sehepunkte 9 (2009), Nr. 12

Bärbel Holtz / Wolfgang Neugebauer (Hgg.): Kennen Sie Preußen - wirklich?

Das 2007 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eingerichtete "Zentrum Preußen-Berlin" reiht sich in die Linie, die die BBAW seit einiger Zeit verfolgt, die teils überkommenen, teils neu entstandenen Forschungsprojekte thematisch und organisatorisch zu bündeln. Dadurch sollen "thematische Schnittmengen und Berührungspunkte, gemeinsame Grundprobleme und zugleich neue Fragestellungen" (V) fruchtbar gemacht werden. Das zweite Ziel ist das Sichtbarmachen der Akademiearbeit in der Öffentlichkeit. Im interdisziplinären Zentrum "Preußen - Berlin" (die Schreibweise in und außerhalb der Anführungszeichen ist nicht ganz klar) sind sechs Akademieprojekte zusammengefasst: "Berliner Klassik", "Alexander-von-Humboldt-Forschung", "Wilhelm-von-Humboldt-Ausgabe", "Kritische Karl-Philipp-von Moritz-Ausgabe", "Schleiermacher: Kritische Gesamtausgabe" und "Preußen als Kulturstaat". Quellenerschließung und Editionen sind die "nachhaltigen" Arbeitsvorhaben, die die Basis für weitere Forschungen bieten. Dazu kommt ein neues Forum, "Salon Sophie Charlotte" genannt nach der preußischen Königin (1668-1705), die mit Leibniz in freundschaftlicher Verbindung stand und die französische Salonkultur an die Spree brachte. Mit dem aus dem "wissenschaftlichen Salon" des Jahres 2008 entstandenen Band "Kennen Sie Preußen - wirklich?" sollen der Stand der Projekte durch Akademiemitarbeiter skizziert und durch auswärtige Kollegen sollen Entwicklungsmöglichkeiten der Zentrumsthematik aufgezeigt werden.

Im einleitenden Beitrag "Preußen - seine Kultur und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften" stellt der Zentrumssprecher Wolfgang Neugebauer das Konzept vor, die seit einigen Jahrzehnten verfolgte Absicht, Preußen (auch) als (verspäteten) Kulturstaat zu erforschen. Kulturstaatlichkeit definiert er dabei als "jene Entwicklung, in der der Staat über residenz- und hofzentrierten Kulturkonsum gleichsam kulturelle Daseinsvorsorge in der Fläche des Staates, standes- bzw. schichtenübergreifend zu betreiben begann." (12f.).

Der instruktive Beitrag von Klaus Garber, "Schwellenzeit. Das untergegangene alte Königsberg um 1800" lenkt den Blick, der durch die symbolische Chiffre 1800 im kulturellen Kontext meist auf Jena und Weimar gerichtet ist, weiter gen Osten und erschließt dadurch der Stadtkulturforschung, die sich mit der Aufklärungsepoche befasst, neue Felder. Der Artikel von Petra Wilhelmy-Dollinger "Häuser ohne Frauen sind Verse ohne Poesie. Berliner Salons vor und um 1800", teilt diese in französisch- und in deutschsprachige Salons und gibt einen breiten, deskriptiven Überblick über Entstehung, Zusammensetzung und prägende Persönlichkeiten dieser gesellschaftlich wie kulturell wichtigen Institutionen. Der abschließende Hinweis darauf, dass diese "nicht zuletzt auch eine Art 'Generalprobe der Frauenemanzipation' waren", erscheint aber aus dem Inhalt des Artikels, der Fragen nach dem Status der Frau nicht stellt, kaum belegt.

Erfrischend ist der Beitrag von Conrad Wiedemann, der mit "Die wilden Lebensläufe von Berlin" auf das Projekt "Berliner Klassik" weist, das von der kulturhistorischen These ausgeht, dass damals um 1800 eine Epoche begann, in der sich Berlin zu einem geistigen - Weimar (und Jena) gleichwertigen - Zentrum entwickelte (112). Er untersucht das "Risiko des Aufbruchs" an einigen Berliner Lebensläufen und setzt es dem beschaulichen, "lebensdürren" Weimar entgegen (113). Das ist immerhin eine These, die man diskutieren kann. Er skizziert drei "Emanzipationsbahnen": Selbstermächtigung gebildeter Frauen (u.a. Henriette Herz, Helmina von Chezy), Emanzipationswege aufgeklärter jüdischer Männer (u.a. Saul Ascher, Salomon Maimon) und Ausbruch aus dem Handwerker- oder Subalternmilieu (u.a. Karl Philipp Moritz). Ob es aber nun Berlin-typische und nur im kulturellen Klima Berlins mögliche Ausbrüche sind, mit den Worten Wiedemanns: "ob es eine gemeinsame kulturtopographische Bewusstseinslage" (117) gibt, ist doch zu fragen. Wilde Lebensläufe um 1800 sind vielleicht nicht charakteristisch für Weimar, aber sicher auch nicht nur für Berlin.

Über das Projekt Schleiermacher: Kritische Gesamtausgabe berichtet Andreas Arndt im Beitrag über "Schleiermachers Theorie der Geselligkeit", er sieht in der Unterscheidung von gebundener und freier Geselligkeit in gewisser Weise eine Vorwegnahme der Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft. Ingo Schwarz befasst sich mit "Alexander von Humboldt als Publizist" und geht dabei auf die Briefeditionen ein, die die Berliner Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle seit über 30 Jahren erarbeitet. Dem Ansatz "Humboldt war kein Mann des Ankommens, sondern des Aufbruchs" (Ottmar Ette) stellt er einen neuen Aspekt an die Seite, der den großen Reisenden auch als "glücklichen Heimkehrer" auffasst und so seine Wirkung in die Berliner Szene hinein zeigt (170 ff.). Die Briefedition erlaubt auch einen Einblick in die Geschichte des Pressewesens der ersten Jahrhunderthälfte. Ute Tintemann zielt in ihrem Projektbericht aus der Wilhelm-von-Humboldt-Ausgabe auf die briefliche und persönliche Verbindung Humboldts mit Forschern in aller Welt ab und sieht in der Publikation der sprachwissenschaftlichen Korrespondenz - in dem Sichtbarmachen seiner Netzwerke - einen wichtigen Beitrag zur Erschließung der Wege wissenschaftlicher Kommunikation.

Die in dem Band versammelten Berichte geben einen guten Einblick in die Projekte und durch die - gelegentlich allerdings überbordenden - Literaturangaben in den Anmerkungen auch in den Forschungsstand (Jedoch: zu viele Seiten enthalten mehr Anmerkungen als Text; der Inhalt vieler Anmerkungen hätte eher im Text Platz finden sollen, z.B. 65, Anm. 14). Gelegentlich erwächst aus den Beiträgen auch der Appell zu weiteren Projekten (wie bei Garber der Ruf nach Ermittlung und Verzeichnung wichtiger Königsberger Handschriftenbestände, 56f.). Ein wenig verwundert es, dass in einem Band, der doch ein Signum der wissenschaftlichen Vernetzung darstellen soll, die Verknüpfung der einzelnen Beiträge durch Verweise auf gemeinsame Themen, Personen, Probleme kaum zu erkennen (oder nicht beabsichtigt?) ist. Haus Staegemann taucht bei Garber und Wilhelmy-Dollinger auf, ohne Querverweise. Der Königsberger Jurist Theodor Gottlieb Hippel als der profilierte männliche Verfechter der "bürgerlichen Verbesserung der Weiber" ist dem Beitrag über die Salons keine Erwähnung wert. Henriette Herz figuriert in etlichen Beiträgen als Protagonistin - jedoch keine Verknüpfung!

Zu fragen bleibt schließlich, ob es nach dem derzeitigen Stand der Diskussion, vor allem im Hinblick auf die Veröffentlichungen über bzw. gegen die These vom "preußischen Sonderweg" (Christopher Clark) noch betont werden muss, dass Preußen "gesellschaftlicher" darzustellen sei (VIII). Die Beiträge dieses Sammelbandes bieten ein buntes Bild mit vielen kulturhistorisch interessanten Detailbefunden, einen Salon für die Öffentlichkeit, aber die Analyse der "thematischen Schnittmengen" und "gemeinsamen Grundprobleme" bleibt abzuwarten. Lernen wir Preußen wirklich kennen, wenn wir in Berlin (und Königsberg) bleiben und die westlichen Landesteile außen vor lassen?

Rezension über:

Bärbel Holtz / Wolfgang Neugebauer (Hgg.): Kennen Sie Preußen - wirklich? Das Zentrum "Preußen-Berlin" stellt sich vor, Berlin: Akademie Verlag 2009, VIII + 194 S., ISBN 978-3-05-004655-6, EUR 29,80

Rezension von:
Barbara Dölemeyer
Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Dölemeyer: Rezension von: Bärbel Holtz / Wolfgang Neugebauer (Hgg.): Kennen Sie Preußen - wirklich? Das Zentrum "Preußen-Berlin" stellt sich vor, Berlin: Akademie Verlag 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de/2009/12/16624.html


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