sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8

Alan Forrest / Karen Hagemann / Jane Rendall (eds.): Soldiers, Citizens and Civilians

Die historische Kriegsforschung hat in den letzten Jahren einen enormen Auftrieb erfahren. Diesseits und jenseits des Atlantiks stehen dabei weniger militär-technische oder soldatisch-strategische Aspekte im Fokus, sondern in zunehmendem Maß die Erfahrungen der Beteiligten, die Mentalitäts- und Sozialgeschichte der Kriege. Neu erschlossene Quellengattungen rücken die Soldaten und ihr Umfeld, die Zivilisten und ihre Reaktionen sowie Begeisterung und Widerständigkeit in den Vordergrund. Der zu besprechende Sammelband, der aus einer Tagung am Deutschen Historischen Institut in London hervorgegangen ist, bietet ein mustergültiges Beispiel dichter Beschreibung einer Gesellschaftsgeschichte im Krieg. Durchgängiges Prinzip ist in allen Beiträgen die Aufmerksamkeit auf private Dokumente der Beteiligten. Die Autoren konzentrieren sich dabei auf die Revolutions- und Napoleonischen Kriege. In drei thematischen Abschnitten werden die Themen behandelt: Militärische Erfahrungen - Zivilisten im Krieg - Krieg, Patriotismus und Protest.

John E. Cookson (23-42) charakterisiert die Realität der Regimentswelt britischer Soldaten während der Napoleonischen Kriege. Er kommt zum Ergebnis, dass die Identität der eigenen soldatischen Welt einen zentraleren Platz einnahm als die Feindschaft zu Frankreich. Diese Identität, so Natalie Petiteau (43-58), ließ die Überlebenden ein Veteranenbewusstsein ausbilden, das wesentlich auf dem Zusammengehörigkeitsgefühl des Regiments basierte. Erst im Aufgreifen der gemeinsamen Erlebnisse im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde daraus ein Nationalbewusstsein, wie es die französische Armee im Ersten Weltkrieg antrieb. Die besondere Situation der Soldaten aus dem napoleonischen Herzogtum Warschau greift Jarosław Czubaty (59-76) auf. Patriotismus und Tradition waren für den Aufbau einer eigenen Armee des Landes, das nur für wenige Jahre als Satellitenstaat existierte, entscheidende Motive. Dass in den Armeen nicht nur Männer, sondern auch Frauen eine Rolle spielten, belegt der Beitrag von David Hopkin (77-95). Frauen dienten hinter der Front, verstanden es aber in Einzelfällen, verkleidet als Männer am Kriegsgeschehen teilzunehmen. In fiktionalen Berichten haben sich Spuren davon erhalten.

Der zweite Abschnitt des Sammelbands setzt am Frauenthema an. Patricia Y.C.E. Lin (99-117) kann die ökonomische Versorgung der Familien von Soldaten nachweisen. Krieg als Familienangelegenheit - Dokumente der Militärämter zeigen die Sorge eines Sozialstaats im Entstehen für die hinter den Soldaten stehenden Frauen und Familien. Katherine B. Aaslestad (118-136) blickt hinter die Kulissen der Hafenstadt Hamburg und zeichnet die Schattenseiten des Wirtschaftskriegs, der die Lebensverhältnisse durcheinander brachte und Arbeitslosigkeit sowie Armut zurück ließ. Die Grenzen zwischen Zivilgesellschaft und Armee, so die Autorin, blieben fließend. Catriona Kennedy (137-156) analysiert Selbstzeugnisse britischer Frauen, die sich zum Zeitpunkt der Waterloo-Schlacht in Brüssel aufhielten. Ihre Berichte nehmen eine mittlere Position ein zwischen Augenzeugenaussagen und literarischer Konstruktion des Geschehenen. Ähnliches gilt auch für die von Karen Hagemann (157-178) geschilderten Erfahrungen der Zivilisten mit der Leipziger Völkerschlacht. Anteilnahme und Betroffenheit, Beteiligung an der Requirierung von Personal und Sorge um das Überleben lässt sie anhand zeitgenössischer Publikationen und Memoiren lebendig werden.

Der dritte Abschnitt nimmt die Entstehung von Patriotismus und Nationalismus im Umfeld der Napoleonischen Kriege in den Blick. Johan Joor (181-204) kann viele und verschiedenartige Proteste der Niederländer während der Zeit der Batavischen Republik nachweisen, deren Existenz und Stärke in der niederländischen Geschichtsschreibung lange vernachlässigt worden waren. Kevin B. Linch (205-221) weist auf eine Bewegung von britischen Freiwilligen hin, die sich in einem Prozess der Aushandlung eine besondere Identität konstruierten. Mit einem Blick auf die religiösen Erfahrungen in Belgien, den Niederlanden und dem Rheinland durch Horst Carl (222-249) schließt das Buch. Die Kirchen, die sich zunächst gegen die Französische Revolution gewandt hatten, waren unter dem Konkordat Teil des napoleonischen Regimes. Die Soldaten erfuhren die Armeen der Jahrzehnte um den Beginn des 19. Jahrhunderts als totale Institutionen, die vom religiösen Bereich getrennt waren. Die konfessionellen Schranken blieben bestehen und förderten die Entstehung von Milieus bzw. Säulen in den darauf folgenden Dekaden.

Die Autorinnen und Autoren haben mit dem vorliegenden Sammelband einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Umbruchszeit zum 19. Jahrhundert hin geleistet. Die Erschließung neuer Quellen zeigt sich dabei sehr ergiebig. Besonders hervorzuheben ist die breite Aufarbeitung der Frauenperspektive. Sie dürfte für die Zukunft der Kriegsgeschichtsforschung noch eine wichtige Rolle spielen, denn auf dem Schlachtfeld wurde nicht nur gestorben, sondern auch geboren. Und ein guter Prozentsatz der Soldaten hatte Frau und Kinder. Diese alltäglichen Aspekte der Militärgeschichte zu erhellen, haben die Autorinnen und Autoren wertvolle Bausteine geliefert.

Rezension über:

Alan Forrest / Karen Hagemann / Jane Rendall (eds.): Soldiers, Citizens and Civilians. Experiences and Perceptions of the Revolutionary and Napoleonic Wars, 1790-1820 (= War, Culture and Society, 1750-1850), Basingstoke: Palgrave Macmillan 2009, xv + 251 S., ISBN 978-0-230-54534-2, USD 74,95

Rezension von:
Joachim Schmiedl
Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Empfohlene Zitierweise:
Joachim Schmiedl: Rezension von: Alan Forrest / Karen Hagemann / Jane Rendall (eds.): Soldiers, Citizens and Civilians. Experiences and Perceptions of the Revolutionary and Napoleonic Wars, 1790-1820, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/07/15921.html


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