wie dies in einer Anzahl von Archiven und Archivverwaltungen der Fall ist, in gedruckten Publikationen interessierten Kreisen zugänglich gemacht.

Die Reihe "Stadtarchiv digital" beschreitet hier, initiiert durch den Leiter des Stadtarchivs Mannheim Ulrich Nieß, Neuland. Nicht mehr das klassische Findbuch als gedruckter Band, sondern die digitale Präsentation steht hier am Ende der Erschließung, die freilich auch inhaltlich tiefer geht, als dies bislang der Fall war.

Eine erste CD-ROM ist dem im Stadtarchiv Mannheim aufbewahrten Nachlass des Intendanten des Mannheimer Nationaltheaters Hans Schüler (1897-1963) gewidmet. Schüler, der nach dem Studium der Philosophie, Literatur, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Berlin und Würzburg und seiner dort abgelegten Promotion Regieassistent unter anderem von Max Reinhardt war, wurde nach Engagements in New York, Erfurt, Wien, Wiesbaden und Königsberg 1936 Generalintendant in Leipzig. Seine Wahl zum Intendanten in dem vom Krieg gezeichneten Mannheim erfolgte 1951. In seiner Leipziger Zeit hatte es Schüler mit zwei diktatorischen Systemen zu tun. Wie er zum ersten stand, lässt sich trotz der Nähe zu oppositionellen Kreisen und zu Carl Goerdeler nicht eindeutig fassen, seine Haltung gegenüber dem zweiten führte zu seiner Entlassung aus dem Dienst (1947). Unter seiner Leitung erlebte das Mannheimer Nationaltheater nicht nur zahlreiche künstlerische Höhepunkte, sondern auch den Einzug in sein neues Domizil am Goetheplatz, das Schüler von Anfang als ein wesentliches Ziel seiner Arbeit angesehen hatte. Schülers Nachlass spiegelt seine Tätigkeit, aber natürlich auch die Spannungen im Mannheimer Kulturbetrieb wider, sodass mit der vorliegenden CD-ROM ein wichtiges Kapitel Mannheimer Kulturgeschichte zugänglich gemacht wird. Auch wenn Hans-Joachim Hirsch als verantwortlicher Bearbeiter des Projekts, das mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft realisiert wurde, die technischen Möglichkeiten der CD-ROM in seiner Einleitung durchaus problematisiert, so lässt sich die Faszination dieser digitalen Präsentation in keiner Weise bestreiten. Dies gilt umso mehr, als mit der multimedialen Ergänzung jenseits der klassischen Verzeichnungsdaten eines Findmittels ein neuer Weg beschritten wurde. Der Nachlass, der die persönliche Korrespondenz ebenso umfasst wie zahlreiche berufliche Aufzeichnungen, zum Beispiel Bühnenbildentwürfe oder Regiebücher, beinhaltet eine erste Abgabe, die bis 1983 bearbeitet wurde, und eine zweite Ablieferung der mit dem Ehepaar Schüler befreundeten Kostümbildnerin Gerda Schulte, die mit dem ersten Teil vereinigt und durch das Verzeichnis nunmehr endgültig erschlossen worden ist.

Die Navigation erfolgt von der Startseite aus über Verzweigungen (Einführung, Biografische Daten, Der Nachlass im Stadtarchiv, Filmsequenzen, Abbildungsverzeichnis, Nutzungsbedingungen, Impressum). Für den Benutzer öffnet sich gleichsam ein "elektronischer Karteikasten", in dem diese genannten Bereiche auch optisch hervorgehoben die Hauptkarteireiter darstellen, die dann wiederum in die jeweiligen Untergliederungen des Bereiches verzweigen. Im Zentrum der CD-ROM steht das in neun Gruppen gegliederte Findmittel zum Nachlass Schülers. Mit Kurzbetreff und eventuell erläuterndem Vermerk, Umfangangabe des Archivales, Datierung beziehungsweise Laufzeit vermitteln die Einträge die für den Benutzer wesentlichen Basisinformationen. Das Repertorium selbst kann durch einen Mausklick auch als pdf-Datei generiert werden. Innerhalb des Findbuchtextes fallen sofort die blau hinterlegten Links auf. Mit diesen Sprungadressen wird dem Leser des Findbuches mit einem Mausklick der Weg zu weiteren Informationen direkt eröffnet, etwa bei der Einblendung der Briefe von Korrespondenzpartnern, beiliegenden Zeitungsausschnitten oder Fotos von Personen oder Orten, um die es im jeweiligen Archivale geht. Im Register der Briefpartner, zu denen ebenfalls gleich biografische Informationen vermittelt werden, führen Links den Benutzer zum einschlägigen Findbucheintrag. In der Rubrik "Hinweise" finden sich archivspezifische Informationen inhaltlicher, zum Beispiel über die Bedeutung der erläuternden Vermerke, oder formaler Art, zum Beispiel über etwaige Benutzungsbeschränkungen aus konservatorischen oder rechtlichen Gründen. Mit den rund 140 Abbildungen sowie elf Filmsequenzen steht in der Tat ein Findmittel zur Verfügung, das den Anforderungen der Informationsgesellschaft nach einer anschaulichen Präsentation (Hans-Joachim Hirsch) in hohem Ausmaß entspricht und damit bezüglich der Informationsvermittlung durch Archivinventare neue Wege eröffnet.

Im Grundsatz gilt dies auch für die weiteren Projekte des Stadtarchivs Mannheim. So wurde im Jubiläumsjahr 2002 dem Prozess der Entstehung Baden-Württembergs aus vier Ländern nachgespürt. Neben einer chronologischen Einführung besticht die Präsentation auf der zweiten CD-ROM ("Mannem vorne - erst recht im Südweststaat". Plakate und ergänzendes Material zur Entstehung Baden-Württembergs) durch die Auswahl des zeitgeschichtlichen Materials. In konsequenter Anwendung des Multimedia-Konzepts dieser Publikationen ist das Vorwort des Mannheimer Kulturbürgermeisters Peter Kurz als Videodatei aufrufbar. Mannheim fiel bei der kontrovers und emotional diskutierten Südweststaatsgründung als größter Stadt Nordbadens eine Schlüsselrolle zu. Mit deutlicher Mehrheit entschieden sich die Wählerinnen und Wähler für den Südweststaat. Ihr Abstimmungsverhalten wird in einer Karte des späteren Südweststaates dargestellt, die per Mausklick für jeden Landkreis das Abstimmungsergebnis darstellt. Die CD-ROM rekapituliert diese Zeit und die Debatten um die letztlich realisierte politische Lösung. Sie enthält eine Chronologie der Ereignisse und stellt die wichtigsten Akteure auf regionaler und überregionaler Ebene mit kurzen Biogrammen vor. Plakate gehören wegen ihrer Überformate zu den konservatorischen Sorgenkindern eines jeden Archivs, gleichzeitig aber auch zu den interessantesten Quellen, transportieren sie doch Inhalte, in diesem Fall zum Für und Wider des Zusammenschlusses, deren Verbreitung und Wahrnehmung in einer Zeit ohne die Omnipräsenz von TV und Internet eine andere Funktion hatten als heute. Allenfalls das Kino - und auch dafür findet sich ein nicht ohne Schmunzeln zu betrachtendes Beispiel - erreichte die Menschen in derart großer Zahl. Einige besonders aussagekräftige Plakate sind auf der CD-ROM publiziert und mit weiterführenden Kommentaren versehen, die ihrerseits wieder auf dem Datenträger zu Fotos, Zeitungsausschnitten eines Pressespiegels oder ausgewählten Schriftstücken aus städtischen Akten führen. Mit dieser CD stellt das Stadtarchiv Mannheim nicht nur einen Wegweiser zu ausgewählten Beständen zur Verfügung, sondern zugleich ein Medium, das für die unterschiedlichsten Zwecke von jedem Interessierten herangezogen werden kann, insbesondere aber an Schule und Universität sowie in politischer Bildungsarbeit einsetzbar ist, um mit modernen Darstellungsmethoden historische Entwicklungen plausibel zu machen.

Eine dritte CD-ROM befasst sich unter dem Titel "Kunst für alle!" mit dem Nachlass Fritz Wicherts (1878-1951), des 1909 berufenen ersten Direktors der Mannheimer Kunsthalle. Einführung, Biografie, Nachlass im Stadtarchiv, Museumsarbeit in Mannheim, Abbildungsverzeichnis und Filmsequenzen sind die inhaltlichen Abschnitte dieser Publikation, die gleichsam als Ergänzung zur ersten CD mit dem Nachlass Hans Schülers einem weiteren zentralen Bereich des Mannheimer Kulturlebens gewidmet ist. Wichert vertrat eine für den Beginn des 20. Jahrhunderts neue Auffassung eines offenen Museums, in dem der Besucher nicht wie bisher als potenzielle Gefahr für die Museumsobjekte angesehen wurde. In möglichst weiten Kreisen der Bevölkerung sollte Interesse an der Kunst im Museum geweckt werden. Diesem Ziel war auch der 'Freie Bund zur Einbürgerung der bildenden Kunst in Mannheim' verpflichtet, dessen Geschichte von Inge Herold skizziert wird. Bestes Zeugnis für die Auffassung Wicherts über die Museumsarbeit ist die Formulierung eines seiner Amtsnachfolger, Manfred Fath, der im einleitenden Vorwort offen davon spricht, "dass Fritz Wichert alles, von dem wir dachten, wir hätten es erfunden - nämlich die Museumspädagogik - längst gemacht hatte". Der Vermittlung von Kunst in heutiger Zeit widmet sich als Vergleich dazu der Beitrag Jürgen von Schemms. Über Wicherts Biografie erfährt der Leser in knapper Form die wichtigsten Informationen, angereichert durch zahlreiche Links zu erläuternden fotografischen und filmischen Quellen. Barbara Becker erläutert den Weg des 1980 übernommenen Nachlasses in das Mannheimer Stadtarchiv sowie die dort ins Werk gesetzten archivischen Erschließungsarbeiten des über 1.400 Mappen umfassenden Bestandes. Das Findmittel zum Nachlass selbst, gegliedert in die Abschnitte Publikationen, Korrespondenzserien und Register, von dem seinerseits auf die Bestandsnummer verlinkt wird, liegt für den Benutzer auf dem Datenträger vor, ebenfalls angereichert durch zahlreiche Links zu Abbildungen von unterschiedlichen Archivalien wie Postkarten, Zeitungsausschnitten, Fotos und Filmsequenzen. Natürlich ist dieser Bestand auch als reine Text Fassung, als Datei im pdf-Format greifbar.

Die Informationsdichte, die sich aus dieser Findmittelgestaltung ergibt, stellt für den Benutzer nicht nur eine rasche Orientierungshilfe dar. Sie vermittelt über Sachsystematik und Index als Wege einer gezielten Informationsrecherche hinaus bereits einen inhaltlichen Einstieg durch die digitale Reproduktion einzelner Archivalien und das Angebot der unmittelbaren Einsichtnahme am Bildschirm. Alle Abbildungen und Videoclips auf diesen CD-ROM-Publikationen sind jedoch mehr als bloße Mittel zur Illustration. Sie vermitteln ganz unmittelbar einen Eindruck von den Beständen und aus den Beständen, ja sie stellen ihrerseits kommentierte Erläuterungen zu bestimmten Objekten dar, wenn es etwa um den Erwerb von Museumsgegenständen geht. Die Veröffentlichung von Bestandsübersichten und insbesondere Findmitteln stellte in der Vergangenheit einen Punkt dar, der in Archivarskreisen häufig kontrovers diskutiert wurde. Bislang erfolgte die Veröffentlichung bestenfalls in klassischer Form als Printmedium. Die vom Stadtarchiv Mannheim unter seinem Leiter Ulrich Nieß forcierte Entwicklung betritt formal und auch in der inhaltlichen Vermittlung Neuland. Jeder, der sich als Lehrer in Schule oder Erwachsenenbildung, als Heimatforscher oder Wissenschaftler für die mit diesen elektronischen Ressourcen vorgestellten Personen beziehungsweise Themenbereiche interessiert, sollte diese Veröffentlichungen vor seinem Archivbesuch und dem Einstieg in das Thema zur Hand nehmen. Mit ihnen liegt nun ein Prototyp für die Aufbereitung von Findmitteln vor, zu dem allen Beteiligten nur gratuliert werden kann und der auch über Mannheim hinaus zur Nachahmung Anlass geben sollte.

Horst Gehringer