sehepunkte 8 (2008), Nr. 12

Rezension: Die Außenpolitik der beiden deutschen Staaten 1949-1990

Lange Zeit waren Gesamtdarstellungen der Außenpolitik der Bundesrepublik die Domäne von Politikwissenschaftlern. Nun sind aber auch Historiker hinzugekommen. [1] Im vorliegenden Fall hat Ulrich Lappenküper im Rahmen der EDG-Reihe einen konzentrierten Überblick zum Verlauf und zum Forschungsstand der Außenpolitik des westdeutschen Teilstaates vorgelegt. Wer sich in den Archiven der bundesrepublikanischen Geschichte in Koblenz, Bonn oder Berlin bewegt, der wird das ein oder andere Mal auf ein Schildchen mit dem Verfassernamen und einem riesigen Aktenberg dahinter gestoßen sein. Und mit seiner Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen unter Adenauer hat Lappenküper ein monumentales Standardwerk zur Frühphase der westdeutschen Außenpolitik vorgelegt. [2] Der Bonner Schule der Geschichtsschreibung der internationalen Beziehungen entstammend, war Lappenküper also prädestiniert für den hier anzuzeigenden Band, und er hat die Aufgabe bestens gemeistert. Natürlich macht sich der knapp bemessene Raum (bei übrigens recht hohem Preis gerade für die Hardcoverausgabe) bemerkbar, weniger als 500 Titel konnten für die Auswahlbibliografie herangezogen werden.

Auch im darstellenden Teil ist manch arge Straffung zu konstatieren. Die Rolle der Entspannungspolitik Kennedys für die Wendung Adenauers zum "Gaullisten" wird zu wenig berücksichtigt, der über viele Etappen sich vollziehende Strategiewechsel der USA von "massive retaliation" zur "flexible response" wird schon für Ende der 1950er Jahre als vollzogen gemeldet, die Probleme der Bundesrepublik mit dem Vietnamkrieg werden kaum gestreift. Eine etwas präzisere Klärung hätte man sich auch hinsichtlich des staatsrechtlichen Terminus "souverän" gewünscht. Wann war denn nun die Bundesrepublik souverän, 1949, 1955 oder erst 1990?

Angenehm fällt auf, dass in diesem Lehrbuch die Forschungskontroversen fair, aber nicht ohne eigenen Standpunkt skizziert werden und manche Überkorrektur von Erkenntnissen wieder ins rechte Licht gerückt wird, so die angeblich enge Abstimmung der Neuen Ostpolitik mit den westlichen Verbündeten.

Gibt Lappenküper einen dichten Überblick über die Außenpolitik der Bundesrepublik, so bietet Hermann Wentker eine sehr detaillierte Studie zu der in Abhängigkeit vom sowjetischen "Bruderstaat" formulierten Außenpolitik der DDR. Der Titel "Außenpolitik in engen Grenzen" ist gut gewählt, hatten die Akteure der DDR doch über die gesamte Zeit dieses Staates nur einen sehr begrenzten Handlungsspielraum. Am Anfang war die DDR ein "vollständig abhängiger Satellitenstaat, der in jeder Hinsicht dem Willen der ehemaligen Besatzungsmacht unterworfen war." Sie fungierte als "reines Instrument der sowjetischen Deutschlandpolitik." (557) In den fünfziger Jahren gelang es der DDR dann, zu einem den anderen Ostblockstaaten gleichgestellten Staat zu werden, wegen der Berlin-Problematik war sie in gewisser Weise sogar ein besonders wichtiger Alliierter der Sowjetunion. Die ursprüngliche - illusorische - Wiedervereinigungspolitik der DDR wurde durch den Versuch internationaler Anerkennung im Schatten des bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruches substituiert. Erfolg war dieser Politik erst mit dem Grundlagenvertrag im Zeichen der Neuen Ostpolitik Willy Brandts beschieden. In der Folgezeit versuchte die DDR ihren Spielraum in der deutsch-deutschen Politik zu erhalten, was nur teilweise gelang. Der Niedergang der Sowjetunion vergrößerte dann das internationale Gewicht und die Eigenständigkeit der DDR, führte letztlich aber auch zu ihrem Niedergang.

Manches Thema vermisst man in Wentkers Buch, so etwa die mediale Ausschlachtung des "US-Imperialismus" in Vietnam. Die politische Gestaltung der auswärtigen Beziehungen der beiden deutschen Teilstaaten scheint nun jedoch relativ gut ausgeleuchtet zu sein. Neben den immer anzubringenden Ergänzungen und Verfeinerungen ist jetzt die Erweiterung dieser Geschichten im Hinblick auf die stärkere Einbeziehung von Medien, öffentlicher Meinung, Werthaltungen und politischer Kultur geboten.

Insgesamt sind die beiden Bände mit der dort verarbeiteten, umfangreichen Literatur ein weiterer Beleg dafür, dass die "Internationale Geschichte", wie es neudeutsch heißt, wieder in das Zentrum der Geschichtswissenschaft gerückt ist, ja geradezu einen regelrechten Boom erlebt.


Anmerkungen:

[1] Vgl. bspw. Gregor Schöllgen: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999, 3. erweiterte Auflage, München 2004.

[2] Vgl. Ulrich Lappenküper: Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963. Von der "Erbfeindschaft" zur "Entente élémentaire", 2 Teilbände, München 2001.

Rezension über:

Ulrich Lappenküper: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd. 83), München: Oldenbourg 2008, X + 164 S., ISBN 978-3-486-55040-5, EUR 34,80

Hermann Wentker: Außenpolitik in engen Grenzen. Die DDR im internationalen System 1949-1989 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 72), München: Oldenbourg 2007, X + 612 S., ISBN 978-3-486-58345-8, EUR 49,80

Rezension von:
Peter Hoeres
Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Empfohlene Zitierweise:
Peter Hoeres: Die Außenpolitik der beiden deutschen Staaten 1949-1990 (Rezension), in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de/2008/12/14549.html


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