sehepunkte 7 (2007), Nr. 6

Thomas Ertl: Religion und Disziplin

Franziskus von Assisi und der von ihm begründete ordo fratrum Minorum sind Phänomene, deren Erforschung eine beeindruckend lange Tradition hat. Nicht allein die Mediävistik, sondern auch die Kirchengeschichte, die - katholische und protestantische - Theologie und die Religionssoziologie schenken ihnen seit mittlerweile über einhundert Jahren größte Aufmerksamkeit. Thomas Ertl stellt sich mit seinem Buch "Religion und Disziplin" in diese Forschungstradition; er tut dies allerdings auf eine Weise, die überaus bemerkenswert ist. Sein Erkenntnisinteresse nämlich ist nicht, wie so oft, primär ordensgeschichtlich bestimmt; vielmehr wählt er eine Perspektive, die religions-, sozial-, kultur-, wissens- und bildungsgeschichtliche Fragen und Aspekte auf sehr spannende Weise bündelt. Insgesamt ist es Ertls Ziel, den Beitrag der Mendikanten und insbesondere der Franziskaner zur religiösen und sozialen Normierung und Disziplinierung der europäischen Gesellschaft des späten Mittelalters zu erforschen.

Der Untersuchungszeitraum der Studie erstreckt sich von der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts bis ins beginnende 14. Jahrhundert. Das Personal, mit dem sie sich beschäftigt, besteht aus bekannten minoritischen Autoren wie Bartholomäus Anglicus, Berthold von Regensburg oder David von Augsburg, vor allem aber aus Gelehrten des Franziskanerordens aus der 'zweiten Reihe', die vornehmlich im deutschsprachigen Raum wirkten, so etwa Helwicus, Bearbeiter des Sentenzenkommentars des Petrus Lombardus und Verfasser eines Prosatextes theologisch-erbaulichen Charakters, Heinrich von Merseburg, Lektor am Magdeburger und Erfurter Franziskanerstudium und Verfasser einer Summe zur Dekretalensammlung Gregors IX., sowie Balduin von Brandenburg, Autor der, so Ertl, "umfangreichsten, vielleicht auch niveauvollsten kanonistischen Schrift, die in Deutschland während des 13. Jahrhunderts verfasst wurde" (11). Hinzu kommen anonym überlieferte Texte franziskanischer Provenienz wie etwa die Sächsische Weltchronik, ein Glossenapparat zur Summe Heinrichs von Merseburg und eine Erfurter Minoritenchronik. Dabei geht es jedoch keineswegs um die Darstellung individueller Biographien oder einzelner Texte, sondern um die Rekonstruktion und Analyse des Diskurses, in dem die genannten Autoren und Texte standen, eines Diskurses mithin, dessen inhaltliche Grundlinien einerseits die ekklesiologische Verortung der eigenen Gemeinschaft und andererseits Ansätze zu einer umfassenden Weltdeutung und -ordnung betrafen.

Ertls Untersuchung ist in zwei Hauptteile gegliedert. Ein erster Teil widmet sich in drei Schritten der Untersuchung verschiedener Aspekte, die mit der Eigengeschichte und der kollektiven Identität der franziskanischen Gemeinschaft verknüpft sind. Vertieft problematisiert werden die ekklesiologische Position, der heilsgeschichtliche Status und die gesellschaftliche Funktion, die die Franziskaner für ihren Orden beanspruchten. Dabei zeigt sich unter anderem, dass die Apologie der eigenen Stellung und Dignität innerhalb der kirchlichen Hierarchie untrennbar verbunden war mit der Propagierung der päpstlichen Führungsrolle in ecclesia und Welt.

Der zweite Hauptteil thematisiert franziskanische Entwürfe gesellschaftlicher Ordnung. Im Mittelpunkt steht zunächst der überaus bedeutsame Beitrag der Franziskaner zur Konzeptionalisierung der Stadt als Ort, der den Normen christlicher Moral nicht zuwiderläuft, sondern deren Realisierung durchaus ermöglicht. Franziskanische Autoren des 13. Jahrhunderts haben entscheidenden Anteil an der, wie Ertl pointiert formuliert, "Verchristlichung der Stadt" (19). Eng damit verknüpft sind Ansätze zu einer Theologie der Arbeit, die sozioökonomische Veränderungen registriert und städtebürgerliche Sinnsetzungen sowie die städtebürgerliche Lebenswelt überhaupt positiv integriert. In einem weiteren Schritt verlagert Ertl den Fokus von der Gesellschaft auf das Individuum. Dabei wird unter anderem untersucht, wie die Franziskaner mit ihrem theologischen und pastoralen Wirken Individualisierungsprozesse weiterführten, die bereits im Verlauf des hohen Mittelalters einsetzten. Mittels einer inhaltlich, rhetorisch und performativ in höchstem Maße kalkulierten praedicatio sowie einer intensiven Beichtpraxis gliederte man den Einzelnen in ein zunehmend ausdifferenziertes System der Gewissenserforschung ein; überdies etablierten die Franziskaner mit ihren Erziehungsschriften ein umfassendes Regelwerk zur Normierung nicht nur der monastischen, sondern auch der laikalen Existenz. In einem dritten Schritt schließlich beschreibt Ertl in übergreifender Perspektive Historiographie und Recht als Instrumente gesellschaftlichen und religiösen Ordnens.

Insgesamt gelingt Thomas Ertl mit seinem Buch eine detail- und perspektivenreiche Analyse des religiösen, politischen und gesellschaftstheoretischen Denkens der Franziskaner im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert. Diese Analyse zeigt, auf welche Weise die Minoriten Prozesse der Individualisierung, der bürgerlichen Emanzipation und der wirtschaftlichen Rationalisierung im Bereich der sich schnell entwickelnden und ausdifferenzierenden städtischen Gesellschaft reglementierend und durchaus mit moralisch-religiösem Führungsanspruch begleiteten. Die zentrale These dabei ist, dass das mendikantische und insbesondere das franziskanische Wirken im urbanen Bereich als "zweite Stufe eines längeren kirchlichen Erziehungs- und Zivilisierungsprozesses" (374) bewertet werden muss, der auf die Verchristlichung und Zivilisierung des kriegerischen Adels Europas im frühen und hohen Mittelalter folgte. Dies bedeutet zugleich insofern eine Korrektur der Eliasschen Formel vom 'Prozess der Zivilisation', als anzunehmen ist, dass "für die Ausbreitung zivilisierten Verhaltens [...] weniger die Diffusion vom Fürstenhof zum Bürgertum als jene von der Kirche zur Laienwelt entscheidend" war (377). Es ist dies eine reizvolle These, die verschiedene Forschungsdiskurse der gegenwärtigen Mediävistik und Frühneuzeitforschung stimulieren dürfte.

Im Übrigen ist der Mut zur weit ausgreifenden These ein Charakteristikum von Ertls Studie, das besonders positiv hervorzuheben ist. Ebenfalls charakteristisch ist die Arbeit mit weiter Perspektive, die immer wieder den Vergleich zu Phänomenen des frühen und hohen Mittelalters sowie der frühen Neuzeit sucht und überdies verschiedene soziale und geographische Räume einbezieht. Es mag sein, dass eine solche Betrachtungsweise hier und dort zu Lasten einer kompakten, geschlossenen Darstellungen und argumentativen Stringenz im Kleinen geht; alles in allem ist sie dennoch positiv zu bilanzieren, gibt sie doch der Studie zu einem nicht unerheblichen Teil das Gepräge eines historischen Großessays, der höchst anregend und gut zu lesen ist.

Rezension über:

Thomas Ertl: Religion und Disziplin. Selbstdeutung und Weltordnung im frühen deutschen Franziskanertum (= Arbeiten zur Kirchengeschichte; Bd. 96), Berlin: de Gruyter 2006, 496 S., ISBN 978-3-11-018544-7, EUR 118,00

Rezension von:
Markus Schürer
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Empfohlene Zitierweise:
Markus Schürer: Rezension von: Thomas Ertl: Religion und Disziplin. Selbstdeutung und Weltordnung im frühen deutschen Franziskanertum, Berlin: de Gruyter 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/06/12149.html


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