Rezension über:

Luigi Castagna / Eckard Lefèvre (Hgg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit. Unter Mitarbeit von Chiara Riboldi und Stefan Faller (= Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 187), München: K. G. Saur 2003, V + 344 S., ISBN 978-3-598-77739-4, EUR 89,00
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Rezension von:
Stefan Schrumpf
Seminar für Alte Geschichte mit Papyrusabteilung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Schrumpf: Rezension von: Luigi Castagna / Eckard Lefèvre (Hgg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit. Unter Mitarbeit von Chiara Riboldi und Stefan Faller, München: K. G. Saur 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/6820.html


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Luigi Castagna / Eckard Lefèvre (Hgg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit

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Der vorliegende Sammelband stellt das Ergebnis eines deutsch-italienischen Kolloquiums dar, welches 2002 in Menaggio am Comer See stattfand. Als Ziel dieses Unternehmens sollten, so zumindest in der Vorrede als Zielvorgabe angegeben, kulturelle, rhetorische, archäologische und ökonomische Aspekte des plinianischen Gesamtwerkes (Brief-Corpus und Panegyricus) untersucht werden.

Im Ganzen umfasst der Band 21 Beiträge, unterteilt in 8 Themenbereiche, ergänzt von einem kurzen Vorwort sowie einem Stellenregister der behandelten Textpassagen bei Plinius am Ende des Bandes. Die einzelnen Aufsätze sind in ihrem Umfang relativ einheitlich und bewegen sich zwischen 11 und 18 Seiten, abgesehen von den Arbeiten Cugusis (28) und Lo Cascios (22), was allerdings in ihren ausführlichen Quellenzitaten begründet ist.

Wie angesichts der Herausgeber Castagna und Lefèvre - beide höchst renommierte Philologen - zu vermuten war, liegt der thematische Schwerpunkt mit 10 Aufsätzen eindeutig auf philologischen Untersuchungen der Werke des Plinius, unterteilt in die Gebiete Literatur, Rhetorik und Rezeption (Kapitel 1, 2 und 8). Von den zu diesen Bereichen zählenden Arbeiten beschäftigt sich die Hälfte mit Detailfragen anhand einzelner Textpassagen. So untersucht Ulrike Auhagen die Hendecasyllabi des Plinius, Jan Radicke verkompliziert vor allem ep. 4,28 als Beispiel für "kommunizierte Kommunikation" des öffentlichen Privatbriefes, und Thomas Baier zeichnet Plinius' Meinung zu historischem und rhetorischem Stil am konkreten Beispiel von ep. 5,8 nach. Franz Römer schließlich verdeutlicht an der poetischen Adaption von ep. 3,5 im frühneuzeitlichen "Benacus" des Georgius Iodocus Berganus den rezeptionsgeschichtlichen Nachhall der Plinii in ihrer Heimatgegend.

Breiter gefasst ist die andere Hälfte des philologischen Teiles, also die Arbeiten von Gianna Petrone über die Bedeutung des plinianischen Werkes für das Theater durch seinen Einfluss auf die Rhetorik, Meinolf Vielbergs (mehr Raum verdienende) Betrachtungen der bei Plinius verwendeten Sentenzen sowie Gregor Vogt-Spiras Auseinandersetzung mit der "Selbstinszenierung des jüngeren Plinius im Diskurs der literarischen imitatio", das heißt mit der Frage, in welcher Tradition sich der Literat empfand und in welcher er wirklich stand. Pier Vincenzo Cova arbeitet schließlich begriffliche und inhaltliche Unterschiede zwischen Plinius und seinem Lehrmeister Quintilian heraus, während Paolo Cugusi die rhetorischen Fähigkeiten des Plinius nochmals gesondert ausführlich thematisiert und Roberto Gazich über rhetorische Elemente in den Exempla des Plinius berichtet.

Die restlichen (also die nicht-philologischen) 11 Aufsätze konnten in ihrer Verschiedenartigkeit nur mit Mühe zu größeren Themenbereichen zusammengefasst werden. So wird der ohnehin bereits weit gefasste Oberbegriff "Werte" (Kapitel 3) noch dadurch verbreitert, dass sich unter diesem Signum sowohl Luigi Castagna über die Bedeutung der "amicitia" bei Plinius und Giovanna Galimberti Boffino über das Verhältnis von "temperamentum" und "Idealmensch" der trajanischen Zeit Gedanken machen, wie auch Eckhard Lefèvre des Plinius Pessimismus an seiner Schilderung des moralischen Verfalls des Senates nachzeichnet. Ähnlich verhält es sich mit "Geld und Wirtschaft" (Kapitel 6) - ein Oberbegriff, der auf Elio Lo Cascios gute und hilfreiche Zusammenfassung der für die Wirtschaftsgeschichte relevanten Textstellen bei Plinius exakt, auf Karl Strobels Bemerkungen zum opportunistischen Verhältnis Plinius-Domitian (im Vergleich zum Zeitgenossen Tacitus) hingegen überhaupt nicht zutrifft. Treffend ist die Zuordnung sicherlich im Falle von Kapitel 4 "Transpadana", in welchem sich ohnehin die besten Aufsätze des Bandes befinden: Gesine Manuwalds Arbeit über Hintergründe und Funktionsweise der Stiftung, welche die neu eingerichtete Schule für Como unterhalten sollte, sowie Sigrid Mratscheks Bild der Kulturlandschaft in der Transpadana. Im Kapitel "Trajan" (Kapitel 5) untersucht Domenico Lassandro die Formulierung "concentus omnium laudum" im Panegyricus, über dessen Verhältnis zum 10. Buch des Brief-Corpus sich Giancarlo Mazzoli äußert, während Marta Sordi einen ähnlichen Vergleich zum Bereich Kaiserkult und Christentum durchführt. Der Themenbereich "Villen" (Kapitel 7) scheint dagegen eigens für die diesbezügliche Abhandlung von Harald Mielsch geschaffen worden zu sein.

Wie sich bereits dieser Zusammenfassung entnehmen lässt, beruht das hauptsächliche Problem des Sammelbands sicherlich nicht in der Qualität der einzelnen Beiträge; sie haben in der Regel gutes bis sehr gutes Niveau. Vielmehr vermisst der Leser eine Grundkonzeption, die über den bloßen Namen Plinius hinausgeht.

Dies zeigt sich bereits deutlich in der Wahl der Titel für die 8 Themenbereiche. Gängige Fachbegriffe (Literatur, Rhetorik, Rezeption) in eine Reihe zu stellen mit abstrakten Umschreibungen (Werte), weitläufigen Themenfeldern (Geschichte und Wirtschaft), eng begrenzten Teilbereichen (Villen), Ortsangaben (Transpadana) und schließlich personengebundenen Bezeichnungen (Trajan), erweckt den Anschein einer gewissen Beliebigkeit.

Dass bei einem deutsch-italienischen Kolloquium die daraus hervorgehende Publikation zweisprachig ist, erklärt sich aus der Sache selbst. Doch sollte sich diese Zweisprachigkeit nicht darin zeigen, dass gänzlich einsprachige Teile abwechselnd aneinander gereiht werden (Inhaltsverzeichnis auf Deutsch, Vorwort auf Italienisch, die einzelnen Aufsätze wiederum ausschließlich in der Sprache der Autoren). Eine zweisprachige Einführung sowie kurze Abstracts in den jeweiligen Idiomen der am Kolloquium teilnehmenden Nationen, zumal es nur zwei sind, hätten den Zugriff wesentlich erleichtert.

Gleiches beträfe natürlich auch eine zusammenfassende Schlussbetrachtung. Doch verzichtete man bedauerlicherweise auf eine solche, ebenso auf ein gemeinsames Literaturverzeichnis am Ende des Bandes. Weil 7 der 21 Aufsätze zudem über keine eigene Bibliografie verfügen, bleiben einige Themenbereiche sogar gänzlich ohne eine Liste der für sie essenziellen wissenschaftlichen Arbeiten.

Auch auf einheitliche Zitierweisen wurde nicht geachtet - so findet sich der logischerweise in nahezu jedem Aufsatz (insgesamt 10-mal) als Literaturangabe genannte Kommentar von A. N. Sherwin-White auf fünf verschiedene Arten erwähnt.

Ein Stellenregister befindet sich am Ende des Bandes. Leider ist es nur auf die Briefe und den Panegyricus des Plinius beschränkt: Insbesondere wenn vergleichende Untersuchungen zu anderen antiken Autoren thematisiert werden (Strobel 310 ff: Gegenüberstellung von Plinius und Tacitus), wäre die Ausdehnung auch auf die Erwähnungen eben dieser anderen Schriftsteller wünschenswert und zweckmäßig gewesen, wie natürlich ein Namens-, Orts- oder Sachindex, die ebenfalls fehlen.

Nicht zuletzt diese formalen beziehungsweise konzeptionellen Mängel sind es, die auch eine nutzbringende Verwendung der in den Aufsätzen dargelegten Ergebnisse vielerorts erschweren, ein Umstand, der die Autoren in gleichem Maße betrüben wird, wie den Käufer des nahezu reinen Textbandes mit lediglich 4 Abbildungen in mangelhafter Qualität, der mit 89 Euro keineswegs preiswert zu nennen ist. Auch das gute Papier sowie aufmerksame Drucklegung und Korrektur (fast keine Druckfehler) ändern daran wenig.

Insgesamt gesehen stellt der vorliegende Band also weder einen entscheidenden Fortschritt in der Pliniusforschung dar, noch eignet er sich angesichts fehlender Indizes, Abstracts und Register als Kompendium des aktuellen wissenschaftlichen Standes. Keineswegs soll damit die Berechtigung auch einer solcherart heterogenen Sammlung verschiedener Untersuchungen angezweifelt werden - doch entspricht der Band der vom umfassenden Titel geweckten Erwartungshaltung sicherlich nicht. Ein Sammelwerk sollte schließlich mehr sein, als ein mit einem Obertitel versehener Ordner, der, nach seiner Befüllung mit verschiedenen Aufsätzen, die thematisch im weitesten Sinne mit eben diesem Titel in Verbindung stehen, ohne weitere Bearbeitung in den Druck gegeben wird.

Wer sich also über "Plinius den Jüngeren und seine Zeit" informieren möchte, der wird im Regelfall auch weiterhin zu den gängigen Einzeldarstellungen greifen, von Sherwin-White bis hin zu Strobel, von Lefèvre bis zu Beutel.

Stefan Schrumpf