sehepunkte 9 (2009), Nr. 10

Alexander Flores: Der Palästinakonflikt

Alexander Flores hat ein Problembuch ediert. Die erste Hälfte leidet an Wissensmangel, die zweite gerät einseitig, was dem Ansatz und den mangelnden Quellen geschuldet ist. Der Akademiker an der Bremer Hochschule erwähnt Israels Erfolgsstory. Dann schwingt er den 'Knüppel der Barbarei': Israel überzog "eine der wehrlosesten Gesellschaften", die es durch Blockade aushungerte, mit einer brutalen Militäraktion an der Wende zu 2009.

Zuerst hätten die Deutschen samt Bundeskanzlerin diesen Verteidigungskrieg als Schutz vor Raketen akzeptiert. Dann sei deutlich geworden, wie gut der Waffenstillstand zuvor funktioniert habe und dass Hamas nicht für seinen Bruch verantwortlich war. Israel habe die Scharte aus dem Krieg im Libanon 2006 auswetzen wollen, als die Armee ihre Ziele völlig verfehlt habe. Allzu viel erinnere hier an Kriege zuvor, als die riesige Feuerkraft kaum Militärziele traf, sondern öffentlichen Gebäude. Eine Frage: Stehen sich da Armeen gegenüber?

Von einer angeblichen Bemühung, Zivilisten zu schonen, könne auch diesmal keine Rede sein. Diese seien wieder mehrheitlich die Opfer. Selbst nach blutigen Massakern habe es zu lange gedauert, bis die Welt Israel gestoppt habe. Spätestens hier wird das Muster klar, Israel alle Verantwortung zu geben. Kein Gedanke über asymmetrische Kriegstypen, wo es eine Taktik ist, unter den Zivilisten abzutauchen und mithin Medieneffekte zu erzielen.

Dann beruhigt uns Flores, nicht Wasser auf die Mühlen scharfer Kritiker Israels leiten zu wollen, die den Staat in Mittelost verschwinden sehen möchten. Nein, ihn zu beseitigen wäre ein neues schweres Unrecht. Doch sei Israel von seiner Politik abzubringen, die es stets in die Konfrontation mit den Palästinensern und den anderen Arabern geführt habe.

Flores wolle weder Zionismus noch Israel schmeicheln. Das sei unmöglich, wenn man denn die Wahrheit enthülle. Auch werde Israels Bild in Deutschland wegen mangelnder Geschichtskenntnis stets zum Positiven verzerrt. Dies paare sich mit der Zurückhaltung, Israel grundsätzlich zu kritisieren. Das folge aus den von Deutschen an Juden verübten Verbrechen. Aber die Konsequenz sei fatal. Denn es entstehe eine falsche Wahrnehmung.

Alles könne man nur dann richtig verstehen, fasse man den Gesamtzusammenhang ins Auge. Dazu gehöre die ganze Geschichte des Palästinakonflikts seit 1880. Freilich gehe es hier um den kursorischen Überblick, die große Linien des Kernkonflikts zwischen arabischen Palästinensern sowie Zionismus und Israel. Details treten in den Hintergrund.

Der Akademiker wütet gegen Israel und verfällt ins Extrem der negativen Verzerrung. Er ruft gar Deutsche auf, endlich Scheuklappen wegen des Holocausts abzulegen, um Israel in die Arme zu fallen und an neuen Untaten gegen wehrlose Opfer zu hindern. Ist das der neue Trend in Mitteleuropa? Fünf Thesen von Flores werden hier angeführt und erörtert.

1. Der Konflikt begann mit der Einwanderung zionistischer Juden nach Palästina seit 1880, die dort Kolonien gründeten und so den Arabern die Ressourcen wegnahmen. Zionisten erhielten erst Zulauf, als das Ausmaß des Holocaust deutlich wurde. Dieses zionistische Siedlungsprojekt, und damit der Konflikt, den es auslöste, habe keinerlei Wurzeln in der Region, sondern es sei der Region Mittelost allein durch Europa aufgezwungen worden.

Viel zu kurzsichtig, der Autor umgeht die Hauptlinien: Einwanderung mesopotamischer Juden nach Palästina, ihre Stämme und Staaten, ihre Kriege und mehrfache Vertreibung von dort durch äußere Mächte, das Ringen der Völker - Palästinenser bildeten eines von vielen - und das Entstehen von zwei weiteren monotheistischen Religionen in derselben Tradition und Region. Will man den Konflikt erhellen, gehören Prozesse der Aufklärung und Globalisierung bei der Lösung der jüdischen Frage dazu, die gleichsam für die Suche nach Demokratie im Umgang zwischen Mehrheiten und Minoritäten aller Arten steht.

Lange gab es die jüdische Präsenz in Palästina, die mit Jerusalems Tempel das Zentrum dieses alten und erzwungen weit verstreuten Volkes bildet. Dessen Wille, sich dereinst wieder in ihrer uralten Heimstätte zu vereinen, verstärkte sich in der Ära der nationalen Staaten und Reiche. Die Suche nach einer Regelung der jüdischen Frage kulminierte im Ersten Weltkrieg. Auch 1922 waren es nicht allein Europäer, wie Flores denkt, sondern nach Opportunität auch Amerikaner und Mittelostler. Dies entschieden nicht einmal nur die Alliierten, sondern auch Nachfolgestaaten der Osmanen, etwa der Araber, Armenier und Türken. Die Liga der Nationen sprach London das Palästina-Mandat zu, das dort eine jüdische Heimstätte empfahl. Mithin war Israel angelegt. Es entstand also weit vor dem Holocaust, der dann alles in das Licht einer in Europa zerstörten Assimilation von Juden als einem Tiefpunkt des Versagens in der europäischen und weltweiten Aufklärung fügte.

2. Zionisten suchten sich Hilfe bei Großmächten, aber Osmanen sagten ihnen ab (19). Nur durch deren Korruptheit und europäische Vormächte sickerten Juden nach Palästina ein. Der Zionismus verdanke seine Durchsetzung nur der Tatsache, dass die Briten Palästina im Weltkrieg besetzten und sich in die Balfour-Deklaration den Zionisten verpflichteten.

Wie Juden Hilfe der Großmächte suchten, so bemühten sich diese im Weltkrieg um deren Gunst, etwa Waschington, Berlin und London. Die nahende russische Revolution und die Berliner Politik trieben London zur Balfour-Deklaration an. Auch Kaiser Wilhelms Kurs gegenüber den Osmanen liess Großwezir Tal'at Pascha mit einer jüdischen Abordnung im Sinne einer osmanischen Balfour-Erklärung verhandeln. Der Krieg hielt Istanbul 1918 ab, den Ministerratsbeschluss zu realisieren. Jedoch ordneten die Osmanen an, ein Zentrum der jüdischen Nation in Palästina mit wohl organisierter Immigration und Kolonisation zu fördern. Diese jüdische Besiedlung sei nützlich für das Reich. So bejahte die muslimische Führung die jüdische Ansiedlung, die Rechte der nichtjüdischen Anwohner wahren sollte. Die Osmanen sahen die jüdischen Potenzen der Wirtschaftsentwicklung. All dies Wissen fehlt bei Flores. Dies hinterfragt seine These vom Zionismus, der ihm zufolge nur ein europäisches Projekt der Kolonisierung Palästinas ohne Bezug zu Mittelost und die Hauptursache des Konfliktes sein soll.

3. Anders als bei europäischen Siedlungskolonien wie in Australien und Amerika, wo die Einheimischen fast völlig ausgerottet und ihre Kultur so weitgehend zerstört worden sei, dass sie zu keinem nennenswerten Widerstand fähig waren, seien Zionisten in Palästina auf eine Bevölkerung getroffen, die dabei war, Nationalbewusstsein zu entfalten, sich also nicht so leicht ausschalten liess und in Arabien ein Hinterland hatte. Palästina sei ein arabisches Land gewesen mit lediglich fünf Prozent Juden und zehn Prozent Christen.

In weiten Teilen Arabiens herrschten Stämme. Ein Nationalbewusstsein im europäischen Sinne keimte allenfalls bei urbanen Eliten. Darin, und im fehlenden Konzept der offenen Zivilgesellschaft und des demokratischen Kompromisses, liegt ein Grund dafür, dass man nicht mit Flores (15) diesen Palästinakonflikt auf die Zionisten, Einwanderer oder Siedler reduzieren kann. Würde man einst Araber Palästinas Ende des Osmanenreichs nach ihrer Herkunft befragen, so hätten sie Südsyrien erwidert. Diese junge Neuordnung ehemaliger osmanischer Provinzen eilte zeitlich voraus und lief territorial oft schief, so dass für diese Zeit von einem Nationalbewusstsein als Widerstandsgrund kaum die Rede sein kann. Der Prozess ist zum Teil heute noch nicht beendet. Flores meint selbst, es habe 1516 bis 1918 keine osmanische Verwaltungseinheit "Palästina" gegeben. Dann ist es besetzt und geteilt worden: Transjordanien und Mandatsgebiet. Dort sollte nun auch die jüdische Heimstätte folgen. Wo lag dieses "arabische Land Palästina"? Denn das Mandat legte auch Israel an.

4. Die Realisierung eines Judenstaates war nur auf Kosten der einheimischen Bevölkerung möglich. Zionisten verschwiegen diese und stellten sich als ein westliches Bollwerk dar. Ihr Erfolg in der unterentwickelten Region machte nur die westliche Vormacht möglich.

Juden zählten auch zu Einheimischen. In "Altneuland" sah Theodor Herzl eine friedliche Kooperation mit Arabern vor. Tatsächlich gingen beide zum gegenseitigen Nutzen legale Wege dahin. Radikale verdrängten sie beiderseits. Die Palästinenser und ihr Führer, der Großmufti Amin al-Husaini, haben auch Rivalen des Kompromisses und der Kooperation getötet. Das Land war nie Flächen deckend besiedelt. Der Erfolg der Siedler folgte ihrem modernen Aufbauwerk. Sie machten auch Land urbar. Sie schafften es, viele Mittel aus der Diaspora zur Landesentwicklung zu mobilisieren. Die Osmanen haben diese Chancen erkannt. Sie prüften, ob sie eine jüdische Finanzverwaltung akzeptierten und versuchten, auch mit solchen Kräften die umfassende Entwicklungskluft zum Westen zu überwinden. Bei Flores fehlt zu meist solche Interaktion, da er die jüdische Seite stets ins Negative verzerrt.

Viele Aussagen halten der historischen Prüfung nicht stand. Darunter, die Revolte von 1936 sei aus "Ärger und Enttäuschung der Palästinenser" geschehen (43). Oder auch: die Erwähnung der Sympathie von Arabern für Nazis diene nur dazu, arabische Positionen zu diskreditieren (47).

Folgt man dem, so kann jede Forschung zu solchen Themen sogleich eingestellt werden, weil sie womöglich politisch missbraucht werden könnte. Flores kennt viele primäre und sekundäre Quellen nicht, so des Großmuftis Memoiren. Daher sagt er, die reale Kooperation von Palästinensern mit den Nazis habe sich auf ihn reduziert (48). Würde er dessen Text oder Literatur kennen, würde er so etwas Abwegiges nicht äußern.

Palästinenser belegten Nazi-Schulen in Potsdam, Guben, Dresden, Sonion, Antwerpen und Budapest. Flores meint, Amin al-Husaini habe seine Stellung in Palästina durch sein Berliner Exil verloren (48). Im Gegenteil, er hatte ein Regionalnetz an Agenten, jetzt die deutsche Hilfe und viel Geld. Mit seiner Macht schaltete er bis 1951 alle Rivalen aus, so auch König Abdullah I. Bis 1970 hatte Amin al-Husaini Einfluss. Die Idee, jemand sei nur wegen Abwesenheit vor Ort ohne jede Macht, ist durch ihn und durch seinen Protégé Yasir Arafat widerlegt worden. Beide waren Dekaden einflussreiche Absentisten. Immer wenn einige historische Fakten gegen Flores' Vorstellung sprechen, beklagt er wie beim Großmufti "pauschale Diskriminierung" (48). Oder er entschuldigt Palästinenser, die "an die Wand gedrängt worden" und Opfer gewesen seien. Haltlos ist auch die Aussage, vom Großmufti abgesehen, leisteten Palästinenser nie praktische Unterstützung für die Nazis (49). Fragwürdig ist die Rede, Sabotageaufrufe Amin al-Husainis blieben ungehört - wie belegt er das, wo Freund und Feind viel über dessen Einfluss aus Großsyrien berichteten? Was war mit Palästinensern in der Araberlegion und V-Leuten in Europa und Mittelost? Natürlich, und da hat er Recht, darf man nicht alle Palästinenser mit ihrem Anführer identifizieren.

5. Die Nazis hätten dem Großmufti nur vage Zusagen über seine Rolle nach ihrem Sieg und Vormarsch im Orient gegeben. Seine Beteiligung an der Judenvernichtung sei nicht belegt. Seine Rolle als durchgehend führende Figur, Repräsentant der Palästinenser und als Inspirator der Nazis beim Holocaust werde "immer noch erheblich aufgebläht" (50).

Hitler sagte dem Großmufti am 28. November 1941 persönlich, wenn Deutsche bald über den Kaukasus nach Mittelost gelangen, wolle er das Judentum im arabischen Raum unter der britischen Macht vernichten. In dieser Stunde würde al-Husaini auch der berufenste Sprecher der Araber sein. Es würde ihm obliegen, dann die geheim vorbereitete arabische Aktion auszulösen. Ein klares Wort zu seiner Rolle im von Hitler gewollten Holocaust in Mittelost. Auch gibt es einen Geheimbrief vom 28. April 1942: Berlin und Rom sicherten dem Großmufti die Führung zu wie auch jede denkbare Unterstützung für die Befreiung. Umgekehrt gesteht der Großmufti ein, die Immigration von Juden aus Europa gestoppt zu haben. Seit dem Besuch seiner Leute im Konzentrationslager Sachsenhausen 1942 und seit Heinrich Himmler ihm Mitte 1943 gestand, drei Millionen Juden vernichtet zu haben, gilt Amin al-Husaini als Komplize im Holocaust. Nazis haben ihn 1946 in Nürnberg als Mitinspirator schwer belastet. Laufend kommt mehr heraus. Alles vage oder aufgebläht? [1]

Flores erwähnt "scheußliche antisemitische Äußerungen" des Großmuftis. Gewiss liegt in der Entwicklung der islamistischen Ideologie dessen Kernbeitrag bis 1970, der religiösen Judenhass im Islam mit dem Rassenhass der Nazis vermischt hat. Dies bot er Berlin 1937 im Vertragsentwurf an sowie eine "Aufrechterhaltung des Terrors in Mandatsgebieten".

Flores lastet den Juden an im Haavara-Vertrag mit den Nazis kooperiert zu haben. Sicher, sie retteten dabei 60.000 Leben. Der Autor meint, der UN-Teilungsbeschluss brach das Wort gegenüber Palästinensern. Aber deren Führung um den Großmufti lehnte die Teilung ab. Sie verlor ihre Palästinateile im Krieg bis 1949. Schon zehn Jahre zuvor verwarf er nach dem Motto "alles oder nichts" den angebotenen Staat Palästina. Auch sein Nachfolger - dessen Verein heißt Fatah und nicht Fath - war Meister, eine Misere in eine noch größere zu wenden. Aber daran ist bei Flores stets Israel Schuld. Flores' Negativverzerrung hebt sich von Maxim Rodinson ab, der mit viel Für und Wider "Israel als kolonialer Siedlerstaat?" erörtert hat. Das war im tiefen Kalten Krieg. Nun kultiviert es Flores in einer kruden Reduktion. Also wer den Palästinakonflikt aufhellt, sollte stets mehrseitig auch unbequeme Fakten zeigen. Jede Verzerrung, egal wohin, ist fragwürdig. Sie hilft auch nicht den Palästinensern, die selbstkritische Reflexionen suchen.[2] Worauf soll sich eine bessere Politik denn sonst gründen?


Anmerkungen:

[1] Vgl.: http://www.trafoberlin.de/pdf-Neu/Amin%20al-Husaini%20und%20das%20Dritte%20Reich%20WGS.pdf [PDF-Dokument]

[2] Vgl.: http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/2009_08_28/Samir%20Kassir%20Araber.pdf [PDF-Dokument]

Rezension über:

Alexander Flores: Der Palästinakonflikt. Wissen was stimmt, Freiburg: Herder 2009, 128 S., ISBN 978-3-4510-6082-3, EUR 8,95

Rezension von:
Wolfgang G. Schwanitz
Browns Mills, NJ
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang G. Schwanitz: Rezension von: Alexander Flores: Der Palästinakonflikt. Wissen was stimmt, Freiburg: Herder 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/10/17152.html


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