sehepunkte 9 (2009), Nr. 1

Felix Billeter (Bearb.): Max Beckmann in der Pinakothek der Moderne

Max Beckmanns Werk ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien und Ausstellungen neu erschlossen worden. Der Künstler genießt inzwischen eine solche, auch internationale Anerkennung, dass man seine Malerei als entscheidenden Beitrag der deutschen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ansehen möchte. Wenn man Beckmanns Arbeiten in Deutschland intensiv im Original betrachten und studieren will, dann besucht man vor allem die großartig bestückten Räume der Bremer Kunsthalle, fährt nach Köln in das Museum Ludwig sowie nach Leipzig in das Museum der bildenden Künste. Und man fährt dann nicht etwa nach Berlin, sondern nach München, denn neben dem St. Louis Art Museum, wo allerdings die unvergleichliche Beckmann-Sammlung von Morton D. May in mehreren Sälen gezeigt wird, besitzt die Isar-Metropole München die umfangreichste Sammlung von Gemälden Beckmanns weltweit.

Diese Sammlung zeichnet sich zum einen durch die zeitliche Spanne aus, umfasst sie doch auch ein eindringliches Hauptwerk des frühen Beckmann und reicht dann über die Zeit der Weimarer Republik und das Exil in Amsterdam bis in das Todesjahr 1950 in New York. Zum anderen befinden sich in der Sammlung Hauptwerke: München besitzt das rätselhafte Grosse Stilleben mit Fernrohr aus dem Jahre 1927, das die Melancholie-Thematik der 1920er Jahre mit einem furiosen Farbakkord variiert. Und in München befindet sich das zweite Triptychon des Malers, die Versuchung von 1936/37, das 1977 aus der Sammlung Stephan Lackners nach München kam, wobei die Münchner Kollektion insbesondere auf der Stiftung des Beckmann-Händlers und -Sammlers Günther Franke fußt, die man für München als Glücksfall bezeichnen darf. Schließlich besaß Franke nicht nur Hauptwerke, sondern auch kleinere, weniger bekannte und künstlerisch sehr aufschlussreiche Gemälde. Dies ist die dritte und nicht geringste Qualität der dokumentierten Bestände.

Eingeleitet wird der Band von Aufsätzen Carla Schulz-Hoffmanns, die seit der Beckmann-Retrospektive 1984 und ihrer Monografie von 1991 als eine der besten Kennerinnen des Malers zu gelten hat, und Felix Billeters, der die vorgelegte Publikation maßgeblich erarbeitet hat. Schulz-Hoffmann stellt Max Beckmann am Leitfaden der dokumentierten Bilder allgemein vor und liefert mit ihrer Darstellung einen prägnanten Überblick über Beckmanns künstlerische Entwicklung. Demgegenüber schildert Felix Billeter die Genese der eindrucksvollen Kollektion, die seit 1930, vor allem aber nach 1945 aufgebaut werden konnte und sich insbesondere dem Entgegenkommen oder der Großzügigkeit von Sammlern wie Stephan Lackner, vor allem Günther Franke sowie Sophie und Emanuel Fohn verdankt. Billeter hat denn auch den Bestandskatalog der Sammlung zusammengestellt und die erläuternden Bildbeschreibungen verfasst, die sich durch konzise Darstellungen, umfangreiches Bildmaterial (Röntgenaufnahmen, Details und Vergleichsabbildungen) und präzise Zustandsbeschreibungen auszeichnen.

Vier an technischen Befunden ausgerichtete abschließende Beiträge beschäftigen sich mit Fragen der Maltechnik und den verwendeten Malmaterialen Beckmanns, sodass diesem Bereich in dem Bestandskatalog einiges Gewicht zugewiesen wird. Deutlich wird dabei, dass Beckmanns Malerei einen ausgeprägt prozesshaften Charakter besitzt, vom Künstler immer wieder lange und parallel an mehreren Werken gearbeitet wurde. Bildtitel und Kompositionen änderten sich im Verlauf der künstlerischen Arbeit zum Teil gravierend - daraus wären an anderer Stelle interpretatorische Konsequenzen zu ziehen. Zum Beispiel wurden Farben von Beckmann durch das Aufstreichen von Farbentfernern sorgfältig wieder abgenommen und so nach monatelanger Arbeit der Eindruck spontaner Bildentstehung gewahrt. Ferner gibt es Fälle, bei denen die Grenzen zwischen Vorzeichnung, Skizze, Malerei und Kontur fließend oder gar aufgehoben sind, sodass die Prozessualität von Beckmanns Malerei in der Bilderfindung als Resultat anschaulich aufgehoben bleibt. Deutlich wird auch, dass der Maler sehr bewusst mit seinen Mitteln umgegangen ist. Insbesondere die Farbbehandlung, sein subtiler Umgang mit der Farbe Schwarz - der Ortrud Westheider 1995 eine wichtige Studie widmete [1] - oder die Tatsache farbiger Imprimituren, die den Charakter des gesamten Werkes bestimmen können, werden hierbei anschaulich geschildert. Und schließlich werden die Protrusionen (d.h. altersbedingte Materialveränderungen) auf den Seitenflügeln des Triptychons Versuchung als Resultat eines im Vergleich zur Mitteltafel höheren Bindemittelanteils in der Farbe erläutert, die das Bild als nicht mehr transportabel, aber auch nicht akut gefährdet erscheinen lassen, wenn es denn dem "mechanischen Stress durch Transporte" entzogen bleibt.

Der besprochene Band ist in der Tat ein reiner Bestandskatalog, und er besticht durch seine großzügige Aufmachung, die Qualität der Abbildungen, den Reichtum der ausgebreiteten Quellen und die fundierte wissenschaftliche Bearbeitung der Werke. Man bekommt hier keine neuen Interpretationen der komplexen Bilder Beckmanns vorgelegt, auch wenn die Einzelwerke der Münchner Sammlung zum Teil durch bislang unbekannte Details erhellt werden. Vor allem bekommt man den Maler Beckmann als Maler nicht zuletzt in naturwissenschaftlich basierter, technischer Hinsicht erläutert. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen leisten mit diesem vierten Band zu den eigenen Beständen weiterhin vorbildliche Grundlagenarbeit bei der wissenschaftlichen Erfassung der deutschen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Anmerkung:

[1] Ortrud Westheider: Die Farbe Schwarz in der Malerei Max Beckmanns, Berlin 1995.

Rezension über:

Felix Billeter (Bearb.): Max Beckmann in der Pinakothek der Moderne, Ostfildern: Hatje Cantz 2008, 448 S., 270 Abb., ISBN 978-3-7757-2036-6, EUR 128,00

Rezension von:
Olaf Peters
Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Empfohlene Zitierweise:
Olaf Peters: Rezension von: Felix Billeter (Bearb.): Max Beckmann in der Pinakothek der Moderne, Ostfildern: Hatje Cantz 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15.01.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/01/15180.html


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