sehepunkte 8 (2008), Nr. 9

Marianne McDonald / J. Michael Walton (eds.): The Cambridge Companion to Greek and Roman Theatre

Der Companion nähert sich dem griechischen und römischen Theater von einer ungewöhnlich anmutenden Seite. Den Herausgebern geht es nicht um eine enzyklopädische Darstellung von Autoren, Themen, Genres oder deren Entwicklung. Vielmehr wird ein kaleidoskopisches Bild gezeichnet, in dessen Mittelpunkt Aufführungspraxis, Darstellungskunst, Vortragskultur, religiöse Hintergründe und gesellschaftliche Funktion des antiken Theaters stehen. Der Companion bietet eine historisch-soziologische Einordnung des Mediums Theater in den Kontext der antiken Kulturen. Es ist also eine typisch angelsächsisch-kulturwissenschaftliche Herangehensweise an das Thema, die vor allem dadurch gewinnt, dass die Autoren der einzelnen Beiträge ganz unterschiedlichen Fachrichtungen angehören. Neben Philologen, Archäologen und Historikern kommen auch Theaterwissenschaftler, -regisseure und -autoren zu Wort, die sich aus einer eher praktischen Perspektive mit dem antiken Theater und seiner Darstellungskunst beschäftigen.

Der Band gliedert sich in zwei Teile zu je acht Aufsätzen, wobei Teil 1 ("Text in Context", 13-162) im Wesentlichen das Theater in seinem gesellschaftlichen Kontext und in seiner Funktion im sozialen Gefüge beleuchtet, während Teil 2 ("The Nature of Performance", 163-326) sich den praktischen Fragen der Aufführungspraxis, der technischen Ausstattung und den ökonomischen Aspekten zuwendet. Aus dieser Gliederung fällt lediglich der letzte Beitrag von Marianne McDonald ("The Dramatic Legacy of Myth: Oedipus in Opera, Radio, Television and Film", 303-326) heraus, in dem die Umsetzung antiker Themen in modernen Medien thematisiert wird.

Am Ende gibt es eine Liste der wichtigsten Autoren und ihrer Stücke, wobei die bloße Aufzählung hier wenig hilfreich ist, da sie für den Experten lässlich ist, für den nach Überblickswissen suchenden Studenten aber zu wenig Information bietet. Eine kurze Charakteristik der Stücke wäre hier sinnvoll gewesen. Das ebenfalls am Ende zu findende Glossar griechischer und römischer Termini bietet dagegen einen tatsächlichen Mehrwert.

Vorweg muss gesagt werden, dass die Beiträge zahlreiche Überschneidungen aufweisen und einige Themen (religiöse Aspekte des Theaters, Unterschiede zwischen griechischem und römischem Theater) wiederholt angesprochen werden.

Mark Griffith ("'Telling the Tale': A Performing Tradition from Homer to Pantomime", 13-35) liefert am Beginn einen hilfreichen Überblick über die historische Entwicklung des Theaters von seinen griechischen Anfängen bis ins 6. Jahrhundert n. Chr.

Richard P. Martin ("Ancient Theatre and Performance Culture", 36-54) verfolgt einen kulturhistorischen Ansatz, der das Theater gelungen in die gesellschaftlichen Zusammenhänge einbettet. Das Spektrum reicht dabei von Sport über Politik und Rhetorik bis hin zu Erziehung.

Der Beitrag zu "Religion and Drama" von Fritz Graf (55-71) bietet dagegen wenig Neues, leistet aber eine gute Zusammenfassung des Bekannten zur Verknüpfung von religiösem Ritual und Theater.

Auch John Hesk ("The Socio-Political Dimension of Ancient Tragedy", 72-91) kann nicht überzeugen. Hesk stellt das griechische und römische Theater in seinem soziopolitischen Spannungsfeld dar, bleibt dabei aber über weite Strecken sehr theorielastig und psychologisierend.

Die Aufsätze von David Wiles ("Aristotle's Poetics and Ancient Dramatic Theory", 92-107), Gonda van Steen ("Politics and Aristophanes: Watchword ?Caution!?", 108-123) und Sander Goldberg ("Comedy and Society from Menander to Terence", 124-138) nähern sich der Thematik anhand von konkreten Beispielen. Wiles unternimmt einen neuen Versuch, die Einflüsse der aristotelischen Poetik auf die späte Tragödie zu untersuchen, van Steen geht der Frage des Einflusses von aktueller Politik auf die Komödien des Aristophanes nach und Goldberg betrachtet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem griechischen Komödiendichter Menander und den römischen Autoren Plautus und Terenz.

Hugh Denard ("Lost Theatre and Performance Traditions in Greece and Italy", 139-162) schließt den ersten Teil mit einer Darstellung verlorener, außerhalb des Kanons liegender Traditionen von Theater und Aufführungspraxis ab. Dieser Beitrag verdient vor allem deshalb Beachtung, weil er versucht, die Realität der kulturellen Vielfalt zu erfassen und die einseitig auf Athen und Rom konzentrierte Überlieferung zu relativieren.

Der erste Teil des Buches lässt den Leser etwas ratlos zurück, da die Themen der einzelnen Aufsätze für einen Companion zu wenig inhaltliche Kohärenz aufweisen und kein einheitliches Bild entsteht. Diese Schwäche macht der zweite Teil des Buches wett. Hier werden unter der Überschrift "The Nature of Performance" Fragen der Aufführungspraxis, der technischen Ausstattung, der Theaterarchitektur oder der praktischen Umsetzung angesprochen.

Nach einem einleitenden Beitrag von Richard Green ("Art and Theatre in the Ancient World", 163-183), der Quellen zur Theaterdekoration und Ausstattung unter dem Aspekt "visual culture" einzuordnen versucht, untersucht Rush Rehm ("Festivals and Audiences in Athens and Rome", 184-201) den Kontext der Feste, in dem sich Theater abspielte. Er fragt nach dem Charakter der Feste, ihren Veränderungen im Lauf der Zeit und der Widerspiegelung letzterer auf der Bühne; vor allem fragt er nach dem Publikum: Was wurde von ihm erwartet und was erwartete es selbst vom Theater im Fest? [1] Rehm bietet mit seinem Beitrag einen guten Überblick über die Feste, ihre Anlässe, Entwicklungen und Besonderheiten, insbesondere auch im Hinblick auf das Publikum.

Die architektonischen Entwicklungen stehen im Mittelpunkt von Richard Beachams Aufsatz ("Playing Places: The Temporay and the Permanent", 202-226). Dieser gelungene Überblick über die wichtigsten typischen Architekturen des griechischen und römischen Theaters mit guten Abbildungen und Rekonstruktionen stellt auch eine adäquate Hinführung zu den folgenden Beiträgen von Yana Zarifi ("Chorus and Dance in the Ancient World", 227-246), Gregory McCart ("Masks in Greek and Roman Theatre", 247-267) und Graham Ley ("A Material World: Costumes, Properties and Scenic Effects", 268-285) dar. Vor allem die Perspektive des Theaterschaffenden ermöglicht interessante und unorthodoxe Zugänge zur Materie.

Aus historischer Perspektive hervorzuheben ist sicher J. Michael Waltons Beitrag ("Commodity: Asking the Wrong Questions", 286-302), der die bislang zu wenig beachtete Frage nach den finanziellen Hintergründen des Theaterbetriebes aufwirft und deutlich macht, dass das Theater auch in der Antike eine Unterhaltungsindustrie war.

In der Gesamtschau zerfällt der Companion in zwei Teile: Einen wenig systematischen ersten Teil, der für ein Handbuch sicher nicht geeignet ist und sich eher an Spezialisten richtet und einen stärker systematisch aufgebauten zweiten Teil, der dem Handbuchcharakter eher entspricht. Explizit positiv hervorzuheben ist die umfangreiche Auswahlbibliografie am Ende des Werkes. Gemeinsam mit dem Cambridge Companion to Greek Tragedy (ed. by Patricia Easterling, 1997) füllt das vorliegende Buch aber doch eine Lücke in der Forschung zum antiken Theater.


Anmerkung:

[1] Vgl. dazu den gerade erschienenen Sammelband von Jörg Rüpke (Hg): Festrituale in der römischen Kaiserzeit (= Studien und Texte zu Antike und Christentum / Studies and Texts in Antiquity and Christianity, 48), Tübingen 2008.

Rezension über:

Marianne McDonald / J. Michael Walton (eds.): The Cambridge Companion to Greek and Roman Theatre, Cambridge: Cambridge University Press 2007, xvi + 365 S., ISBN 978-0-521-54234-0, GBP 17,99

Rezension von:
Babett Edelmann-Singer
Institut für Geschichte, Universität Regensburg
Empfohlene Zitierweise:
Babett Edelmann-Singer: Rezension von: Marianne McDonald / J. Michael Walton (eds.): The Cambridge Companion to Greek and Roman Theatre, Cambridge: Cambridge University Press 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/09/13717.html


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