sehepunkte 10 (2010), Nr. 3

Klaus-Dieter Müller (Hg.): Das Tagebuch des Levan Atanasjan

Selbstzeugnisse von Kriegsteilnehmern sind wichtige Quellen zur Erforschung des Zweiten Weltkriegs, bedürfen allerdings wegen ihrer Subjektivität einer sorgfältigen Kommentierung. Das gilt erst recht für diejenigen von Kriegsgefangenen, die das Geschehen um sich herum oft nur als Gerücht wahrnehmen konnten. Im Fall des Krieges im Osten sind solche Berichte überdies stark ideologisch gefärbt. Bei ehemaligen sowjetischen Gefangenen kommt noch ein hoher Rechtfertigungsdruck hinzu, basierend auf dem Vorwurf, sich den Deutschen ergeben und damit Verrat an der Heimat begangen zu haben.

Ein solches Dokument hat jetzt Klaus-Dieter Müller von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten publiziert, um ein "einzigartige[s] Zeugnis zeitgeschichtlicher Ereignisse einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen" (7): Das "Tagebuch des Levan Atanasjan", eines sowjetischen Arztes, der sich von Oktober 1941 bis zu seiner Flucht im Mai 1943 in deutscher Gefangenschaft befand. Noch unter dem Eindruck der Erlebnisse verfasste er zwei Monate später seine Erinnerungen - der Begriff "Tagebuch" im Titel ist irreführend -, um "all das der sowjetischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, dessen trauriger Zeuge" er werden musste (46). Damit meinte er die Zustände in den Lagern Juchnow, Roslawl, Kritschew und Bobruisk im besetzten Weißrussland, wo er, allerdings selten als Augenzeuge, mitbekam, wie Tausende seiner Kameraden an Krankheiten und Unterernährung starben oder von den Deutschen ermordet wurden. Seinen Bericht sandte er an die sowjetischen Behörden. Das Ergebnis waren acht Jahre Lagerhaft wegen angeblicher antisowjetischer Agitation in der Gefangenschaft.

So einzigartig und exemplarisch, wie der Herausgeber glauben machen möchte, ist das "Tagebuch" allerdings nicht. Es wurde bereits 1995 und 2004 durch den weißrussischen Historiker M. F. Shumeiko ausgewertet. Auf ihn ist man auch gezwungen zurückgreifen, will man Genaueres zur Biografie Atanasjans erfahren, denn einen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Apparat gibt es nur ansatzweise. Viele Fragen bleiben daher offen. Von einem Mitgefangenen als "Genosse Chef" angesprochen zu werden (75), entspricht z.B. nicht dem, was man gemeinhin von sowjetischen Gefangenen weiß, sondern legt wie der gesamte Duktus seiner Aufzeichnungen den Verdacht nahe, dass der Chirurg Atanasjan bereits vor dem Krieg als Funktionär Karriere gemacht hatte. Erst später wird erwähnt, dass er "Berater der Sanitätseinheit" im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten war (96).

Deutsche Quellen, die das in seinem "Tagebuch" gezeichnete Bild differenzieren könnten, bleiben unberücksichtigt. Das wirft Probleme auf. Ein Beispiel: Am 8.11.1941 brach im Dulag 131 Bobruisk ein Brand aus. Die Gefangenen versuchten, ihm zu entkommen, was die Deutschen als Fluchtversuch deuteten. Sie schossen wahllos in die Menge und töteten etwa 7000 Menschen. Tatsächlich aber hätten sie das schon lange vorher geplant, so Atanasjan, um die zu hohe Zahl der Gefangenen zu dezimieren. In einem Quellenanhang druckt Müller dazu lange Passagen der Aussage des stellvertretenden Lagerkommandanten Carl Languth ab, die dieser 1946 vor Gericht in Minsk machte. Dass es sich dort um einen Schauprozess handelte und daher der Wahrheitsgehalt von Languths Aussage bezweifelt werden muss, hat Manfred Zeidler bereits 2004 nachgewiesen. Der Leser erfährt jedoch weder davon, noch erhält er einen Hinweis auf den Forschungsstand - obwohl die Justiz beider Seiten den Brand untersucht, Alfred Streim ihn schon 1981 bewertet und Christian Gerlach, der eine Zahl von 4000 Toten für realistisch hält, 1999 eine Gegenposition dazu bezogen hat. Einzig unter Berücksichtigung dieser leicht zugänglichen Forschungsergebnisse und bekannter Dokumente ließe sich das "Tagebuch" quellenkritisch einordnen und bewerten.

Mangelnde Sorgfalt des Herausgebers zeigt sich auch im Anhang des Buches. Er umfasst Quellen aus weißrussischen Archiven, je drei zu Atanasjan und zum Brand in Bobruisk, dazu drei deutscher Provenienz: Die Ernährungsrichtlinien des OKH vom 21. Oktober 1941, einen Bericht über das Dulag 203 vom November 1941 sowie einen Auszug aus dem Kriegstagebuch des Kommandanten des Rückwärtigen Heeresgebietes 580 vom 31. August 1941. Die deutschen Quellen wurden aus dem Russischen rückübersetzt, obwohl der Aufbewahrungsort der Originale seit Langem bekannt ist. Der Inspektionsbericht zum Dulag 203 etwa befindet sich im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg i.Br. (RH 22/251), pikanterweise in einem Bestand, der erst vor wenigen Jahren im Rahmen des von Müller selbst geleiteten Kriegsgefangenenprojekt komplett erschlossen worden ist. Der OKH-Erlass beinhaltet mehr Punkte als die hier publizierte Übersetzung, ohne dass das deutlich gemacht wird. Hinweise auf die sich immer wieder ändernden Folgeerlasse zur Ernährung fehlen. Der Eindruck, dem Herausgeber seien Quellen und Literatur zum Kriegsgefangenenwesen nicht geläufig, wird durch die bei der Rückübersetzung übernommenen inhaltlichen Fehler noch verstärkt. So wird der "Kgf.-Bezirkskommandant J" zum "Kommandant der Kriegsgefangenen im Wehrkreis", das "Sanitätspersonal" zum "Reinigungspersonal", der Satz "Die Gefangenen sollen bis auf einen Bestand von 6000 Mann abgeschoben werden" zur Feststellung "Die meisten Kriegsgefangenen wurden abtransportiert, übrig geblieben sind 6000 Mann."

Der erste Teil des Buches, eine 29-seitige Vorstellung des im Titel genannten und hier hochgelobten Kriegsgefangenenprojekts, befremdet den Leser, weil so gut wie kein Zusammenhang mit dem abgedruckten "Tagebuch" zu erkennen ist. Zudem fallen schnell sprachliche wie inhaltliche Schwächen auf. Stärkemeldungen der Lager sind nichts Ungewöhnliches (27), sondern liegen im Militärarchiv für fast die gesamte Kriegszeit vor. Aussagen von Wehrmachtangehörigen über die Aufgaben eines Abwehroffiziers (27) oder darüber, dass in den Durchgangslagern "offenbar mindestens regelmäßig Listen geführt worden" seien (30), kann man schlecht als "Erkenntnisfortschritt" bezeichnen, wo doch die entsprechenden Vorschriften zum Kriegsgefangenenwesen erhalten geblieben sind, in denen z.B. die wirklichen Pflichten des Abwehroffiziers nachzulesen sind.

Wenn Müller das Projekt quantitativ auswertet - warum mit dem Stand von 2005, obwohl nach eigenen Angaben 2009 bereits doppelt so viele Datensätze zur Verfügung standen? Unklar bleiben Sinn und Aussagekraft der Tabellen, zumal auf die Darstellung und Diskussion der Auswertungskriterien weitgehend verzichtet wird. Die häufige Verwendung des Konjunktivs und relativierender Begriffe wie "offenbar" zeigen die Probleme bei der Einordnung der eigenen Ergebnisse. Eine Datenbank schließlich, bei der vor jeder wissenschaftlichen Nutzung erst eine Einweisung in deren Aufbau und die Quellenstruktur notwendig ist (21), hat ihren Zweck verfehlt. Vergeblich sucht man einen Hinweis darauf, dass Datenmaterial und Dokumentenscans (mit Ausnahme der Karteiunterlagen der Offiziere) im Internet komfortabel, allerdings auf Russisch, erschlossen sind. [1]

Es drängt sich der Eindruck auf, als gehe es dem Herausgeber weniger um das "Tagebuch" als um die Präsentation des Projekts. Wäre das alles mit wissenschaftlicher Sorgfalt geschehen, könnte man noch darüber hinwegsehen. Doch diese Chance wurde vertan.


Anmerkung:

[1] http://www.obd-memorial.ru

Rezension über:

Klaus-Dieter Müller (Hg.): Das Tagebuch des Levan Atanasjan. Erinnerungen eines ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen (= Zeitfenster. Beiträge der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Zeitgeschichte; Bd. 7), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009, 115 S., ISBN 978-3-86583-365-5, EUR 19,00

Rezension von:
Reinhard Otto
Lemgo
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Otto: Rezension von: Klaus-Dieter Müller (Hg.): Das Tagebuch des Levan Atanasjan. Erinnerungen eines ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de/2010/03/17341.html


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