sehepunkte 8 (2008), Nr. 1

Elaine Fantham: Julia Augusti

Elaine Fantham legt hier eine Biographie der Augustustochter Julia vor. Man kann in Kenntnis des erhaltenen Quellenmaterials von vornherein fragen, ob es sinnvoll ist, sich einer historischen Gestalt wie Julia biographisch nähern zu wollen. Es ist wohl kein Zufall, dass dies bisher noch nicht versucht worden ist. Die Quellenlage ist schlecht und auch in den letzten Jahren nicht durch Neufunde erweitert worden.

Die zehn Kapitelüberschriften erlauben einen Einblick in Fanthams Schwerpunktsetzung und Herangehensweise. Auf ein Einführungskapitel zu Töchtern und Ehefrauen in der späten Republik folgen Abschnitte, in denen Julias Eltern und ihre Kindheit sowie die kulturellen und sozialen Spannungsfelder ihrer Jugend zwischen zeitgenössischer Dichtung und augusteischer Sittengesetzgebung erläutert werden sollen. Neben einem Abschnitt, der als "domestic interlude" Julia's homes zu beschreiben verspricht, geht es in der Folge vor allem um Julia's Ehemänner Agrippa ("Old enough to be her father") und Tiberius ("The fatal marriage") und Kinder ("Julia's boys; Julia's girls"). Am Ende soll schließlich Julia im Urteil der Nachwelt analysiert werden.

Bereits im Einführungskapitel zeichnet sich ab, dass Fanthams Interesse nicht eigentlich den römischen Frauen gilt und schon gar nicht der Titelheldin. Nach einigen sehr allgemeinen Feststellungen zu Heiratskriterien in der römischen Gesellschaft (Altersunterschied zwischen Braut und Bräutigam, divergierende Interessenlage von Familie und Braut, politische und mehrfache Heiraten in der römischen Oberschicht) sollen diese im Anschluss an einigen berühmten Beispielen veranschaulicht werden. Beschrieben werden dann aber nicht bekannte mehrfach verheiratete römische Frauen der Oberschicht, sondern "the marital record of the republic's two greatest generals, Gnaeus Pompeius Magnus [...] and Julius Caesar." Fantham gelingt es hierbei nicht, ein spezifisches Profil der Ehefrauen herauszuarbeiten.

Die Ausführungen über Julias Eltern, Scribonia und den jungen Octavian, zeichnen in Bezug auf Scribonia hauptsächlich eine Forschungskontroverse um deren Alter nach und kommen zu dem Ergebnis, Scribonia müsse nicht älter als dreißig Jahre gewesen sein, "when she was offered to Octavian". Versäumt wird allerdings nun zu spezifizieren, was es in der römischen Gesellschaft für eine Frau bedeutete, mit dreißig Jahren in dritter Ehe einen 23jährigen Mann zu heiraten. Auch das Schicksal der neugeborenen Julia, deren Mutter unmittelbar nach der Geburt von Octavian den Scheidebrief erhielt, wird nicht befriedigend erläutert. Fantham erwähnt zwar die römischen Rechtsgrundlagen nach einer Scheidung, welche die Kinder aus einer geschiedenen Ehe stets dem Vater zusprachen, ist aber merkwürdigerweise zögerlich, dies auch im Fall der Julia anzunehmen. Dies ist nur eine von zahlreichen Stellen des Buches, an denen römischen Oberschichtfamilien unreflektiert moderne Vorstellungen von Familienleben, Erziehung und Elternrollen unterstellt werden. Der Säugling Julia hätte - so wird suggeriert - doch wohl die traute Zweisamkeit mit der neuen Liebe Livia gestört und sei deshalb bei seiner leiblichen Mutter verblieben. Spätestens hier hätten die neueren Forschungen zu den römischen Familienbeziehungen Eingang finden müssen: ist doch die Rolle der römischen Mutter etwa von Suzanne Dixon beleuchtet worden, und haben etwa auch die antiken Stiefmütter die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden.

Auch wenn Fantham im Anschluss die angeblichen Spannungen von Julias Jugend beschreiben will, wundert man sich über die Mischung aus Einzelheiten, die nicht zum Thema gehören, und Vermutungen, die weder durch Quellen noch durch Analyse allgemeiner gesellschaftlicher Diskurse in Rom befestigt werden. Dies gilt etwa für das Verhältnis der kindlichen Julia zur Liebesdichtung: "How would an impressionable teenaged girl react to hearing or reading such erotic tales? Would she not feel that she was excluded from a more exciting world and doomed to be treated without passion as some husband's fixed and obligatory companion?" Die Annahme, ein unverheiratetes Mädchen der Oberschicht (im kindlichen Alter von bestenfalls zwölf Jahren) sei durch die Lektüre erotischer Dichtung (und das impliziert Fantham, ohne es als These zu formulieren) derart vorgeprägt worden, dass seine späteren konventionell arrangierten Ehen letztlich in einer Katastrophe enden mussten, ist in dieser Form nicht überzeugend. Hier fehlt eine vertiefte Analyse des Feldes Kindheit in der römischen Oberschicht, in der man hätte darlegen müssen, welche Literatur für Knaben und Mädchen in der ersten Phase ihrer Ausbildung als nützlich erachtet wurde, und ob die Vorstellung, Julia habe als Mädchen in kindlichem Alter Lesungen der erotischen Liebesdichtung beiwohnen dürfen, im Rahmen des Üblichen auch nur denkbar ist.

Fanthams Versuche historische Konstellationen durch Bezugnahme auf moderne "Parallelen" zu veranschaulichen, sind des öfteren unglücklich gewählt, da sie die Verhältnisse römischer Politik und Gesellschaft eher verunklären. Dies gilt nicht nur für die "heimlich" Liebesgedichte lesende Julia, sondern etwa auch für Fanthams Verwendung der Bezeichnung prince oder princess mit ausdrücklichem Verweis auf Parallelen im englischen Königshaus. Gerade weil sich dieses Buch als Einführung auch an ein allgemeines interessiertes Publikum wenden will, ist es für die Charakterisierung der augusteischen Zeit fatal, eine Person wie den Augustusneffen Marcellus als "Prinzen" zu benennen und damit zu suggerieren, das Problem der Nachfolge des Augustus habe sich lediglich in der Suche nach einer geeigneten Person erschöpft, mit der es dann die leibliche Tochter zu verheiraten galt. Dass das System der Alleinherrschaft völlig neu war, dass Augustus den Gedanken an einen Nachfolger nicht laut aussprechen durfte, dass zunächst einmal völlig unklar war, wie es etwa nach einem frühen Tod seinerseits hätte weitergehen können, wird durch derartige Formulierungen verschleiert.

Insgesamt krankt die Konzeption des Buches daran, dass die Autorin es versäumt die einzelnen Quellenaussagen zur Person der Julia in den entsprechenden Diskursen der Römischen Gesellschaft zu verorten. Dies hätte eine Basis für adäquate Bewertung liefern können. Welche Haltung nimmt man in Rom gegenüber weiblichen Kindern ein? Welche Beziehungen haben römische Töchter zu ihren Vätern? Welchen Familienmitgliedern bringt man Gefühle entgegen und in welchen Fällen kann man sie auch öffentlich zeigen? Was versteht man unter einer glücklichen Ehe in Rom? Welche Erwartungen an gefühlsmäßige Erfüllung innerhalb der Familie pflegen römische Ehepaare, Eltern und Kinder? Inwiefern bewegen sich Schicksal und Handeln der Protagonistin Julia hier im Rahmen des Üblichen? Leider werden all diese zentralen Felder in Fanthams Ausführungen nicht systematisch einbezogen.

Stattdessen nimmt ihr Interesse an der Protagonistin - so scheint es - laufend ab. In einem ganzen Kapitel wird höchst konventionell die Karriere des Marcus Agrippa beschrieben, und wenn dann schließlich vom Aufenthalt Julias mit ihrem zweiten Ehemann Agrippa im Osten des Reichs die Rede ist, fehlen bei der Bebilderung des Buches diejenigen provinzialen Münztypen, auf denen das Portrait Julias ausnahmsweise gesichert ist (obwohl im Abbildungsteil Raum für die Statuen von zahlreichen Familienangehörigen gegeben worden ist). Auch in den weiteren Kapiteln des Buches, in denen man nun hofft, Julia als erfolgreich fruchtbare Mutter, mehrfache Ehefrau, angebliche Ehebrecherin und schließlich gescheiterte Tochter und unglückliche Verbannte werde Gestalt annehmen, erfährt man stattdessen viele Einzelheiten über viele verschiedene Dinge: über einige antike Villen in Stadtrom und Kampanien, über die Karriere des Tiberius, über die Karrieren von Julias Söhnen Gaius und Lucius. Auch Informationen über die Ehemänner von Julias Töchtern werden zusammengetragen, die Verbannung von Julias gleichnamiger Tochter referiert, die Frage nach dem Grund der Verbannung des Dichters Ovid gestellt, schließlich noch Aufstieg und Fall von Germanicus und der Tochter Agrippina der Älteren behandelt. Die Titelheldin des Buches ist hierbei jeweils fast völlig aus dem Blickfeld geraten. Selbst Informationen, die hier durchaus zur Veranschaulichung ihres Schicksals hätten beitragen können, sind zumindest nicht einbezogen worden: etwa wenn Fantham in einer Fußnote mit offensichtlichem Erstaunen feststellt, Dacre Balsdon habe wohl die Verbannungsinsel der Julia, das heutige Ventotene selbst gesehen, dann aber davon absieht, den Leser über eventuelle archäologische Befunde (oder deren Fehlen) am Verbannungsort zu informieren.

Das gesamte Buch macht den Eindruck einer Ansammlung von Fakten und Vermutungen zur augusteischen Zeit, welche sich nicht zu einem strukturierten Gesamtbild zusammenfügen wollen. Die Titelheldin gewinnt keine Tiefenschärfe. Für die seit Forschergenerationen diskutierten Fragen nach den Ursachen von Julias letztlich totalem Scheitern hat die Autorin keine überzeugenden oder neuen Lösungsvorschläge anzubieten. Nach eingehender Lektüre ist der Leser weder der historischen Julia nahe gekommen, noch ist ihr spezifisches Schicksal in den sozialen und politischen Strukturen der frühen Kaiserzeit überzeugend verortet worden.

Rezension über:

Elaine Fantham: Julia Augusti. The Emperor's Daughter (= Women of the Ancient World), London / New York: Routledge 2006, xvi + 175 S., ISBN 978-0-415-33146-3, GBP 18,99

Rezension von:
Tanja S. Scheer
Institut für Geschichte, Abteilung für Alte Geschichte, Carl von Ossitzky-Universität, Oldenburg
Empfohlene Zitierweise:
Tanja S. Scheer: Rezension von: Elaine Fantham: Julia Augusti. The Emperor's Daughter, London / New York: Routledge 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 1 [15.01.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/01/11769.html


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