Rezension über:

Boris Gehlen: Paul Silverberg (1876-1959). Ein Unternehmer (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte; Nr. 194), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007, 605 S., ISBN 978-3-515-09090-2, EUR 78,00
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Rezension von:
Kim Christian Priemel
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/O.
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Kim Christian Priemel: Rezension von: Boris Gehlen: Paul Silverberg (1876-1959). Ein Unternehmer, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 3 [15.03.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/03/13914.html


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Boris Gehlen: Paul Silverberg (1876-1959)

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Paul Silverberg zählt zu jenen Unternehmern, die auch dem Fachpublikum allenfalls vage vertraut sind, meist durch die gleichnamige Kontroverse, die 1926 die (industrie)politische Landschaft Weimars durcheinanderwirbelte und in den älteren Arbeiten von Reinhard Neebe, Bernd Weisbrod und Dirk Stegmann [1] ausführlich Beachtung gefunden hat. Das Anliegen von Boris Gehlens Dissertation ist es, dieser verkürzten Wahrnehmung entgegenzutreten - und dies mit einigem Nachdruck: Silverberg, so heißt es, sei der "mächtigste Industrielle in der Endphase der Weimarer Republik" gewesen (356, 542).

Das ist eine steile, in dieser Eindeutigkeit durchaus überraschende These, und Gehlen betreibt erheblichen Aufwand, um sie zu stützen. Auf 550 Seiten leuchtet er den Lebensweg Silverbergs aus und lässt kaum eine Facette unbeachtet. Zugute kommt ihm zum einen die Breite seiner Quellen, zum anderen der durchdachte Analyserahmen, in den er diese einpasst und dem Einzelfall überindividuelle Erklärungen unternehmerischer Entscheidungsmuster abgewinnt. In einer ausführlichen, die gängigen Theorieangebote kompetent ausbreitenden Einleitung greift Gehlen die funktionale Unternehmer-Definition Fritz Redlichs mit ihrer Unterscheidung zwischen strategisch handelnden Unternehmern und taktisch agierenden Managern auf. Diese Differenzierung ist mangels praktischer Trennschärfe nicht unproblematisch: Welchen Raum institutionelle Arrangements dem Unternehmer tatsächlich lassen, zählt zu den unternehmensgeschichtlichen Kernfragen. Dass Gehlen dies nicht verkennt, zeichnet die Studie aus. Zwar konzentriert sich seine Darstellung - methodisch bedingt durch die biographische Engführung - auf die Letztentscheidungskompetenz seines Protagonisten, zeigt sich aber stets sensibel für die institutionellen Beschränkungen Silverbergs im Unternehmen wie auch in den beiden anderen Wirkungsbereichen "Volkswirtschaft" und "Gesellschaft" (40).

Silverbergs Karriere nimmt ihren Ausgang im bürgerlichen Milieu des Kaiserreiches. Der Vater ist selbst Unternehmer, der Sohn studiert Jura und bereitet sich auf eine Laufbahn im Staatsdienst vor. Als der Vater 1903 überraschend verstirbt, tritt Silverberg in die Familienunternehmen ein, wo er sich frühzeitig als Sanierer beweist. Die wichtigste Entscheidung seiner Karriere wird die Entscheidung, den mäßig bedeutenden Braunkohlenerzeuger Fortuna AG organisatorisch und strategisch neu aufzustellen. Das kaum mehr als mittelständische Unternehmen expandiert unter Silverbergs Führung seit 1907 horizontal, indem es regionale Konkurrenten angliedert, und vertikal durch den Einstieg in das Elektrizitätsgeschäft - die Boombranche vor dem Weltkrieg schlechthin. Rasch entsteht im rheinischen Raum ein - dem heutigen Stromkunden vertraut anmutendes - "Gebietsmonopol" (90), auch dank einer Interessenabgrenzung mit dem Dauerkonkurrenten RWE. Unter dem neuen Namen Rheinische AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation, kurz Rheinbraun, avanciert die Firma zu einem der stärksten deutschen Industrieunternehmen der Zwischenkriegsjahre.

In die Weimarer Ära fällt auch der Aufstieg Silverbergs als Industrieller von nationalem Format. Bis zu Beginn der 20er Jahre, so konstatiert sein Biograph, sei Silverberg zwar ein regional bedeutender Unternehmer, aber doch kein Mitglied der ersten Reihe gewesen. Zwei Gründe führt er für die nun folgenden "Ausbau-" und "Goldenen Jahre" an. Zum einen gelang es Silverberg, durch den Einstieg bei der Harpener Bergbau AG den Rheinbraun-Konzern noch einmal entscheidend zu erweitern und direkten Zugang ins schwerindustrielle Herz des Reiches zu erlangen. Zum anderen erwies sich das Gebilde als so stabil, dass Silverberg als Entscheider immer weniger benötigt wurde und ihm mehr Zeit für Netzwerkarbeit, Verbandsrepräsentation und Politikberatung blieb. Silverberg avancierte zum Multifunktionär, der eine Vielzahl strategisch relevanter Aufsichtsratsmandate wahrnahm, Ämter etwa im Reichsverband der Deutschen Industrie und im Arbeitgeberverband bekleidete und überdies einen Fuß in der Finanzwelt hatte. Mit Brünings Regierungsantritt stieg er schließlich zum Rat- und gelegentlichen Stichwortgeber des Reichskanzlers auf - obwohl oder gerade wegen seiner teils unorthodoxen Meinungen, darunter die kontroverse Forderung, sich stärker gegenüber Gewerkschaften und Sozialdemokratie zu öffnen.

So steil sein Aufstieg, so rasant war Silverbergs Fall. Binnen eines Jahres brach seine Karriere 1932/33 vollständig ein. Am Anfang und Ende standen jeweils die Namen Friedrich Flick, Fritz Thyssen und Albert Vögler. Ausgehend von der berüchtigten Gelsenberg-Affäre und endend mit der kaum weniger geheimnisumwitterten Übernahmeschlacht um Rheinbraun veränderten sich die Machtverhältnisse in Silverbergs Hausunternehmen entscheidend. In mehreren komplizierten Manövern, die Gehlen mit großer Präzision entschlüsselt, verschaffte das Trio RWE die Mehrheit an Rheinbraun. Silverberg, der selbst weder über nennenswerten eigenen Aktienbesitz verfügte noch ausreichend Vorratsaktien angesammelt hatte, musste dem Ränkespiel letztlich hilflos zusehen. Mit dem Verlust seiner industriellen Position zerfiel auch sein Netzwerk; Ämter und Mandate gab er binnen weniger Monate ab. Der Umstand, dass dies nun unter dem NS-Regime geschah, beschleunigte den Ausstieg zwar, so Gehlen, war aber keineswegs ursächlich.

In der finalen Niederlage - und hierin liegt eine große Leistung der Arbeit - charakterisiert Gehlen den Unternehmer Silverberg. Als Aufsichtsratsmitglied RWEs stimmte er selbst für den Erwerb Rheinbrauns und gegen seine eigene Stellung, getreu dem Grundsatz, stets im Interesse des qua Mandat repräsentierten Unternehmens zu handeln. Dafür zahlte Silverberg einen hohen Preis. Das restliche Vierteljahrhundert verbrachte er, gezeichnet von Resignation und Depression, im Exil; an die Stelle früherer Rastlosigkeit trat nun Untätigkeit. Die Rückkehr nach Deutschland lehnte er 1945 ab; Feierlichkeiten ihm zu Ehren, mit denen ehemalige Kollegen ihn rehabilitieren wollten, nahm er mehr zur Kenntnis, als dass er sie beging.

Dies alles legt Gehlen kenntnis- und faktenreich dar, argumentiert überlegt und überzeugend - auch wenn einzelne Punkte diskussionswürdig scheinen. Dies betrifft erstens die Silverberg bescheinigte generationelle Prägung als "typisches Kind des Kaiserreichs" (60). Inwieweit dies auf den konvertierten Juden angesichts des zu Recht konstatierten "strukturellen Antisemitismus" im Kaiserreich zutreffen konnte, bleibt unklar, etwa wenn Silverberg im Ersten Weltkrieg nicht den alldeutschen Radikalpatriotismus vieler Altersgenossen teilte und eher im "liberalen Spektrum" auftrat (118). Zweitens vermag die Einschätzung Silverbergs als mächtigster Industrieller der späten Weimarer Jahre nicht vollends zu überzeugen. Ohne Zweifel war er ein erstrangiger, einflussreicher und vor allem sichtbarer Unternehmer und Funktionär, doch den Politiker bezeichnet die Studie als "erfolglos" (404). Auch die Wirkungsmacht in Unternehmerkreisen scheint limitiert gewesen zu sein, wenn Silverberg immer wieder aneckte. Dass er als Nicht-Eigentümer zudem stets in Gefahr war, seine Stellung zu verlieren, bedingte zudem eine strukturelle Schwäche, wie seine Ausbootung 1932/33 zeigte. Der ungebremste Sturz Silverbergs weckt drittens Zweifel an seinem strategischen Geschick. Der Verzicht auf Sicherungsmaßnahmen trotz Zusammenarbeit mit Partnern à la Flick - dessen bisweilen skrupellose Methoden wohlbekannt waren - erscheint als eklatante Fehlentscheidung, die Rheinbraun die Unabhängigkeit kostete. Dass Silverberg durchaus zu mobilen Ansichten fähig war, zeigten seine gelegentlich sprunghaften gewerkschaftspolitischen Ansichten, in denen er zwischen aufgeschlossenem Pragmatismus und "Manchestertum" (240) changierte. Warum er dies mit Blick auf seine eigene Stellung unterließ, verdient sicher weitere Erörterung.

Das große Verdienst der Arbeit mindern diese Einwände jedoch keineswegs, sind sie doch überhaupt nur möglich, weil Boris Gehlen reiches Material und pointierte Thesen vorgelegt hat, die zu einer vergleichenden Analyse von Unternehmerbiographien des 20. Jahrhunderts einladen. Dazu bedarf es indes weiterer Arbeiten wie der vorliegenden.


Anmerkung:

[1] Bernd Weisbrod: Schwerindustrie in der Weimarer Republik. Interessenpolitik zwischen Stabilisierung und Krise, Wuppertal 1978; Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik, Göttingen 1981; Dirk Stegmann: Die Silverberg-Kontroverse 1926. Unternehmerpolitik zwischen Reform und Restauration, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Sozialgeschichte Heute. Festschrift für Hans Rosenberg zum 70. Geburtstag, Göttingen 1974, 594-610.

Kim Christian Priemel