sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8

Francis R. Nicosia / Jonathan Huener (eds.): Business and Industry in Nazi Germany

Die Verstrickung deutscher Unternehmen in das politische und wirtschaftliche System des Nationalsozialismus steht seit mehreren Jahren verstärkt im Blickpunkt der nationalen und internationalen Forschung. Zahlreiche Forschungsprojekte, die mit der Welle neuer unternehmenshistorischer Studien zur NS-Zeit gestartet wurden, sind in der Zwischenzeit durchgeführt worden. Sie haben mit neuen Ergebnissen die Diskussion um das Beziehungsverhältnis zwischen Politik und Wirtschaft im 'Dritten Reich' vorangetrieben - so ist es an der Zeit, ein (Zwischen-)Fazit der neuen Forschungslage zu ziehen. Dieser Aufgabe widmet sich der vorliegende Sammelband, der eine Kompilation von Beiträgen führender internationaler Wissenschaftler zum Zweiten Miller Symposium des Center for Holocaust Studies und der Universität Vermont im Jahr 2002 darstellt.

Den gemeinsamen Fokus der insgesamt sechs Beiträge bildet die Frage nach den Handlungsrationalitäten, die dem Agieren der deutschen Unternehmer als willige Kollaborateure oder stillschweigende Dulder und Nutznießer des Regimes zu Grunde lagen. Damit schließt der Band nahtlos an die aktuelle Diskussion um die Motivlagen und Handlungsmuster der Unternehmer im Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus an. War es tatsächlich lediglich die Suche nach ökonomischen "Gelegenheiten", die sie zu Instrumenten von "Arisierung", Zwangsarbeit, Vertreibung und Vernichtung werden ließ? Und inwieweit versteckte sich hinter dem Deckmantel ökonomischer Rationalität politischer Anpassungszwang zur Sicherung der eigenen Position oder ideologische Übereinstimmung mit den Machthabern?

Dieser Fragenkatalog kann nach Aussage von Gerald D. Feldman nur mit einem breiten analytischen Blick auf den sich verändernden Handlungskontext unternehmerischer Entscheidungsfindungsprozesse in der NS-Diktatur beantwortet werden. Die Beteiligung deutscher Bank- und Versicherungskonzerne an der "Arisierung" und Konfiskation jüdischer Vermögen, dem Handel mit geraubtem Gold und der raschen wirtschaftlichen Durchdringung der von Deutschland besetzten Gebiete sind nicht nur äußere Zeichen der Komplizenschaft an den Verbrechen des Regimes. Sie zeigen, wie Feldman überzeugend darlegt, auch eine Art Legitimationsreflex des durch Weltwirtschaftskrise und antikapitalistische Propaganda verunsicherten Finanzsektors. Die Strategie der institutionellen Selbstverteidigung durch politische Anpassung und die Suche nach neuen wirtschaftlichen Betätigungsfeldern verwob sich dabei zu einem engen Beziehungsgeflecht und führte zu einer immer tieferen Verstrickung der Unternehmen in das NS-System: "What began as appeasement [...] inevitably ended up as collaboration und taking profits such as they were, for as long as they lasted, and from wherever they came" (39).

Unter anderem anhand der Bankiers Karl Ritter von Halt, Walter Pohle und Hermann J. Abs verdeutlicht Harold James im zweiten Beitrag des Bandes, dass diese Form der Einpassung in das NS-Regime auf psychologischer Ebene nur durch "moralische Kurzsichtigkeit" und einer Reduzierung des eigenen Handlungs- und Reflexionsfeldes auf eine rein ökonomische Objektwelt ermöglicht wurde. Die These des Rückzugs aus der politischen und moralischen Realität ist wohl nur schwer empirisch zu verifizieren. Gleichwohl gelingt es dem Autor, das individuelle Handeln der Bankiers mit der Frage nach der zunehmenden Erosion kaufmännischer Verhaltensstandards zu konfrontieren und damit eine kritische Innenansicht eines Verhaltensmusters zu liefern, bei dem sich zunehmende politische Passivität und ökonomisches Profitieren nicht ausschlossen.

Stärker noch als die Finanzunternehmen fanden sich nach Peter Hayes die Konzerne der Chemieindustrie in einem System von politischen Druck- und Anreizstrukturen zur Kooperation mit dem Regime bereit. Unternehmerischer Opportunismus, so sein Urteil über das "corporative behavior" der Degussa und IG Farben, zahlte sich finanziell aus. Die Aussicht auf eine Monopolstellung in Teilbereichen der NS-Autarkie- und Rüstungswirtschaft bildete einen beständigen Antrieb, sich in das Regime einzupassen und sich seine Ziele in zweckorientierter Loyalität ökonomisch zu Nutze zu machen. Diese Haltung half letztlich auch den mörderischen Einsatz von Zwangsarbeitern zu legitimieren, die die SS - wie Michael Thad Allen herausstellt - in der Rolle des "Labor Lords der Rüstungsindustrie" (97) an die deutschen Unternehmen vermittelte.

Den Abschluss bilden zwei Beiträge von Simon Reich und Volker R. Berghahn, die die primäre Perspektive des Bandes auf die Handlungsrationalitäten der Unternehmer deutlich erweitern. So thematisiert Simon Reich am Beispiel der deutschen Niederlassungen der Ford-Werke Kooperationsformen ausländischer Unternehmen mit den NS-Machthabern in den ersten Jahren des 'Dritten Reiches'. Er fokussiert seine Analyse auf die deutlich erweiterte Fragestellung nach der sozialen und moralischen Verantwortung des Agierens international tätiger Unternehmen mit oder in einer Diktatur unter den Bedingungen der fortschreitenden Globalisierung. Die kritische Bewertung von politischer Verantwortung und krimineller Schuld der verantwortlichen Unternehmensleiter für die Geschehnisse im 'Dritten Reich', so resümiert Berghahn im abschließenden Artikel, ist nach 1945 vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Westintegration und Kaltem Krieg nicht ausreichend geleistet worden. Die vertiefende Analyse von "behavior and mentalities" (144) der Unternehmer im NS-Staat bleibt vor diesem Hintergrund weiterhin auf der Agenda der historischen Forschung. Sie bietet den Ansatz, um das diffizile Verhältnis zwischen Wirtschaft und Staat im 'Dritten Reich' unter dem Fokus der Frage nach moralischer Verantwortung aufzuschlüsseln.

Der vorliegende Sammelband enthält zahlreiche Anregungen, um diese Perspektive zu vertiefen. Durch einen klaren Aufbau werden die Einzelbeiträge immer wieder auf übergeordnete Fragestellungen und Forschungsperspektiven zurückgebunden. Damit erreicht der Band sein im Klappentext formuliertes Ziel: Er bietet Studenten und interessierten Laien einen vorzüglichen Einstieg in die Thematik. Für den mit der aktuellen Diskussion vertrauten Forscher birgt er allerdings nur wenig neue Antworten. Zwar präsentieren die Studien jeweils spannend zusammengestellte Ergebnisse für einzelne Wirtschaftsbereiche. Es gelingt aber nur an wenigen Punkten, von den jeweils spezifischen Rahmenbedingungen, Abhängigkeits- und Symbioseverhältnissen (etwa in der Chemieindustrie und der Finanzwirtschaft) zu einer Synthese der politischen, ökonomischen und potenziell auch ideologischen Logik des Unternehmerverhaltens in der NS-Zeit zu gelangen. Vermutlich wäre dies aber auch zu viel verlangt. Erst breitere Untersuchungen von "Arisierung", Zwangsarbeit und Rüstungswirtschaft, die weitere Unternehmen und Branchen unterschiedlicher Betriebsgrößen, Regionen und Rechtsstrukturen in den Blickpunkt nehmen, werden eine vergleichende Analyse der Handlungsrationalitäten deutscher Unternehmer in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglichen. Bis dahin eignet sich der vorliegende, gut lesbare Sammelband allerdings hervorragend als Zwischenfazit und Orientierungspunkt für die zukünftige Forschung zur Frage nach corporate behaviour und corporate social responsibility unter den Bedingungen der NS-Diktatur.

Rezension über:

Francis R. Nicosia / Jonathan Huener (eds.): Business and Industry in Nazi Germany, New York / Oxford: Berghahn Books 2004, VIII + 211 S., 10 ills., ISBN 978-1-57181-653-5, GBP 36,50

Rezension von:
Ingo Köhler
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Georg-August Universität, Göttingen
Empfohlene Zitierweise:
Ingo Köhler: Rezension von: Francis R. Nicosia / Jonathan Huener (eds.): Business and Industry in Nazi Germany, New York / Oxford: Berghahn Books 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/07/5749.html


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