Rezension über:

Joan Breton Connelly: Portrait of a Priestess. Women and Ritual in Ancient Greece, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2007, xv + 415 S., 27 color plates, 109 halftones, ISBN 978-0-691-12746-0, GBP 26,95
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Rezension von:
Marietta Horster
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Marietta Horster: Rezension von: Joan Breton Connelly: Portrait of a Priestess. Women and Ritual in Ancient Greece, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/12853.html


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Joan Breton Connelly: Portrait of a Priestess

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Joan B. Connelly hat seit vielen Jahren an diesem Buch gearbeitet. Es liegt nun in der bestmöglichen Druckqualität vor - mit zahlreichen sehr guten Abbildungen (Farbe und schwarz-weiß), im Großformat und auf Hochglanzpapier. Mit ihrem archäologischen Schwerpunkt ergänzt Connelly die bisherigen zum Thema erschienen Bücher [1] nicht nur, sondern erweitert Fragestellung und Sichtweisen.

Mit Ausnahme einer Teilnahme am Kult und ihres Engagement für Kulte waren Frauen in der griechischen Welt in der Regel vom politischen Leben ausgeschlossen. In Religion und Kult konnten Frauen durch offizielle Aufgaben für ihre Stadt das gesellschaftliche Leben mitgestalten, sie waren dadurch für alle sichtbar ein aktiver Teil der politisch-religiösen Gemeinschaft. Connelly will mit ihrem Buch die "herausragende" (passim) Rolle der Frauen im Kult deutlich machen und von der archaischen bis in die hellenistische Zeit belegen.

Connelly kombiniert hierfür archäologische, epigraphische und literarische Zeugnisse und argumentiert mit Beispielen von Homer bis in das 2. Jahrhundert n. Chr. Der Begriff der Priesterin umfasst bei Connelly weibliches Kultpersonal insgesamt, so z.B. die Arrephoren in Athen ebenso wie die Prophetinnen des Apollo-Kultes von Delphi.

Eine Literaturliste, Anmerkungen, ein Namensindex der Priesterinnen (ca. 150 Einträge) und ein Sachindex finden sich am Ende des Buches.

Die Einleitung (1-25) führt in das Thema und eine Diskussion von Methoden und modernen Ansätzen der antiken Frauenforschung ein. Da die Religion Teil des politischen Lebens ist, übernehme das Kultpersonal Aufgaben, die denen der politischen Amtsträger ähnlich oder gleich seien. Durch die Möglichkeiten Sanktionen bei Fehlverhalten in Heiligtümern zu verhängen, nehme auch das weibliche Kultpersonal quasi-magistratische Aufgaben wahr. Die Rolle der Frauen in Kult und Heiligtum sei ihrer Rolle im Haushalt nachgebildet: so wie das Haus hielten sie auch das Heiligtum in Ordnung und übernähmen vergleichbare Aufgaben wie das Dekorieren (von Haus und Heiligtum) oder das Kochen (der Mahlzeiten zu Hause wie des Opfermahls im Heiligtum). Diese These wird allerdings nicht in Bezug auf die davon verschiedenen Männerrollen (in Haus und öffentlichem Leben) problematisiert, obwohl doch die Aufgaben im Kult für beide Geschlechter die gleichen seien. In der Einleitung wird schon an dieser wie an weiteren Behauptungen, z.B. die Frauen seien 'particularly conscientious in their attention to ritual practice' (10f.) deutlich (d.h. die Männer wären demnach weniger aufmerksam und genau bei der Beachtung der Rituale?), wie problematisch der Ansatz ist, die (Besonderheit der) Tätigkeit der Frauen im Kult herauszuarbeiten, ohne die (gleiche wie andersartige) Tätigkeit der Männer (bzw. die Überlieferung hierzu) vergleichend heranzuziehen. Zu Recht betont dagegen Connelly, dass nur eine 'pluriformity of methods of tools' (17) unter Einschluss aller Zeugnisse die Chance bietet, sich dem Thema zu nähern: die Ikonographie der Grabmonumente und Ehrenstatuen kann hierzu ebenso beitragen, wie die literarische Überlieferung und die zahlreichen epigraphischen Zeugnisse. Als Begriff führt sie den 'agent' ein, der im Sinne der Agent-Theory die zugleich aktive wie passive Rolle der sozialen Handlungen der Priesterinnen in ihrer jeweiligen Gesellschaft besser beschreibe als die der Subjekt/Objekt Kategorien (22). Am Ende der Einleitung unterstreicht Connelly den mehrfachen Sinn ihres Titels 'Portrait of a Priestess': zum einen will sie durch einzelne Zeugnisse und Namen den Priesterinnen ihrer Geschichte Leben einhauchen, zum anderen will sie mit dem Titel den eigenständigen Wert von Bildern und archäologischem Material zum Entstehen einer solchen Geschichte betonen.

Kapitel zwei 'Paths to priesthood: preparation, requirements, and acquisition' (27-55) dient der Darstellung der Wege zum Priesteramt. Es gebe zwar keine Ausbildung oder spezielle Qualifikation - abgesehen von körperlicher Unversehrtheit, Gesundheit, Wohlstand (29), Bürgerrecht (44) -, aber die Frauen würden besonders durch die weiblichen lyrischen Chöre in griechischer Tradition, Kultur, Ritualen und lokalen Mythen geschult (28). Die aus Athen bekannten Aufgaben von Mädchen und jungen Frauen im Kult werden als Beispiele angeführt, um zu zeigen, dass Frauen mit verschiedenen Kultaufgaben in den verschiedensten Lebensaltersstufen Aufgaben wahrnahmen, bzw. an die Aufgabe als Priesterinnen herangeführt wurden.

Im dritten Kapitel 'Priesthoods of prominence' (57-83) wird eine 'Mikroanalyse' (vgl. 8) von besonders bekannten und gut überlieferten Priestertümern an den Beispielen des weiblichen Kultpersonals für Athena Polias in Athen, Demeter und Kore in Eleusis, für Hera in Argos und Apollo in Delphi durchgeführt, die ein Gegengewicht zu den Überblicksanalysen der übrigen Kapitel bieten soll. Hilfreich ist die Prosopographie der Priesterinnen, auch wenn die Problematik der Überlieferung in diesem Kapitel besonders deutlich wird, da sie nicht nur von Überlieferungszufällen bei Inschriften und Monumenten abhängt, sondern von den ganz offensichtlich unterschiedlichen Weisen diese Frauen und ihre Rolle für Heiligtum zu sehen, zu ehren, darzustellen. Ebenso waren offensichtlich die Rollen dieser Frauen auch unterschiedlich definiert (dies gilt besonders für die Pythia im Verhältnis zu den anderen in diesem Kapitel genannten 'Priesterinnen').

Für das vierte Kapitel 'Dressing the part: costume, attribute, and mimesis' (85-115) und fünfte Kapitel 'The priestess in the sanctuary: implements, portraits, and patronage' (117-163) wie zum großen Teil auch für das achte Kapitel (Grabmonumente, 223-257) bietet besonders die Arbeit zur Ikonographie der Priester und Priesterinnen von A.G. Mantis (1990) die Basis für Connellys Arbeit. [2] Dabei geht Connelly in ihrer Interpretation über die Ergebnisse von Mantis hinaus und identifiziert nicht unbedingt überzeugend e.g. die freistehende Koren in Heiligtümern archaischer Zeit (125-127) oder auch eine Reihe von als Opfernde dargestellte Frauen auf Vasen (100-115) als Priesterinnen. Obwohl die kleinasiatischen vollplastischen Zeugnisse die Priesterinnen nicht als kleidouchoi - als Tempel-Schlüssel-Tragende - darstellen (so von Connelly auch konstatiert, 139), gilt für sie der Tempel-Schlüssel für die ganze von ihre diskutierte Epoche doch als das zentrale ikonographische Signal für eine Priesterin.

Das sechste Kapitel 'The priestess in action: procession, sacrifice, and benefaction' (165-195) gibt unter anderem die Diskussion um die Teilnahme der Frauen am blutigen Tieropfer wider. Mit diesem Kapitel, das auch die Wohltaten der Priesterinnen für Heiligtümer anspricht (193-195), hängt dann auch das siebte Kapitel: 'Priestly privilege: perquisites, honors and authority' (197-221) eng zusammen, in dem die finanziellen Aspekte der Priestertümer thematisiert werden (Bezahlung, Anteile und Abgaben in Geld und Naturalien, Wohltaten, für die Priesterinnen geehrt werden).

Das letzte, neunte Kapitel 'The end of the line: the coming of Christianity' (259-273) ist wohl weniger für ein wissenschaftliches Publikum geschrieben als für ein breiteres an Religion, Altertum und Genderthemen interessiertes Publikum, denn der Versuch die Ähnlichkeiten (Wohltaten für die Gemeinschaft) und Unterschiede weiblicher Ordensfrauen und bekannter Christinnen zu den paganen Priesterinnen aufzuzeigen, ist eher oberflächlich.

Die Zusammenfassung (275-281) bleibt ebenfalls hinter dem meist hohen Niveau der Detaildiskussionen der vorherigen Kapitel zurück.

Auch wenn das Buch durch seine mangelnde Kontextualisierung (Männer als Priester, lokale Besonderheiten, historische Entwicklung etc.) und seinen weit gespannten Begriff der Priesterin ein zu homogenes Bild der im Kult aktiven Frauen entwirft, so ist dennoch insgesamt ein wichtiger und gut lesbarer Beitrag zur griechischen Religion und Sozialgeschichte entstanden, dessen Lektüre für jeden an diesen Themen Interessierten zu empfehlen ist. Das Buch ist sorgfältig produziert, auch wenn sich einige Fehler insbesondere in nicht-englischen Autorenamen und Titeln finden. [3]


Anmerkungen:

[1] J.A. Turner: Hiereia. Acquisition of Feminine Priesthodds in Anient Greece, PhD University of California, Santa Barbara 1983; M.P.J. Dillon: Girls and Women in Classical Greek Religion, London 2002; S.G. Cole: Landscapes, Gender, and Ritual Space: The Ancient Greek Experience, Berkeley 2004; B. Goff: Citizen Bacchae: Women's Ritual Practice in Ancient Greece, Berkeley 2004.

[2] A. G. Mantis: Problêmata tês eikonographias tôn iereôn stên archaia Ellenikê technê, Athen 1990.

[3] Einige Beispiele: 286 Anm. 42 Schacter statt Schachter (von dem in der Literaturliste auch dann nur der erste von drei Bänden zu den Kulten Boiotiens genannt wird); 291 Anm. 121 W. Benjamin, Shriften statt Schriften; 331 Anm. 155 Junthes statt Jüthner, Leibsubungen statt Leibesübungen; 341 Anm. 8 betes statt bêtes. In der Bibliographie: 366 im Titel von C. Calame, Grece für Grèce. Die Bibliographie enthält nicht alle in den Anmerkungen genannte Literatur.

Marietta Horster