Rezension über:

Thomas Baier (Hg.): Die Legitimation der Einzelherrschaft im Kontext der Generationenthematik (= Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 251), Berlin: de Gruyter 2008, 336 S., ISBN 978-3-11-020362-2, EUR 98,00
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Rezension von:
Jan Timmer
Historisches Seminar, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jan Timmer: Rezension von: Thomas Baier (Hg.): Die Legitimation der Einzelherrschaft im Kontext der Generationenthematik, Berlin: de Gruyter 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/15120.html


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Thomas Baier (Hg.): Die Legitimation der Einzelherrschaft im Kontext der Generationenthematik

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Soll Herrschaft von Dauer sein, so ist es notwendig, dass sie von einem signifikanten Anteil der Beherrschten für legitim gehalten wird, dass also Entscheidungen auch dann akzeptiert werden, wenn sie für die Akteure keinen Nutzen bedeuten, und zwar weil der Betroffene glaubt, dass diese Entscheidung zurecht gefällt wurde. Dabei kann dieser Glaube der Beherrschten bekanntlich auf ganz unterschiedlichen Grundlagen ruhen, und so können auf der anderen Seite auch die Strategien, mit denen Machthaber ihre Herrschaft zu legitimieren suchen, sehr verschiedene Züge annehmen.

Der von Thomas Baier herausgegebene vorliegende Sammelband, der aus einer im November 2006 in Bamberg abgehaltenen Tagung hervorging, untersucht auf 336 Seiten Strategien der Legitimierung von Einzelherrschaften vom klassischen Athen bis ins deutsche Mittelalter und fragt dabei insbesondere nach der Begründung von Herrschaft sowie der Veränderung von Argumentationsmustern und will diese Fragen mit dem Konzept von "Generationen" im Mannheimschen Sinne zusammenbringen.

In einem ersten Abschnitt zur griechischen Geschichte untersucht S. Föllinger "Genealogie und Herrscherlegitimation in Aischylos' Persern" (11-24). M. Reichel widmet sich "Herrschaftswechsel und Generationenfolge in Xenophons Kyrupädie" (25-38), und schließlich thematisiert M. Erler "Utopie und Realität. Epikureische Legitimation von Herrschaftsformen" (39-54).

Vergleichsweise kurz wird die römische Republik abgehandelt: F. Carderi geht in seinem Beitrag "Legittimazione del potere e conflitti generazionali nella Roma degli Scipioni. Il punto di vista di Lucilio" (55-64) auf das 2. Jh. v.Chr. und der Herausgeber Th. Baier mit "Cicero und Sallust über die Einzelherrschaft Caesars" (65-84) auf die Zeit der Krise der Republik ein.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt deutlich auf Untersuchungen zu Legitimationsmustern des frühen Prinzipats: Von Augustus (P. Monella "L'autorità e le sue contraddizioni: Numa nei Fasti di Ovidio" (85-108)) über dessen direkte Nachfolger (L. Landolfi "Un'adozione difficile. Tiberio, Caligola e la legittimazione del nuovo princeps" (109-128)) und die neronische Epoche (V. Chinnici "Nell'officina del tiranno: Seneca e la legittimazione debole del potere monarchico" (129-146); A. De Caro "Pone ex animo reges atavos (Tro. 712). Auflösung einer Familie, Sinnbild der Geschichte" (147-174); S. Stucchi "La sentenziosità del potere assoluto e le autogiustificazioni del nefas tirannico in Seneca: l'incombere del pater" (175-198); J. Radicke "Neros Rede vor dem Senat (Tac. ann. 13,4). Zu Programm und Politik der neronischen Regierung in den Jahren 54-62 n.Chr." (199-220)) bis in die flavische Zeit hinein (F. Stürner "Silius Italicus und die Herrschaft des Einzelnen: Zur Darstellung Hannibals und Scipios in den Punica" (221-242)) geht der chronologische Durchgang.

Ein weiterer Abschnitt bietet einen Ausblick auf spätere Epochen und bezieht Nachbarwissenschaften mit ein: S. Schorn schreibt über "Legitimation und Sicherung von Herrschaft durch Kritik am Kaiser. Zum sogenannten zweiten Panegyrikos Julians auf Kaiser Constantius (or. 2 [3] Bidez)" (243-274). J. W. Drijvers beschäftigt sich mit "Imperial Succession in Ammianus Marcellinus" (275-294), P. Bruns thematisiert Institutionalisierungsprozesse im frühen Christentum ("Der Monepiskopat im Briefkorpus des Ignatius von Antiochien" (295-308)). M. Amerise handelt über Byzanz ("Spirituelle Verwandtschaft als Legitimationskriterium byzantinischer Kaiser in den Briefen des Nikolaos Mystikos" (309-318)) und H.-J. Behr schließt den Band mit Ausführungen zum deutschen Mittelalter ab ("des moht er wol gewinnen beide liute unde lant. Legitimation und Herrschaft in epischen Texten des deutschen Mittelalters" (319-336)).

Bereits die reine Auflistung der Einzelbeiträge macht die Heterogenität des Sammelbandes deutlich. Nun ist es leicht, Sammelbänden vorzuwerfen, dass die in ihnen enthaltenen Beiträge nur wenige Gemeinsamkeiten aufweisen, und so gehört diese Kritik zu den häufigen und billigen Kritikpunkten von Rezensenten. Für den vorliegenden Sammelband gilt dieser klassische Vorwurf aber in besonderem Maß; weniger, weil es unmöglich wäre, Legitimität von Einzelherrschaft auch über einen derartig langen Zeitraum hinweg zu untersuchen, oder, weil die Untersuchung von Veränderungen in der Herrschaftslegitimierung als Untersuchungsgegenstand nicht lohnenswert wäre - ganz im Gegenteil -, sondern weil der Herausgeber jeden Versuch unterlässt, die gemeinsame Perspektive der Beiträge zu begründen. Vor allem - und dies erstaunt bei einem derartig schillernden Begriff wie "Legitimität" - wird darauf verzichtet, den Leitbegriff der Untersuchung zu definieren; weder in der Einleitung noch in den einzelnen Beiträgen werden hierzu systematische Überlegungen angestellt. Zudem führen der Titel des Sammelbandes sowie die von Baier in der Einleitung formulierten Leitfragen in die Irre: Um Strategien der Legitimierung von Einzelherrschaft und deren Transformation soll es in diesem Band gehen, mithin um die Verwendung analytischer Begriffe zur Erklärung lang andauernder Prozesse. Tatsächlich versammelt der Tagungsband eine Reihe von z.T. durchaus interessanten Interpretationen einzelner Quellenstellen, die aber gerade nicht in größere Zusammenhänge eingeordnet werden.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck: Die Veränderung von Legitimationsmustern ist sicher ein zentrales Forschungsfeld auch in den Altertumswissenschaften. Der vorliegende Band kann hier Schlaglichter auf einzelne Facetten dieses Themenkomplexes werfen, den von ihm formulierten Anspruch erfüllt er aber nicht.

Jan Timmer