sehepunkte 11 (2011), Nr. 9

Richard Hüttel / Hans-Werner Schmidt (Hgg.): Max Klinger

Dem zweiten Band der Schriftenreihe des Leipziger Max-Klinger-Freundeskreises ist ein Zitat Giorgio De Chiricos als Titel vorangestellt. Der italienische Surrealist bezeichnete Max Klinger 1920 als einen "modernen Künstler schlechthin", wobei er unter Modernität weniger den radikalen Traditionsbruch, als vielmehr die Fähigkeit eines Künstlers verstand, "[...] wachen Auges in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in sich selbst [...]" (6) zu schauen. Die Herausgeber Richard Hüttel und Hans-Werner Schmidt wollen das Zitat als Motto verstanden wissen und Klinger nicht nur als Teil einer "anderen Moderne", sondern vor allem auf seine Vielseitigkeit verweisen.

Etwa zeitgleich mit De Chirico hatte Julius Meier-Graefe, der renommierte Verteidiger der Klassischen Moderne, Klinger als "Kunstgewerbler geringen Umfangs" verunglimpft, sodass lange Zeit ein Schatten auf dem Nachruhm des berühmten Malers, Grafiker und Bildhauers lag. Erst in den 1970er-Jahren wurde er langsam wiederentdeckt und mit seinen Grafiken als Vorreiter des Surrealismus verstanden. Klingers Malerei und Plastik steht man bis heute teilweise skeptisch gegenüber.

Anlässlich seines 150. Geburtstages, 2007, ehrte ihn seine Heimatstadt Leipzig mit einer umfänglichen Ausstellung sowie einer wissenschaftlichen Tagung. Unter dem Titel "Wege einer Neubewertung" erschienen deren Ergebnisse als erster Band der hier vorgestellten Schriftenreihe. Der nun vorliegende zweite Band vereint acht Aufsätze und wird vor allem durch den Text von Bernd Ernsting zu Klingers frühem Gemälde "Tod am Wasser" bestimmt.

Das auch als "Pinkelnder Tod" bekannt Gemälde wurde 2009 durch das Leipziger Museum erworben. Es zeigt ein Skelett, das am Saum eines Gewässers entspannt seine Notdurft verrichtet. Die Provokation der Darstellung liegt in der Absurdität der Situation, vor allem aber in der pointierten Ironisierung eines traditionsgebundenen Motivs: dem Tod als Sensenmann. Klinger zeigt ihn mit menschlichen Bedürfnissen und gibt ihn der Lächerlichkeit preis. In der Darstellung erkennt Ernsting nicht nur die Provokationslust des jungen, aufstrebenden Künstlers, sondern auch dessen Selbstreflexion, um der eigenen Todesangst zu begegnen.

Mit großer Sach- und Detailkenntnis gelingt es Ernsting in seinem Aufsatz die Vielschichtigkeit des Gemäldes aufzudecken. Gestaltungsmittel wie der Goldene Schnitt kommen ebenso zum Einsatz, wie die subtile Verknüpfung mit Ideen der allgemeinen Kunst- und Geistesgeschichte der Zeit. Vor allem aber konnte Ernsting die illustre Provenienzgeschichte des Bildes weitgehend rekonstruieren. Unter ungeklärten Umständen kam das Gemälde nach Norwegen, wo es in der Gefängniszelle eines skandalumwitterten Autors kuriose Berühmtheit erlangte und zum Artefakt der Bohème von Kristiana wurde. Künstler wie Edvard Munch ließen sich nachweislich durch das Werk beeinflussen. Damit zeigt sich Klinger als bedeutender Wegbereiter der Moderne, der nicht nur als Grafiker, sondern auch als Maler zum Vorreiter des Surrealismus wurde. Trotz redundanter Stellen erweist sich der Text von Bernd Ernsting als spannende Analyse eines noch weithin unbekannten Gemäldes.

Klingers Beziehungen nach Skandinavien waren vielfältig. Charlotte Christensen, deren Aufsatz aus dem Dänischen ins Deutsche übersetzt wurde, geht auf seine Beziehung zu dem dänischen Kritiker und Schriftsteller Georg Brandes ein. Brandes, eine zentrale Figur der europäischen Moderne, stand im Austausch mit zahlreichen Künstlern, Politikern und Intellektuellen seiner Zeit, darunter Lew Tolstoi, Albert Einstein, Thomas Mann, Maurice Ravel und Claude Monet. Klinger und Brandes begegneten sich in den späten 1870er-Jahren in Berlin und der Däne war einer der Ersten, der auf den unbekannten deutschen Künstler aufmerksam machte. Klinger dankte es ihm später, indem er eine Büste und ein gemaltes Porträt des Freundes schuf. Marit Lange hat die Beziehung zwischen den beiden Künstlern bereits 1994 umfänglich untersucht. Dennoch gelingt es Christensen einige Aspekte und Fakten neu zu beleuchten. Sie veranschaulicht die Bedeutung Klingers für Skandinavien, vor allem aber zeigt sie den hierzulande oft unterschätzten Einfluss von Brandes auf die deutsche Kunst und Kultur seiner Zeit. Neben Klinger hat er beispielsweise Max Liebermann und Lovis Corinth inspiriert.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Klinger in Großjena bei Naumburg, wo er ein Haus mit Weinberg besaß. Nach seinem Tod wurde sein künstlerischer Nachlass zunächst von seiner Witwe Gertrud, später von deren neuem Ehemann Johannes Hartmann verwaltet. Unter dem Titel "Haushaltsauflösung: Klingers Weinberghaus als Volkseigentum - Westbesuch" zeichnet Siegfried Wagner, der Leiter der Naumburger Museen, die wechselvolle Geschichte des Künstlernachlasses nach. Die politischen Umstände spielen dabei ebenso eine Rolle, wie die Unzulänglichkeit einzelner Personen. So führten das Chaos der Nachkriegszeit, die Ignoranz der städtischen DDR-Verwaltung und später die diffusen Verhältnisse der Nachwendezeit zu großen Lücken und Schäden im Nachlass des Künstlers. Verheerend aber wirkte sich der Diebstahl des ehemaligen Stadtarchivleiters von Naumburg aus. 2003 konnte das Vergehen zwar teilweise aufgeklärt werden, aber viele der etwa 1000 verschwundenen Objekte bleiben vermisst. So spiegeln sich in der Nachlassgeschichte die deutsch-deutsche Klinger-Rezeption und deren bizarre politischen Hintergründe wider.

Als Monumentalmaler war Klinger stets besonders umstritten. Seine als Gesamtkunstwerke konzipierten Großgemälde gelten bis heute als inhaltlich und formal überhöht. In seinem "Christus im Olymp" zeigt der Künstler das Aufeinandertreffen von Antike und Christentum; ein Lieblingsthema des 19. Jahrhunderts. Seit 1938 befindet sich das Gemälde als Dauerleihgabe der Österreichischen Galerie Belvedere in Leipzig. Rüdiger Beck, der Chefrestaurator des dortigen Museums, beschreibt in seinem Aufsatz die schwierige Restaurierungsarbeit an dem technisch komplexen Werk, das neben Malerei und Skulptur, einen aufwendig gestalteten Marmorrahmen besitzt. Beck bietet damit Einblick in Aufbau, Maltechnik und Materialauswahl des Künstlers und verweist darüber hinaus auf die bestehende Diskrepanz zwischen künstlerischem Anspruch und allgemeiner Anerkennung.

Das Interesse an Max Klinger hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Sein Schaffen ist auffallend vielgestaltig und gedanklich weitreichend. So spielen in den Forschungsarbeiten oft fachübergreifende geistesgeschichtliche Fragestellungen eine Rolle. Dennoch bleibt zu hoffen, dass auch einzelne Werke und Werkkomplexe verstärkt ins Blickfeld rücken, um Klinger weniger als Phänomen, denn als originellen Universalkünstler wahrzunehmen.

Auch wenn manche der Aufsätze des vorliegenden Bandes nur einen vagen Bezug zur Modernität des Künstlers aufweisen, setzt er wichtige Impulse ihn zu aktualisieren.

Rezension über:

Richard Hüttel / Hans-Werner Schmidt (Hgg.): Max Klinger. "...der moderne Künstler schlechthin." (= Schriften des Freundeskreises Max Klinger e.V.; Bd. 2), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, 215 S., ISBN 978-3-422-07008-0, EUR 29,90

Rezension von:
Ina Gayk
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ina Gayk: Rezension von: Richard Hüttel / Hans-Werner Schmidt (Hgg.): Max Klinger. "...der moderne Künstler schlechthin.", München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/09/19196.html


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