sehepunkte 8 (2008), Nr. 12

Hans Günter Hockerts (Hg.): Bundesrepublik Deutschland 1966-1974

Wer nach der maßgeblichen Darstellung der bundesdeutschen Geschichte in den 1960er und 1970er Jahren sucht, muss den einleitenden Text von Hans Günter Hockerts in diesem fünften Band der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945 lesen. Eine bessere Interpretation als diese politik- und sozialhistorische Problemgeschichte über das "Profil der Reformära" existiert derzeit nicht. Auf knapp 160 Seiten analysiert Hockerts die "Zeit vielfältigen Aufbruchs" in den Jahren der Großen Koalition und der Regierung Brandt-Scheel. Ergänzt durch den auf gleichem Niveau argumentierenden Beitrag von Winfried Süß über "Sozialpolitische Denk- und Handlungsfelder in der Reformära" ist hier ein kompaktes Werk über Staat, Wirtschaft und Gesellschaft während der Hoch- und Endphase des Nachkriegsbooms entstanden, das auch als Studienbuch zu nutzen ist und separat publiziert werden könnte.

Den umfangreichen Hauptteil des Bandes bilden die Einzelbeiträge über "Sozialpolitische Entwicklungen" - von der Arbeitsverfassung bis zur Internationalen Sozialpolitik. Die abschließende "Sozialpolitische Bilanz der Reformära" ziehen Hans Günter Hockerts und Winfried Süß gemeinsam. Aus dem unfangreichen Anhang sind das Quellen- und Literaturverzeichnis, das Personenregister sowie der Sach- und geografische Index hervorzuheben. Alles in allem liegt hier ein qualitativ erstklassiges, überaus solide bearbeitetes Kompendium vor.

Hockerts schildert einleitend die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Reformära, die er in die Zeit der Großen Koalition und die frühen Jahre der sozialliberalen Koalition (1969-1974) unterteilt. Dem Thema und Zweck des gesamten Bandes ist der politökonomische Ansatz sehr gut angemessen, weil damit sowohl die Regierungspolitik bis hin zu einzelnen außenpolitischen Aspekten als auch die Strukturfragen der Zeit zusammenhängend in den Blick geraten. Besonderes Augenmerk gilt dem "Modernisierungsschub" der 1960er Jahre mit seiner Fixierung auf Planung und Globalsteuerung, wobei hier die Skizzen über das "Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft" von 1967, über die "Konzertierte Aktion" und den "Geist des Keynesianismus" besonders hervorzuheben sind.

Des Weiteren werden die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Überwindung der kurzen Krise seit 1966 sowie der Regierungsstil der Großen Koalition im Kontext der Verschiebungen im Parteienfeld mit anwachsender NPD und neu entstandener DKP behandelt. Unübersehbar ist dabei, dass die Strukturreformen der 1960er Jahre, welche die Zeit seit 1970 dann prägen sollten, von der Großen Koalition angeschoben wurden, während die sozialliberale Koalition von 1969 bis 1974 eher den atmosphärischen Wandel herbeiführte. Die Ostpolitik einerseits und die Ankopplung der Politik an die Lebensstilrevolution der 1970er Jahre andererseits treten als Charakteristika der Regierung Brandt-Scheel hervor. Im zweiten Hauptabschnitt setzt Hockerts die Analyse der politischen und politökonomischen Bedingungen in Bezug zu den sozialökonomischen und kulturellen Tendenzen. Er behandelt deren internationale Dimension, wobei er einerseits die Wirtschaft, andererseits Demografie, Studentenbewegung und Wertewandel infolge von Individualisierung, Pluralisierung und neuen sozialen Bewegungen in den Ländern des Westens in den Blick nimmt.

Winfried Süß ergänzt diese Darstellung durch eine präzise Analyse der sozialpolitischen Handlungsfelder und ideellen Orientierungen. Er vergleicht zunächst die Konzeption von Sozialpolitik in den Koalitionsverhandlungen der Jahre 1966, 1969 und 1972. Dann schildert er die Akteure der Sozialpolitik in den Ministerien, den Parteien sowie bei den Arbeitgebern und Gewerkschaften. Mit dem Verweis auf das Planungsdenken ist bereits die ideelle Ebene angesprochen, die dann in einem eigenen Abschnitt über die sozialpolitischen Leitideen in den Reformjahren dargestellt wird. Insbesondere die Skizze über den Leitbegriff "Lebensqualität", der seit 1969 immer öfter gebraucht wurde und "die infrastrukturintensiven Handlungsfelder Bildung und Gesundheit sowie die Umweltpolitik als Bereiche besonders drängenden Reformbedarfs" umschrieb (210), lässt sichtbar werden, in wie hohem Maß hier die sozialwissenschaftliche Diskussion in den USA (und, das wäre zu ergänzen, in Schweden) als Orientierung und Triebkraft wirkte. Gleichermaßen umsichtig werden die sozialpolitischen Leitvorstellungen unter dem Stichwort "Humanisierung des Arbeitslebens" skizziert.

Dann folgen insgesamt 17 Kapitel über sozialpolitische Entwicklungen, die nicht im Einzelnen beschrieben werden können. Immerhin sei hervorgehoben, dass die rechtliche Dimension von Sozialpolitik mit der wirtschaftlichen, bildungspolitisch-kulturellen und der moralischen Dimension zusammengesehen wird. Darüber kommt auch die Tradition von Wohlfahrtsstaatlichkeit der kontinentaleuropäischen Länder mit all ihren Unterschieden zur individualkapitalistischen Tradition der angloatlantischen Länder ins Blickfeld.

So sehr die Beiträge den knappen zeitlichen Rahmen des Bandes von 1966 bis 1974 zu beachten haben, so sehr geben einzelne Aufsätze doch den Subtext zu erkennen, der dem Geschehen zugrunde lag. Neben der wohlfahrtsstaatlichen Tradition kommt der materiellen wie moralischen Hypothek der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs besondere Bedeutung zu. Zugleich macht sich die Ausbreitung des Wohlstands im Nachkriegsboom in Form von konsumgesellschaftlichen Erwartungen und sozialpolitischem Leistungseifer der Parteien und Regierungen bemerkbar. Im Beitrag über die Sicherung bei Alter, Individualität und für Hinterbliebene wird das anhand der Auseinandersetzungen über die Rentenreform von 1972 und deren Wirkung gezeigt. Besonders instruktiv fällt der Text über Rehabilitation und Hilfen für Behinderte aus, auf den die Themen Sozialhilfe, Familien-, Jugend- und Alten- sowie Bildungspolitik folgen. Mit dem Ausgleich von Kriegs- und Diktaturfolgen sowie der sozialen Integration von Ausländern wird die Perspektive verändert. Die Dimension von Zukunftserwartung und Zukunftsplanung hinter der Gegenwart damaliger Sozialpolitik kommt in den Blick, wenn in den weiteren Beiträgen die soziale Infrastruktur, die Wohnungs- und Vermögenspolitik und, als Vergleichsfolie, die internationale Sozialpolitik behandelt werden.

Die abschließende Gesamtbetrachtung von Hans Günter Hockerts und Winfried Süß systematisiert den Ertrag des Bandes und endet mit der These, dass es im Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren wohl kaum eine "Umgründung der Republik" (Manfred Görtemaker) gegeben habe, sondern vielmehr kontinuierliche Fortentwicklung. Das politische System der Bundesrepublik sorge dafür, "dass Politikwenden sich in abgezirkelten Grenzen halten". Eine Umgründung der Republik vollzog sich im Lebensgefühl der Menschen, weil dieses beeinflusst war vom wachsenden Wohlstand und von Reformeuphorie, bevor das Ende des Nachkriegsbooms die Stimmung alsbald gereizt werden ließ und die Wohlstandsgesellschaft mit den selbst erzeugten Belastungen konfrontierte. Dieses gewichtige Buch wird die nüchterne Urteilsbildung über das Jahrzehnt der Reformen und des Umschwungs fördern. Es ist als Pflichtlektüre zu betrachten.

Rezension über:

Hans Günter Hockerts (Hg.): Bundesrepublik Deutschland 1966-1974. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs (= Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945; Bd. 5), Baden-Baden: NOMOS 2006, 1133 S., 1 CD-ROM, ISBN 978-3-7890-7321-2, EUR 149,00

Rezension von:
Anselm Doering-Manteuffel
Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Anselm Doering-Manteuffel: Rezension von: Hans Günter Hockerts (Hg.): Bundesrepublik Deutschland 1966-1974. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs, Baden-Baden: NOMOS 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/12/13261.html


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