sehepunkte 11 (2011), Nr. 9

Kerstin Schoor: Vom literarischen Zentrum zum literarischen Ghetto

Als vor einigen Jahren die Tagebücher Victor Klemperers der Jahre 1933 bis 1945 erschienen, war dies eine kleine historische und auch literarische Sensation. Klemperer wollte in ihnen - wie er es selbst nannte - "Zeugnis ablegen bis zum Letzten". Von den Nationalsozialisten verfolgt und mit Berufsverbot belegt, wurde für den Romanisten das Tagebuch zu seinem ständigen Begleiter. Akribisch vertraute er ihm alle seine Erfahrungen und Eindrücke an und erschuf so ein ebenso verstörendes wie einzigartiges historisches Dokument, das zum Besten zählt, was je über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde.

Wie Klemperer erging es unzähligen Menschen unter der Nazi-Diktatur. Sie griffen zur Feder, verfassten Tagebücher, Gedichte, Erzählungen, Aufsätze, Abschiedsbriefe und vieles mehr. Das Schreiben war für sie nicht nur der Versuch, der Nachwelt von ihrem Schicksal zu berichten, es war zugleich eine Möglichkeit, sich ihrer Würde zu vergewissern: Ein Freiraum, in den selbst die deutschen Unterdrücker nur begrenzt vordringen konnten. Mit den auf diese Weise entstandenen Ego-Dokumenten des Warschauer Gettos befasst sich das großartige Buch von Samuel Kassow, "Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos", das im vergangenen Jahr auf deutsch erschienen ist. [1]

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Kerstin Schoor hat nun eine Arbeit vorgelegt, die daran thematisch in mancherlei Hinsicht anknüpft. Anders als Kassow, der den Selbstzeugnissen der Bewohner des Warschauer Gettos nachspürte, befasst sie sich mit den literarischen Arbeiten, die in einem weitgehend separierten jüdischen Kulturkreis in Berlin zwischen 1933 und 1945 entstanden sind. Auch Schoor diagnostiziert dabei eine "geradezu explosionsartig einsetzende Produktion von Gedichten, Romanen Novellen, Broschüren und Zeitungsaufsätzen" jüdischer Autoren für die Zeit ab 1933. Die Texte erschienen in den noch bis 1938 zugelassenen rund 30 jüdischen Verlagen - 24 davon in Berlin - oder in einer der knapp 150 jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, die mitunter über umfangreiche literarische Beilagen verfügten und so den jüdischen Autorinnen und Autoren einigen Raum für Veröffentlichungen boten. Rund 70 Prozent dieser deutsch-jüdischen Blätter waren in Berlin angesiedelt.

Möglich war dies, da die Nazi-Regierung zunächst auf die Existenz eines "Jüdischen Kulturbundes" setzte, der jüdischen Autoren, Künstlern und Intellektuellen einen gesonderten Platz im deutschen Kulturleben zuwies, um so - wie es der für Kultur zuständige Staatskommissar Hans Hinkel formulierte - die deutsche Kultur vor dem "destruktiven jüdischen Geist" zu schützen. Zu einer Abkehr von dieser Politik der "negativen Anerkennung" kam es schließlich um das Jahr 1938, als sich, vor allem in Kreisen des Sicherheitsdienstes (SD), die Überzeugung durchsetzte, die Existenz eines jüdischen Kulturlebens in Deutschland stärke die geistige Widerstandskraft der Juden. Sämtliche jüdische Verlage und Zeitschriften - mit Ausnahme des "Jüdischen Nachrichtenblattes", das noch bis Juni 1943 (wenngleich streng zensiert) erscheinen konnte - wurden daraufhin im November 1938 verboten, der "Jüdische Kulturbund" wurde 1941 aufgelöst - nachdem er zuvor wiederholt von den Nazis für Propagandazwecke missbraucht worden war. Von den jüdischen Schriftstellern und Künstlern, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Berlin aufhielten, überlebten nur wenige die letzten Jahre des Krieges, in sogenannten Mischehen - wie Klemperer - und/oder im Untergrund.

So wurde etwa der Schriftsteller, Maler und Musiker Arno Nadel, nachdem auch das "Jüdische Nachrichtenblatt" 1943 verboten worden war, zusammen mit rund 25 anderen jüdischen Kulturschaffenden, vorübergehend zum Zwangsdienst in die Zentralbibliothek für das politisch unerwünschte Schrifttum des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) abkommandiert, wo er für die Katalogisierung aus dem Ausland herbeigeschaffter - sprich: Gestohlener - Bestände zuständig war. "Fast immer", so berichtete viele Jahre später der Philologe Ernst Grumach, der dort mit Nadel zusammen arbeitete, "waren ein paar Kisten für die Herren des Amtes privat dabei, die sie 'billig eingekauft' hatten, d.h., die sie für sich abgezweigt hatten. Darin befanden sich natürlich immer sehr wertvolle Sache wie Inkunabeln usw." Seine "Erinnerungen" an diese Zeit hielt Nadel in einer Art Tagebuch fest, das sich auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft bezog, jedoch nicht direkt seine persönlichen Erfahrungen und seinen Alltag wiedergab, sondern vielmehr als literarische Vorarbeit für ein neues Werk gedacht war. Dazu jedoch ist es nicht mehr gekommen. Während Grumbach den Krieg in einer Mischehe überlebte, wurde Nadel, nachdem die Bibliothek des RSHA bei einem Luftangriff schwer beschädigt worden war, 1943 nach Auschwitz deportiert und dort noch im selben Jahr ermordet.

Das Schicksal Arno Nadels ist nur eines von unzähligen Beispielen, wie es den jüdischen Schriftstellern und Künstlern erging, die nach 1933 in Deutschland geblieben waren, und denen in der Folgezeit sukzessive und in perfider Weise zunächst die Wirkungsmöglichkeiten und schließlich die Lebensgrundlagen entzogen wurden. In ihrem beeindruckenden Buch zeichnet Kerstin Schoor ausführlich den Weg nach, der zur vollständigen Entrechtung der jüdischen Kulturschaffenden im Dritten Reich führte, ohne dabei die Einzelschicksale der Menschen aus den Augen zu verlieren. Und sie ruft eine Tatsache in Erinnerung, die bis heute gerne übersehen wird - nämlich dass es während der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur im Exil eine deutsche Literatur gab, die diesen Namen verdient.


Anmerkung:

[1] Samuel D. Kassow: Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos. Reinbek 2010.

Rezension über:

Kerstin Schoor: Vom literarischen Zentrum zum literarischen Ghetto. Deutsch-jüdische literarische Kultur in Berlin zwischen 1933 und 1945, Göttingen: Wallstein 2010, 580 S., 3 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-0656-1, 49,90

Rezension von:
Florian Keisinger
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Florian Keisinger: Rezension von: Kerstin Schoor: Vom literarischen Zentrum zum literarischen Ghetto. Deutsch-jüdische literarische Kultur in Berlin zwischen 1933 und 1945, Göttingen: Wallstein 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/09/19623.html


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