sehepunkte 7 (2007), Nr. 10

Christoph Stiegemann / Matthias Wemhoff (Hgg.): Canossa 1077 - Erschütterung der Welt

Nachdem die Exponate zurückgeschickt, die Ausstellungsarchitektur abgebrochen und Paderborn wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurückgekehrt ist, stellt sich die Frage, was von dem ambitionierten Ausstellungsprojekt neben der Erinnerung an eine ganze Reihe bedeutender Exponate und teilweise aufschlussreicher, durch die Präsentation hervorgehobener Bezüge für die kunsthistorische Forschung bleibt.

Der zweibändige Ausstellungskatalog gibt schon durch sein Gewicht von rund fünf Kilogramm deutlich zu erkennen, dass er nicht als Begleiter während, sondern als Buch zur Ausstellung gedacht ist und somit eine gewisse Dauerhaftigkeit in der Wirkung anstrebt. Seine Zweiteilung in den eigentlichen Katalogband (624 Katalognummern, 581 Seiten) und einen Essayband (52 Beiträge, 633 Seiten) ist inzwischen für Großausstellungen Usus, und doch scheint dies hier nicht zu genügen, wenn der eine Kurator parallel noch mit einem 640-seitigen historischen Aufsatzband aufwartet [1] und der andere einen Kolloquiumsband rund um das kunsthistorische Herzstück der Ausstellung anbietet. [2] Für die Konzeption der Ausstellung und die Auswahl ihrer Exponate dürften diese beiden sogar aussagekräftiger als der Katalog selbst sein, zumal sich die eigentlichen Erörterungen mancher Autoren hier finden und der Essayband in einigen Fällen mehr oder weniger modifizierte Kurzfassungen bietet. Dass die Essays zudem eben Essays und keine Aufsätze sind (und deshalb fast durchgängig ohne Einzelnachweise und stattdessen mit allgemeinem Quellen- und Literaturverzeichnis ausgestattet werden), wirft die Frage auf, inwiefern mit dem Katalog genuine Forschung intendiert ist - auch wenn die Autoren am wissenschaftlichen Niveau keine Zweifel aufkommen lassen.

Mit dem Kolloquiumsband ist das Problem angeschnitten, das nahezu jeden Besucher, der nicht aus dem direkten Umland nach Paderborn gekommen ist, auf seiner Reise bewegt haben dürfte: Warum zeigt man eine Ausstellung zum Gang nach Canossa in Paderborn? Die inhaltliche Begründung dürfte eine kunsthistorische sein: Als eine der prominentesten Gruppen der Goldschmiedekunst dieser Zeit im Reichsgebiet gelten die Arbeiten, die unter Roger von Helmarshausen zusammengefasst werden. Dessen namensgebender Wirkungsort liegt bekanntlich im Umkreis von Paderborn, und der Kern der Gruppe mit zwei Tragaltären wird in Paderborn verwahrt. Die Region versteht sich deshalb als ein Zentrum der Kunst um 1100, wozu auch der ambitionierte Dombau Imads ab 1058 seinen Beitrag geliefert hat (eine lesenswerte Zusammenfassung von U. Lobbedey dazu im Essayband).

Zur Vorbereitung der Ausstellung und wohl auch zur Unterstreichung der Ortswahl wurde 2005 ein Kolloquium über Roger veranstaltet, dessen in dem oben angesprochenen Sammelband veröffentlichen Ergebnisse allerdings sehr zur Hinterfragung der mit ihm verbundenen Gruppe geriet. Es spricht für die Seriosität der Ausstellungsmacher, dass man diesen aus politischer Fernsicht vielleicht kontraproduktiven Diskussionsstand in ganzer Breite zur Ausstellung vorgelegt hat, wenn auch die prächtige Ausgestaltung des Bandes und seine Titelwahl dem fachfremden Betrachter wohl kaum die Zweifel einiger seiner Autoren vermitteln.

Die Ausstellung wartete mit einer Dreiteilung auf, von der die dritte Abteilung zum Nachleben des Canossagangs in der Kunst hier unberücksichtig bleiben soll. Die Ordnung suchte noch vor der in der Ausstellung instruktiv durch Konfrontation unterstrichenen Gegenüberstellung von Kaisertum und Papsttum eine Personalisierung, die die beiden Hauptprotagonisten Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. sowie Abt Hugo von Cluny und Gräfin Mathilde von Canossa vorstellte. Ihnen und ihren Wirkungsorten waren die anschließenden Abteilungen gewidmet, bevor Positionen des Reichsepiskopates folgten. Zum Leitthema wurden dann die Orte der Kirchenreform, in das die Themen der Fürsten und der Städte eingeschoben wurden. Als in der Ausstellung herausgehobenes Beispiel des rasanten Aufschwungs der Städte in dieser Zeit musste Paderborn herhalten, das allerdings noch ungebrochen die bischöfliche Stadtherrschaft ottonischer Zeit atmet, während in Worms und Köln die Bürger schon zur Revolte bliesen. Dies ist der Tribut an den Ausstellungsort und wäre woanders wohl durch ein passenderes Beispiel vorgeführt worden.

In den Essays fehlen die Themen von Stadt und Regionalfürsten fast ganz, obwohl die Regionalkräfte gerade in dieser Zeit zunehmend an Bedeutung gewannen und zu dem bestimmenden Moment wurden, als das sie in der "Romanik" im 12./13. Jahrhundert zur Blüte gelangten. Der Fokus des historischen Teils liegt hingegen ganz auf dem Canossagang sowie auf der ihm zugrunde liegenden Kirchenreform, die hier zu einer Epochenschwelle "zur Romanik" inszeniert wird. Dieser "Umbruch" prägte auch den Ausstellungsteil im Diözesanmuseum, wo die Reformzentren des Reiches zum Leitmotiv der Versammlung von prominenten und fast durchgängig gut ausgewählten Exponaten genommen wurden, um dann im Kunstkreis von Helmarshausen zu gipfeln.

Sehr wohltuend ist das Bemühen um eine breite Verankerung in den verschiedenen Bereichen wie beispielsweise der Theologie (M. Ferrari anhand des Eucharistiestreites), der Traktatliteratur (D. Oltrogge), den artes liberales bzw. artes technicae (A. von Euw) oder der Dichtung, wenn diese durchweg gelungenen Beiträge in ihrer Summe auch über Appetithappen kaum hinausgehen. Eine kleine, in der Ausstellung abgelegen und dröge präsentierte Abteilung war der liturgischen Musik gewidmet, zu der A. Haug in einem lesenswerten Beitrag sich mit der Frage von Einwirkungen der Reform auseinandersetzt.

Insgesamt überzeugen die Gliederungen beider Bände. Unverständlich ist jedoch das magere Füllen einiger Abschnitte wie dem im Katalog zur Kirchenreform unter Heinrich III. und im Essayband zur Stiftungsintention und Jenseitsvorsorge. Während der eine Abschnitt die Grundlage für die gesamte Entwicklung legt und wirkliche Forschungschancen geboten hätte, betrifft der andere mit der Memoria eine der am meisten thematisierten Aspekte der Forschungsdiskussion der letzten beiden Jahrzehnte. Beide sind zudem bei der hier gewählten Fokussierung auf die Kirchen- und Klosterreform grundlegend. Dies gilt auch für die Frage der möglichen Änderungen der Liturgie in dieser Zeit, was ebenfalls nur am Rande in einem Essay von E. Palazzo behandelt und dort eher als eine Aufgabenstellung formuliert denn als Forschung präsentiert wird. Hier wäre bei dem sonst gesuchten breiten Ansatz und bei der Bedeutung für die Fragestellung deutlich mehr zu erwarten gewesen.

Die kunsthistorischen Abteilungen bemühen sich in den Essays um die Ansprache möglichst jeder Gattung. Neben Überblicksbeiträgen mit meist altbekanntem Material (und teilweise lange bekannter Autoren), finden sich einige Beiträge, die konkret die vermeintliche Wende "zur Romanik" ansprechen. Sympathisch unaufgeregt ist hier der Beitrag von W. Jacobsen zur Architektur, mit Impetus der Versuch D. von Winterfelds, die Bauten in Cluny und Speyer voneinander zu entkoppeln. Lesenswert auch die Beiträge von M. Beer zur Skulptur, von H. Stein-Kecks zur Wand- und von H. Wolter-von dem Knesebeck zur Buchmalerei, um nur ein paar Beispiele zu benennen. Einer der Autoren, der jenseits der Tagespolitik einen konkreten Einfluss der Reform auf die Kunst zeigen kann, ist P. C. Claussen anhand des paschalischen Neubaus von S. Maria Nuova in Rom mit eingegrenztem Chorbereich. Eng damit zusammen hängt das Thema der Durchsetzung des ortsfesten Chorgestühls über die Reformklöster und -stifte in dieser Zeit, was jedoch weder die Ausstellung noch die Beiträge thematisieren.

Insgesamt versammelt der Essayband dennoch so Vieles und Vielgestaltiges, dass er als Lesebuch zur Ausstellung und als Einstieg in die Zeit überzeugt. Die Forschung wird auf den Katalog und die dort verzeichnete Objektliteratur zurückgreifen, wie auch im Essayband auf die durch die Einzelbeiträge thematisch gruppierten Quellen und Literaturtitel. Hier ist bei den kunsthistorischen Titeln zwar gelegentlich Vorsicht geboten, wenn öfters nicht werkmonografische Publikationen fehlen, aber es ist eine gute Ausgangslage geschaffen. Die Essays im Einzelnen sind so unterschiedlich wie ihre Autoren, einige von ihnen sollte man unbedingt gelesen haben.


Anmerkungen:

[1] Jörg Jarnut / Matthias Wemhoff (Hgg.): Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert - Positionen der Forschung (= Mittelalterstudien des Instituts für Interdisziplinäre Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens, Paderborn, Bd. 13), München 2006.

[2] Christoph Stiegemann / Hiltrud Westermann-Angerhausen (Hgg.): Schatzkunst am Aufgang der Romanik. Der Paderborner Dom-Tragaltar und sein Umkreis, München 2006.

Rezension über:

Christoph Stiegemann / Matthias Wemhoff (Hgg.): Canossa 1077 - Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, München: Hirmer 2006, 2 Bde., 633 S. + 581 S., ISBN 978-3-7774-2865-9, EUR 75,00

Rezension von:
Klaus Gereon Beuckers
Institut für Kunstgeschichte, Universität Stuttgart
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Gereon Beuckers: Rezension von: Christoph Stiegemann / Matthias Wemhoff (Hgg.): Canossa 1077 - Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, München: Hirmer 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/10/10228.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.