Rezension über:

Joachim Scholtyseck: Die Außenpolitik der DDR (= Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd. 69), München: Oldenbourg 2003, XII + 176 S., ISBN 978-3-486-55748-0, EUR 19,80
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Rezension von:
Ulrich Pfeil
Deutsches Historisches Institut, Paris
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Pfeil: Rezension von: Joachim Scholtyseck: Die Außenpolitik der DDR, München: Oldenbourg 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/5524.html


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Joachim Scholtyseck: Die Außenpolitik der DDR

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Die auf circa 100 Bände ausgelegte "Enzyklopädie der deutschen Geschichte" hat es sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Experten, sondern auch Studenten und Geschichtslehrern ein "Arbeitsinstrument" zu offerieren, das von einem "umfassende[n] Verständnis ausgehend", seinen Lesern einen Überblick "über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse und der Forschung" bieten möchte. Zu diesem Zweck haben sich die Herausgeber dieser Reihe lobenswerterweise entschieden, der Innen- und Außenpolitik der Bundesrepublik und der DDR gleich viel Raum zur Verfügung zu stellen. Noch vor dem angekündigten Band zur Außenpolitik der Bundesrepublik hat nun der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck seinen Forschungsüberblick zur Außenpolitik des ostdeutschen Staates vorgelegt. Gleich zu Beginn kann festgehalten werden, dass es dem Autor ungeachtet kleinerer Unkorrektheiten gelungen ist, einen gut lesbaren und auf der Grundlage der bisher veröffentlichten Literatur sorgfältig recherchierten Beitrag zur Geschichte der DDR vorgelegt zu haben. Entsprechend den Vorgaben dieser Reihe ist der Band in drei Teile gegliedert, einen kurzen synthetisierenden "Enzyklopädischen Überblick", eine Einführung in "Grundprobleme und Tendenzen der Forschung" und schließlich einen Quellen- und Literaturteil, in dem er nach thematisch-chronologischer Ordnung 352 Titel aufgelistet hat, sodass der Leser sich einen schnellen und verlässlichen Eindruck verschaffen kann.

Der darstellende Teil ist chronologisch geordnet und setzt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands in vier Zonen ein. Dank dieser Wahl ist es möglich, die in der SBZ gefallenen Grundentscheidungen und -orientierungen zu verfolgen, die auch für die Außenpolitik der DDR nach 1949 maßgeblich bleiben sollten. Diskussionswürdig erscheinen hingegen die weiteren von Scholtyseck gewählten Zäsuren. Nicht zu bestreiten ist sicherlich, dass die SED nach der Staatsgründung in erster Linie die Konsolidierung der DDR im Auge hatte und zu diesem Ziel in Konkurrenz zur Bundesrepublik eine Kernstaat- und Magnettheorie vertrat, mit der sie sich - nicht selten mit prononciert nationalen Argumenten - zum Sachwalter deutscher Interessen aufschwingen wollte. Die Konzentration auf ihre Wiedervereinigungspolitik reduzierte die DDR-Außenpolitik in diesen Jahren auf eine Deutschlandpolitik, die jedoch nicht 1953 mit dem 17. Juni endete. Die Aufnahme der DDR in den Warschauer Pakt im Mai 1955 und der bilaterale Vertrag mit der UdSSR vom 20. September des gleichen Jahres, der die Beziehungen mit "völliger Gleichberechtigung, gegenseitiger Achtung der Souveränität und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten" definierte, sowie die drei Tage später erfolgte Verkündung der bundesdeutschen Hallstein-Doktrin lassen eher hier eine Zäsur logisch erscheinen. Auch wenn die fortan offiziell vertretene Zwei-Staaten-Theorie verdeckt schon vor 1955 formuliert worden war, findet sich in den Dokumenten der Begriff der "Anerkennungspolitik" erst ab diesem Zeitpunkt. Das Beispiel der ostdeutsch-französischen Beziehungen zeigt sogar, dass diese inhaltliche Neuorientierung erst ab 1957 in die Tat umgesetzt wurde, um in eine differenzierte Frankreichpolitik zu münden.

So war die DDR-Außenpolitik zwischen 1955/57 und 1973 von dem Bestreben geprägt, die internationale beziehungsweise völkerrechtliche Anerkennung zu erreichen. Obwohl Scholtyseck selber schreibt, dass nach der Anerkennungswelle und der Aufnahme der DDR in die UNO im Jahre 1973 eine Standortbestimmung der DDR folgte, die sich fortan als souveräner Staat und als Gegenpol zur Bundesrepublik präsentieren wollte (35), sieht er nach der von "Neuer Westpolitik" und internationaler Anerkennung bestimmten Phase (1969 - 1976) einen neuen Abschnitt, der vom "Zweiten Kalten Krieg" und der Krise des sowjetischen Systems dominiert war und von 1976 bis 1985 dauerte. Zur genaueren Periodisierung bedarf es sicherlich nicht nur weiterer übergreifender Studien zu den Beziehungen der DDR mit den westlichen Staaten, wie Scholtyseck zutreffend anmerkt (115), sondern zudem noch neuer Arbeiten zu den unterschiedlichen Ebenen der DDR-Außenpolitik (Politik und Sicherheit, Wirtschaft, Kultur).

Nachdem Scholtyseck schon im Vorwort angedeutet hatte, den roten Faden seiner Abhandlung entlang der Frage nach den Handlungsmöglichkeiten und einer eigenständigen Außenpolitik der DDR verlegen zu wollen (XI), die - so der zutreffende Eindruck - sowohl Deutschlandpolitik war als auch an die Politik Moskaus gebunden war, geht es ihm auf den folgenden Seiten in erster Linie um die Definition des "dynamischen Verhältnisses" (13) zwischen der UdSSR und der DDR in den verschiedenen Phasen ihrer Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Beziehungen. Dabei kommt er bereits einleitend zu dem Urteil, dass der ostdeutsche Staat vielleicht wie kein anderer von äußeren Einflüssen abhängig blieb. Durch die Schilderung wichtiger Einschnitte in der Geschichte der DDR wie der Stalin-Note, der Berlin-Krise, des Mauerbaus, der internationalen Anerkennung und schließlich dem Ende des "SED-Staates" gelingt es ihm, das Verhältnis zwischen innenpolitischer Entwicklung und außenpolitischen Ambitionen darzustellen, das von dem Bestreben der SED gekennzeichnet war, über außenpolitische Erfolge die Legitimation des Regimes zu steigern (67).

Neben allgemeinen kommentierenden Hinweisen zur Aktenlage und zur Forschungsdiskussion vor und nach 1989/90 und zum Platz des außenpolitischen Apparates im Herrschaftsaufbau der DDR werden die Grundprobleme der Forschung in Anlehnung an den ersten Teil auch vorwiegend in der chronologischen Reihenfolge der Ereignisgeschichte behandelt. Auch wenn die wichtigsten Tendenzen kurz und prägnant zusammengefasst werden, so hätte sich der Rezensent hier übergreifende Fragestellungen gewünscht, um über die Analyse von außenpolitischen Handlungsspielräumen hinaus auch zu vertiefend-systematischen Erkenntnissen über die Verbindung von Politik, Wirtschaft und Kultur innerhalb der Außenpolitik, ihre Inhalte und die unterschiedlichen Formen ihrer Imagepolitik (zum Beispiel Antifaschismus) zu gelangen. Allgemein fällt auf, dass Scholtyseck der auswärtigen Kulturpolitik bzw. der "auslandsinformatorischen" Arbeit sowie den (staats-)gesellschaftlichen Aktivitäten der DDR nur einen geringen Stellenwert einräumt, obwohl auch für die ostdeutsche Außenpolitik die von Wilhelm Grewe formulierte Definition galt: Außenpolitik sei "die Gesamtheit aller über die eigenen Hoheitsgrenzen hinausgreifenden Aktivitäten, mit denen Staaten - oder andere im internationalen Kräftespiel handlungsfähige Organisationen - ihre Interessen wahren und ihre Ziele verfolgen." Es ist dem Autor zuzustimmen, dass die temporären Erfolge der auswärtigen Kulturpolitik nicht zu hoch einzuschätzen sind (76) und die Kulturbeziehungen schließlich nicht in der Lage waren, die DDR zu retten (118), doch deuten die beträchtlichen finanziellen Aufwendungen der SED selber auf den besonderen Rang hin, der diesen Aktivitäten von Politbüro und Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten beigemessen wurde. Dass die "Geschichte der Außenpolitik der DDR [...] künftig wahrscheinlich stärker als Ideologiegeschichte vor dem Hintergrund eines Krieges der Weltanschauungen geschrieben werden" müsse (136), kann nur unterstrichen werden. Dies umso mehr, wie auch Scholtyseck betont (16), weil die Politik der "friedlichen Koexistenz" ab 1956 den Kampf der Gesellschaftssysteme auf die Felder Politik, Wirtschaft, Technik und Kultur verlagerte. Das besondere Interesse der Bundesrepublik gerade in den 1960er-Jahren an den kulturpolitischen Aktionen der DDR in Drittländern lässt zudem darauf schließen, dass auch die westdeutschen Regierungsstellen die kulturpolitische Herausforderung annahmen und in ihr eine ernste Bedrohung für ihre eigenen Aktionen sahen.

Diese Feststellung führt zu einem Forschungsdesiderat: der indirekte Einfluss der DDR auf die bundesdeutsche Außenpolitik. Gerade dieser Ansatz würde es erlauben, auch im Hinblick auf die Außenpolitik eine deutschdeutsche Verflechtungsgeschichte zu schreiben, die über Alleinvertretungsanspruch und Hallstein-Doktrin hinausgeht. Erste Forschungen zu dieser Thematik lassen erkennen, dass der Existenz der DDR eine Katalysatorfunktion für die Beziehungen der Bundesrepublik zu zahlreichen Staaten zukam, die sich nach der Wiedervereinigung erst wieder neu definieren mussten. Dieser Ansatz geht jedoch über die Zielsetzungen des Buches von Joachim Scholtyseck hinaus, der mit seiner Studie einen wichtigen Beitrag zur deutschen und internationalen Nachkriegsgeschichte vorgelegt hat. Da die DDR-Außenpolitik selbst bis heute noch eher stiefmütterlich behandelt wird, kommt ihm ein umso größeres Verdienst zu. Scholtysecks Werk bietet in jedem Fall eine verlässliche Grundlage für zukünftige Arbeiten auf diesem Feld.

Ulrich Pfeil