sehepunkte 4 (2004), Nr. 4

Christian Andree: Rudolf Virchow

Im Gegensatz zur allgemeinen Geschichtsschreibung kamen biografisch orientierte Arbeiten in der Medizinhistoriografie nie wirklich aus der Mode. Die großen Debatten um die Bedeutung internalistischer Ansätze, die Auswirkungen hagiografischer Intentionen oder retrospektive Rekonstruktionsfehler im Gewand unterschiedlicher Erinnerungskulturen wurden von der Medizingeschichte zwar reflektiert. Dennoch stellt die besondere Textgattung der Biografie ein wichtiges Genre dar, welches das Bedürfnis einer weiten Fachklientel nach Orientierungspunkten für die eigene medizinische Tätigkeit sowie nach Spiegelbildern für die Entwicklung vergleichbarer Disziplinen befriedigt. Auch die in hoher Zahl vergebenen biografischen Promotionsthemen an medizinhistorischen Instituten unterstreichen dieses Bedürfnis und sind Ausdruck beständiger Suche nach heuristischer Quellenliteratur. Kristallisationspunkt des biografischen Interesses sind Biografien großer Ärzte, und so kann es kaum verwundern, dass zum hundertsten Todestag des Berliner Mediziners Rudolf Virchow (1821-1902) gleich mehrere Biografien erschienen.

Eine dieser Arbeiten ist "Rudolf Virchow. Leben und Ethos eines großen Arztes" von Christian Andree, Professor für Wissenschafts- und Medizingeschichte an den Universitäten von Kiel, Würzburg und Frankfurt / Oder. Das Besondere an Andrees Virchow-Biografie kann darin gesehen werden, dass er sich seit über dreißig Jahren mit dessen Leben und Werk beschäftigt und durch eine reiche Editionstätigkeit der virchowschen Arbeiten in Erscheinung getreten ist. Er kann als profunder Kenner des virchowschen Werks gesehen werden, sodass seine Sicht auf den Berliner Mediziner, Anthropologen und Politiker mit besonderer Spannung erwartet wurde. Mit dem erweiterten Blick auf die Diskussionen zur Biografik in der allgemeinen Geschichtswissenschaft konzentriert sich die Frage darauf, wie Andree die Vielschichtigkeit der virchowschen Vita mit den breit gefächerten Arbeitsfeldern sowie dem intensiven politischen Engagement auch in Hinsicht auf neues Quellenmaterial darstellt und bewertet.

Andrees Lösungsansatz für dieses schwierige Unternehmen liegt in der Gliederung seiner Biografie. Diese fokussiert auf das ärztliche Ethos bei Virchow, während die wissenschaftlichen und politischen Arbeiten mit ihrem weiteren Kontext eher gestreift werden. Dabei lassen sich die ersten zwei Fünftel des Werks auch weiterhin im Sinne einer klassischen biografischen Arbeit "von der Wiege bis zur Bahre" verstehen, während sich die übrigen drei Fünftel dem Ethos, den politischen Grundeinstellungen sowie den juristischen Überlegungen Virchows zentral zuwenden. Andrees Virchow-Buch ist in drei Kapiteln aufgebaut: Im ersten Kapitel "'Schade um das Talent' - Schwierigkeiten mit Virchow" erhebt Andree den Anspruch, Virchow wirkungsgeschichtlich zu verorten (6). Dieser Versuch entspricht einer engen Verzahnung sozialisatorischer Entwicklungen, wissenschaftlicher Hintergründe und vereinzelter Ausblicke auf die bisherige historiografische Einschätzung des Berliner Gelehrten. Zentrale Beachtung erfährt Virchows "Schlüsselerlebnis der oberschlesischen Typhus-Epidemie" im Jahr 1848 (13-18), das zu seiner Entwicklung zum radikalen Sozialreformer führte. Ferner werden die Hintergründe seines Eintretens für die 1848er-Revolution in Preußen sowie Virchows weiteres wissenschaftliches Schaffen nach seinem Gang an die Universität in Würzburg (1849) beschrieben.

Das zweite Kapitel "'Ein Leben voller Arbeit und Mühe ist eine Wohlthat' - Das Leben Rudolf Virchows" führt in dessen Kindheit und Jugendzeit in Hinterpommern ein, die ihn "aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der deutschen Wissenschaft" (31) führte. Das Umfeld der virchowschen Ausbildung an der Berliner Pépinière, seine Sozialisation in der erstarkenden naturwissenschaftlichen Sichtweise der Medizin und sein Eintreten für die Armenfrage in der "Medical Community" der Zeit werden thematisiert. Andree führt in Virchows vielschichtige Tätigkeitsbereiche der Pathologie, der Hygiene, der Sozialmedizin, der Anthropologie, der Ethnologie sowie der Ur- und Frühgeschichte ein und stellt die Hintergründe seiner Rückkehr nach Berlin (1856) eingehend dar (66-69). Während dieser Darstellungsgang konventionellem biografischen Interesse folgt, befasst sich der Autor in "Virchow und die Frauen" (72-92) auch mit dessen Eintreten für die akademische Gleichbehandlung von Frauen in Preußen und behandelt die Ehe mit Ferdinande Amalie Rosalie Mayer (1832-1913). Virchows politisches Eintreten für soziale Reformen, die zur Duellforderung durch Otto von Bismarck (1815-1898) führten (101-106), fehlen hier ebenso wenig wie seine Freundschaft mit dem Altertumsforscher Heinrich Schliemann (1822-1890), den er zur Schenkung des Schatzes des Priamos an die Berliner Museen bewegen konnte (109-122).

Im Hauptkapitel "Leben und Ethos - Ein Arzt im Dienst der Humanität" konzentriert sich Andree auf die ethischen Einstellungen Virchows, die er eng an den Textquellen nachzeichnet und deren Bedeutung er für die aktuelle Situation heraushebt, "weil die Verpflichtung zur Humanität auch heute noch vielfach angemahnt werden muss" (11). Im Umfeld der Frage nach dem ärztlichen Ethos geht der Autor auf disparate Gebiete, wie die allgemeine Verantwortung des Staats für die "öffentliche Gesundheitspflege" (133-163), die Bedeutung der medizinischen Grundlagenwissenschaft als Korrektiv ärztlicher Handlungsentscheidungen (164-169) oder Virchows Eintreten für den Aufbau einer ärztlichen Standesorganisation (184-221), ein. Dabei orientiert sich die Betrachtung des "Homo politicus" Virchow (64), der sich aus medizinischer Motivation für juristische Änderungen in der Sozial- und Armengesetzgebung sowie die weitere Regelung des ärztlichen Ausbildungswesens einsetzte, am programmatischen Anspruch des Berliner Gelehrten, wonach "die Medizin ihrem innersten Kern und Wesen nach eine soziale Wissenschaft ist, die gleichzeitig das Wissen und die Gesetze besitzt, die den Körper und den Geist zu bestimmen vermögen" (168).

Der Epilog "Ein Lebensrückblick" (274-277) stellt relativ unverbunden einige Selbstzeugnisse und Gedanken Virchows über dessen eigenes Wirken vor und fasst die Leistungen und Errungenschaften dieser "Lichtgestalt der deutschen Medizingeschichte" (Klappentext) ausblickshaft zusammen. Dass dann im Abschlussresümee das ärztliche Ethos an Momente des "Arbeitsethos", des politischen Engagements oder des Pflichtgefühls von Virchow geknüpft wird, bleibt interpretationsbedürftig.

Für den Rezensenten stellt dies ein Manko der gesamten Diskussion der ethischen Einstellungen Virchows dar. In Andrees Biografie werden diese kaum auf zu Grunde liegende Prinzipien zurückgeführt, obwohl sich deren Verankerung in einer Tugendethik bei Virchow andeutet. So bleibt Andrees These, dass das "Leben und Ethos dieses großen Arztes [...] Generationen von Medizinern geprägt" habe und dass "das Wissen darum [...] auch und gerade in unserer so orientierungslosen Zeit nach wie vor unverzichtbar" sei, (Klappentext) unklar, da eine besondere Bewertung der medizinethischen Forderungen Virchows in Hinblick auf spezifische Fragestellungen und detaillierte Anwendungsbeispiele ausbleibt.

Nimmt man den Stil und die vielfältigen Anspielungen auf aktuelle Themen zusammen, ist Andrees Biografie auf eine breite Leser- und Leserinnenschaft zugeschnitten. Es bleibt zu bemängeln, dass sich der Autor oft im Detail verliert, was dem durchschnittlich Informierten den Zugang zu weiteren Anknüpfungspunkten der virchowschen Biografie erschwert. Eine Reduktion ausführlicher und schlecht abgegrenzter Zitate zugunsten einer verstärkten historiografischen Würdigung der vielgestaltigen Forscherpersönlichkeit in der wissenschaftlich-politischen Landschaft des 19. Jahrhunderts hätte diese Biografie bereichert. Der fachhistorische Leser vermisst an vielen Stellen einen unabhängigen Interpretationsstandpunkt, ohne den die Leistungen Virchows meist immanent bleiben. Schließlich besteht ein großes historiografisches Interesse an ihren Austauschbedingungen sowie an den Stärken und Schwächen der wissenschaftlichen und politischen Gegner Virchows. Leider sind die 21 Abbildungen des Buchs nicht in ihrem Kontakt zum Text erschlossen, und 35 Errata enthüllen eine wenig sorgfältige Verlagsedition.

Bei Andrees Virchow-Biografie handelt es sich gleichwohl um ein recht materialreiches Werk, das umfassend und kenntnisreich dargestellt ist. Die Universalität Virchows kommt insgesamt zu ihrem Recht. Es wird deutlich, dass dieser große deutsche Gelehrte nicht nur mit seinen wissenschaftlichen Entdeckungen ein medizinischer, sondern in seinem sozialverantwortlichen Wirken ein politischer Revolutionär war. Die Stärke dieser Biografie liegt in der Erschließung vieler neuer, insbesondere brieflicher Quellen. So fanden über 20.000 Briefe an und von Virchow, persönliche Dokumente, Zeitungs- und Archivmaterialien Eingang in die vorliegende Arbeit und klären die bislang in der Virchow-Forschung vernachlässigte Lebenswirklichkeit des umtriebigen Forschers und seiner Frau. Trotz der vorgenannten Kritikpunkte ist die Andree'sche Biografie, die von einem hilfreichen Verzeichnis der Anmerkungen (278-296), der Aussagen Virchows zum ärztlichen Ethos (297-299) sowie einem Personen- und Sachregister (300-304) komplettiert wird, lesenswert.

Rezension über:

Christian Andree: Rudolf Virchow. Leben und Ethos eines grossen Arztes, München: Langen Müller 2002, 304 S., ISBN 978-3-7844-2883-3, EUR 22,90

Rezension von:
Frank Stahnisch
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Empfohlene Zitierweise:
Frank Stahnisch: Rezension von: Christian Andree: Rudolf Virchow. Leben und Ethos eines grossen Arztes, München: Langen Müller 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 4 [15.04.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/04/4198.html


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