sehepunkte 7 (2007), Nr. 6

Frank Oliver Sobich: "Schwarze Bestien, rote Gefahr"

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus erlebt in der historischen Forschung seit geraumer Zeit eine Konjunktur. Zahlreiche neuere Studien haben argumentiert, dass die koloniale Erfahrung für die Gesellschaft des Kaiserreichs weit wichtiger war als lange Zeit angenommen. Das Interesse der neueren Forschung gilt dabei nicht nur den Erfahrungen in den Kolonien und Schutzgebieten, sondern auch den Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur des Deutschen Reiches. Die Studie Frank Oliver Sobichs reiht sich in diesen Forschungstrend ein. Sie untersucht die Bedeutung der Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika (DSWA) 1904-1907 für die Verbreitung rassistischer und antisozialistischer Deutungsmuster im wilhelminischen Deutschland. In ihrem Mittelpunkt steht eine Analyse der Debatten um die Aufstände der Hereo und Nama in der deutschen Öffentlichkeit sowie des Reichstagswahlkampfes von 1906/07, in dem die Ursachen der Aufstände und die deutsche Kriegführung eine zentrale Rolle spielten. Die so genannten "Hottentotten-Wahlen" im Januar 1907 bildeten einen Höhepunkt nationalistischer Mobilisierung, die sich politisch primär gegen die als "vaterlandslos" stigmatisierten Anhänger der Sozialdemokratie richtete. Die Arbeit untersucht deshalb auch die Auswirkungen der Wahlen auf die Haltung der Sozialdemokratie zur deutschen Welt- und Kolonialpolitik.

Sobich versteht seine Untersuchung als "eine ideologiegeschichtliche Studie" (15). Es geht ihm um die "Rekonstruktion der Reorganisation gesellschaftlicher Zuschreibungen" und ihre Instrumentalisierung für politische Zwecke (11). Hierzu werden im ersten Kapitel zunächst die Ursachen der Aufstände in DSWA und der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Hereo und Nama dargestellt, durch den mindestens zwei Drittel der indigenen Bevölkerung getötet und die traditionellen Stammesstrukturen vollständig zerstört wurden. Im Anschluss hieran untersucht Sobich die Berichterstattung über die Aufstände in der deutschen Tagespresse sowie die Diskussionen im Reichstag. Er fragt, was die deutsche Öffentlichkeit wann über den Vernichtungskrieg in DSWA wusste und weist nach, dass sowohl die deutsche Kriegführung als auch die brutale Internierungspraxis bekannt waren. Auf der Grundlage dieser Befunde entwickelt er dann seine zentralen Thesen über die imagologische und ideologische Bedeutung der Kolonialkriege und der Reichstagswahlen von 1907.

Die erste These lautet, dass durch die nationalistische Agitation während der "Hottentotten-Wahlen" in der deutschen Öffentlichkeit ein neues Bild der "Schwarzen" Wirkungsmacht erlangt habe. An die Stelle der bis dahin dominierenden Vorstellung vom "edlen Wilden", der zumeist zugleich als ein erziehungsbedürftiges Kind galt, trat das Bild der "schwarzen Bestie", das Afrikaner mit wilden Tieren gleichsetzte. Diese Bestialisierung und die den "Schwarzen" nunmehr zugeschriebene Grausamkeit, dienten vor allem dazu, die Brutalität der deutschen Kriegführung zu legitimieren. Die zweite These interpretiert die Wahlen von 1907 als eine "weitgehend unterschätzte Etappe des Anpassungs- und Nationalisierungsprozesses der sozialistischen Arbeiterbewegung" (10). Um diese These zu untermauern, untersucht Sobich die sukzessive Veränderung antiproletarischer Topoi und rekonstruiert die Genese des wilhelminischen Antisozialismus als einer spezifischen Ausgrenzungsideologie mit weitreichenden Auswirkungen auf die Programmatik und Lebenswelt der Arbeiterbewegung. Während des Reichstagswahlkampfes 1906/07 wurden die Vorstellungen von den angeblich "umstürzlerischen" Sozialdemokraten dann mit den Bildern der "schwarzen Bestien" gekoppelt und zusammen mit der vermeintlichen Gefahr einer Einkreisung Deutschlands durch konkurrierende Großmächte zu einer nationalen Bedrohung aufgebauscht. Die "geistige Progromatmosphäre" (Rosa Luxemburg) während des Wahlkampfes und die Niederlage der SPD (die 37 von 80 Mandaten verlor) bestärkten laut Sobich "affirmative Tendenzen der sozialdemokratischen Theorie" und bewirkten, "dass die sozialistische Arbeiterbewegung blind gegenüber der Gefahr einer nationalistischen und rassistischen Massenbewegung war" (380).

Dieses schroffe Verdikt (und andere ähnlich polemische Urteile) über die Rolle der Sozialdemokraten schießen jedoch weit über das Ziel hinaus. Zwar kann Sobich zeigen, dass auch Teile der Sozialdemokratie anfällig waren für die nationalistische Versuchung und einer schleichenden Nationalisierung unterlagen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die SPD insgesamt weiterhin eines der wichtigsten Bollwerke gegen den völkischen und imperialistischen Radikalnationalismus der wilhelminischen Ära darstellte. Die Politik der Sozialdemokraten gegenüber den "nationalen Minderheiten" in den preußischen Ostprovinzen, in Nordschleswig und in Elsass-Lothringen spricht hier eine eindeutige Sprache ebenso wie ihre Haltung in den Debatten um das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes von 1913. [1]

Irritierend ist darüber hinaus Sobichs mitunter höchst eigenwillige Terminologie. So führt er zur Analyse des wilhelminischen Antisozialismus den Begriff des "Klassen-Rassismus" als Übersetzung für den anglo-amerikanischen Terminus "Classism" ein. (144 ff.) "Classism" bezeichnet im Englischen die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse. Er stellt eine Parallelbildung zu "Racism" dar und wird im Deutschen deshalb in der Regel mit "Klassismus" übersetzt. [2] Während Rassismustheoretiker jedoch die reale Existenz von "Rassen" verneinen, gehen die Anhänger des "Classism" von der Faktizität sozialer Klassen aus. Aus diesem Grund ist die Übersetzung "Klassen-Rassismus" (von Sobich konsequent ohne Anführungszeichen gebraucht) problematisch. Indem Sobich die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft als "Klassen-Rassismus" bezeichnet, konstruiert er zudem eine Verbindung von rassistischen und antisozialistischen Deutungsmustern, die durch seine empirischen Befunde nicht bestätigt wird. Denn er selbst gelangt zu dem Ergebnis, dass in der diskursiven Praxis die "schwarzen" Afrikaner als "Rassenfremde" aus der "Volksgemeinschaft" ausgegrenzt wurden, während die deutschen Arbeiter als fehlgeleitete "Volksgenossen" betrachtet wurden, die gleichwohl weiterhin der deutschen Nation angehörten. Die rassistische Ausgrenzung der Sozialdemokratie erfolgte vielmehr, wie Sobich zutreffend bemerkt, über antisemitische Vorstellungen vom vermeintlich "jüdischen Charakter" der Sozialdemokratie.

Trotz dieser Einwände zeigt seine Studie insgesamt überzeugend, dass die Kolonialkriege in DSWA die öffentlichen Debatten im Deutschen Reich und politische Entscheidungsprozesse nachhaltig beeinflussten und zum Ausgangspunkt einer nationalen Mobilisierung wurden, deren Auswirkungen in jedem Fall weit über eine Legislaturperiode hinausreichten.


Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu Peter Walkenhorst: Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914, Göttingen 2007.

[2] Vgl. Heike Weinbach: Social Justice statt Kultur der Kälte. Alternativen zur Diskriminierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2006, 89-101.

Rezension über:

Frank Oliver Sobich: "Schwarze Bestien, rote Gefahr". Rassimus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich (= Campus Forschung; Bd. 909), Frankfurt/M.: Campus 2006, 424 S., ISBN 978-3-593-38189-3, EUR 45,00

Rezension von:
Peter Walkenhorst
Gütersloh
Empfohlene Zitierweise:
Peter Walkenhorst: Rezension von: Frank Oliver Sobich: "Schwarze Bestien, rote Gefahr". Rassimus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich, Frankfurt/M.: Campus 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: https://www.sehepunkte.de/2007/06/11615.html


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