sehepunkte 4 (2004), Nr. 9

Sabine Hering / Gudrun Maierhof: Die unpäßliche Frau

Die Einstellungen zur Menstruation haben sich in den letzten gut 100 Jahren dramatisch verändert. Vom Fluch der "Tage" über eine Pathologisierung der Monatsblutung bis zur Annahme der Menstruation als Zeichen der Stärke und Fruchtbarkeit ist es ein weiter Weg gewesen. Dieser Weg darf jedoch nicht als eine bloße Chronologie verstanden werden. Vielmehr stehen heute unterschiedliche Einstellungen zur Menstruation nebeneinander. Während Mediziner die Abschaffung der Menstruation diskutieren, planen und stückweise auch umgesetzt haben (90-Tage-Pille und Dreimonatsspritze), empfindet ein Teil der Frauen ihre Menstruation als Zeichen für Potenz und Fruchtbarkeit. Gleichzeitig tauchen immer wieder die Mythen von der Giftigkeit des Menstruationsblutes auf, die Frauen während ihrer Tage beispielsweise von Hausschlachtungen fern halten sollen; in der Gegenwart menstruierender Frauen verdürbe das Fleisch und die eingekochte Marmelade würde schlecht. Und wer sein Menstruationsblut noch nicht probiert hat, ohne Ekel zu empfinden, der habe, so Germaine Greer, noch einen weiten Weg auf der Emanzipationsstraße zurückzulegen.

Im gleichen Zeitraum hat sich die Technologie der "Hygieneartikel" (schon der Begriff ist vielsagend) rasant gewandelt. Vom einfachen Fließenlassen des Menstruationsblutes über Menstruationsschwämme, den ersten Stoff-Binden mit ihren komplizierten Tragevorrichtungen, den ersten Wegwerfbinden, der aus den USA importierten Idee für Tampons bis hin zur ultra dünnen Binde und zur schwarzen Slipeinlage für String Tangas war es gleichfalls ein weiter Weg. Dieser Weg kann als eine Straße des Fortschritts in Richtung auf Verbesserungen und vor allem auf Vereinfachungen gesehen werden. Heute muss keine Frau mehr während ihrer Tage zu Hause bleiben und das Bett hüten. Die Werbung für Binden und Tampons propagieren die dynamische, bewegliche Frau, die auch während ihrer Tage Sport treibt und berufstätig ist.

Auch die Moralvorstellungen haben sich geändert. Über Menstruation und die damit oftmals einhergehenden Beschwerden wird heute viel offener gesprochen als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Kauf von Binden erfolgt nicht mehr durch das wortlose Überreichen eines kleinen Abschnitts der verbrauchten Packung an den Drogeristen, sondern Frauen können unter den unterschiedlichsten Produkten im Super- oder Drogeriemarkt selbst frei auswählen. Das gewählte Produkt wird auch nicht mehr in diskretes Zeitungspapier eingewickelt, sondern wird offen auf das Förderband der Kasse gelegt. Geändert haben sich auch die in der Ratgeberliteratur und in der Werbung verbreiteten Anweisungen zur Körperhygiene während der Menstruation. Ständige Waschungen wie noch im 19. Jahrhundert sind heute ebenso wenig notwendig wie die Intimsprays, für die in den 1960er- und 70er-Jahren in den einschlägigen Zeitschriften geworben wurde.

Diesem gemischten Bild von Wandel und Fortschritt haben die Verfasserinnen ihre Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene gewidmet, die jetzt in einer 2. Auflage vorliegt. Gegenüber der ersten Auflage von 1991, die dem Rezensenten nicht zum Vergleich zur Verfügung stand, hätten sie, so die Verfasserinnen, inhaltlich nur wenig geändert. Einige Illustrationen seien fortgelassen worden, andere hinzugekommen. Ebenfalls neu ist ein Ausblick auf die Gegenwart. Erkenntnisse der in den letzten 11 Jahren erschienenen Forschungsliteratur wurden jedoch nicht in den Text eingearbeitet. Viele einschlägige Titel zur Geschichte der Sexualität und zur Körpergeschichte fehlen im Literaturverzeichnis. Den zeitlichen Schwerpunkt legten die Verfasserinnen auf das 19. und 20. Jahrhundert. Das erste Kapitel will zudem einen kurzen Abriss der Vorstellungen von Menstruation von der Vor- und Frühgeschichte bis zum 19. Jahrhundert geben.

Lobend hervorzuheben sind die reichlichen Schwarz-Weiß-Illustrationen des Buches. Bedauerlich nur, dass die Verfasserinnen auf Bildunterschriften verzichtet haben und das Illustrationsverzeichnis im Anhang so fehlerhaft ist, dass in vielen Fällen die Herkunft der Abbildungen nicht zu klären ist.

Die vielen Quellenzitate sind zwar teilweise interessant zu lesen, aber warum sie an einigen Stellen die Länge von einer Buchseite einnehmen, bleibt unverständlich. Vieles hätte kürzer in eigenen Worten zusammengefasst werden können.

Meine Hauptkritik richtet sich jedoch gegen die ahistorische Herangehensweise der Verfasserinnen. Mit den Maßstäben und dem Wissen von heute beurteilen sie beständig Einstellungen und Annahmen aus der Vergangenheit. Die daraus erwachsende Empörung über die Unwissenheit der Menschen vergangener Jahrhunderte, die den Verfasserinnen bei der Lektüre gynäkologischer Schriften auffiel, trägt nichts zum historischen Verständnis bei. Insofern ist diese Sozialgeschichte der Menstruation zu einer Geschichte des Weges von verkehrten Vorstellungen und irrigem Wissen hin zum "richtigen" Wissen von heute geworden. Dies ist leider ebenso unbefriedigend wie ärgerlich und führt immer wieder zu verzerrenden Interpretationen. Letztendlich ist dies auch ein langweiliges Vorgehen. Immer wieder sollen Zitate aus zeitgenössischen gynäkologischen Schriften belegen, wie wenig die Mediziner damals gewusst und verstanden hätten über die Physiologie des weiblichen Körpers und wie verkehrt ihre Schlussfolgerungen gewesen seien. Neue Erkenntnisse, die zu unserem heutigen medizinischen Wissen hinführen, werden dagegen als Fortschritte gefeiert. Die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändernden Einstellungen von Frauen zur Menstruation erklären die Verfasserinnen dann damit, "daß die Wissenschaft langsam den Schleier der Unwissenheit gelüftet hat. Die Frauen wissen um die Vorgänge in ihrem Körper, um ihren Zyklus und sind aufgeklärter" (79). Damit sprechen die Verfasserinnen den Frauen vorangegangener Zeiten ab, dass sie ebenfalls eine Vorstellung von den Vorgängen in ihrem Körper besaßen, dass sie ihren Körper erlebten und genauso erklärten mit dem Wissen, das ihnen zur Verfügung stand. Der spannenden Frage über den Wandel von Körpervorstellungen und Körpererleben von Frauen haben sich die Verfasserinnen nicht gestellt.

Letztlich ist dieses Buch unbefriedigend. Eine Neuauflage, die von der Firma Procter & Gamble gefördert wurde, war überflüssig und hat verdeutlicht, dass eine Kulturgeschichte der Menstruation, die möglicherweise verschiedene Kulturen miteinander vergleicht, noch aussteht.

Rezension über:

Sabine Hering / Gudrun Maierhof: Die unpäßliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene, 2. Auflage, Frankfurt/Main: Mabuse 2002, 183 S., ISBN 978-3-933050-99-1, EUR 19,90

Rezension von:
Lutz Sauerteig
Centre for the History of Medicine and Disease, University of Durham
Empfohlene Zitierweise:
Lutz Sauerteig: Rezension von: Sabine Hering / Gudrun Maierhof: Die unpäßliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene, 2. Auflage, Frankfurt/Main: Mabuse 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/09/4238.html


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