sehepunkte 11 (2011), Nr. 10

Cordula Nolte (Hg.): Homo debilis

Der Umgang mit Kranken, Versehrten und Behinderten und ihrer Pflege hat in jüngster Zeit mehr und mehr das Interesse der Forschung geweckt. Zum einen stehen die Betroffenen selbst im Mittelpunkt, zum anderen ihr soziales Umfeld. Zahlreiche Forschungszweige unterschiedlicher Disziplinen beschäftigen sich inzwischen mit dieser Thematik. Erwähnt sei z. B. die noch junge "Historische Pflegeforschung", die einerseits sowohl in der Geschichte als auch in der Medizingeschichte beheimatet ist, andererseits wichtige Impulse aus der Pflegewissenschaft selbst empfing und empfängt. Aufmerksamkeit erfuhr der "homo debilis" natürlich auch in der Medizingeschichte. Als weiteres Beispiel sei die Historische Alterns- und Altersforschung erwähnt, die sich unter sozial- und kulturhistorischen Aspekten mit der sozialen Lage alter gebrechlicher Menschen beschäftigt. Verwiesen sei ferner auf Forschungsströmungen, die sich unter der historischen Perspektive mit "Care" (Sich Sorgen) auseinandersetzen. Die sich seit den 1990er Jahren etablierende "disability history", für die ein interdisziplinärer Zugriff charakteristisch ist, hat sich darauf geeinigt, dass dem Begriff "disability" eine breite Definition zugrunde liegt.

Im Zentrum des vorliegenden Sammelbandes steht der "homo debilis". Gezeigt wird, wie Menschen mit "Handicaps" ihren Alltag bewältigten und welche Formen der Solidarität ihnen zuteil wurden. Das von den Vertretern unterschiedlicher Disziplinen zusammengetragene, reichhaltige Quellenmaterial zeigt unter ganz unterschiedlichen Aspekten in anschaulicher Weise, dass dieser Personengruppe einerseits Barmherzigkeit und Fürsorge zukamen, sich andererseits das Mitleid in Grenzen halten konnte. Der Frühmittelalter bis Frühe Neuzeit umspannende Band beschäftigt sich mit dem Alltag dieser Menschen, fragt u.a. danach, welche Rolle Religion spielte, zudem wie Macht und Herrschaft ausgeübt wurden und welche rechtlichen Beschränkungen vorliegen konnten.

Eingeleitet wird der Band mit Beiträgen, die sich mit Diskursen und den damit verbundenen Konzepten zur Lage des "homo debilis" auseinandersetzen. Hans-Werner Goetz erörtert, wie die Gesellschaft des 6. bis 11. Jahrhunderts den Begriff "debilis" und entsprechende Ableitungen definierte. Seiner Analyse zufolge wurde nur selten auf den eingeschränkten Wert oder Nutzen des homo "debilis" für die Gesellschaft angespielt und an keiner Stelle auf seine Belastung für diese hingewiesen. Jan Ulrich Büttner legt am Beispiel von Bußbüchern dar, dass Krankheit sowohl den Sünder als auch den Büßer bis zu einem gewissen Grad von seiner Verantwortung befreite. Irma Metzler beschäftigt sich mit der Welt der Tauben und kommt zu dem Ergebnis, dass Gehörlosigkeit mit mangelnder Verstandesbegabung gleichgesetzt wurde, was wiederum eine soziale Herabsetzung gehörloser Menschen indizierte und sich z. B. auch in dem Wort "hörig" widerspiegle. Ortrun Riha sucht anhand dreier medizinischer Lehrbücher des 13. Jahrhunderts nach Spuren des leidenden, beeinträchtigten Menschen und gewinnt die Erkenntnis, dass chronische Leiden bzw. zur Behinderung führende Krankheiten innerhalb der medizinischen Diskurse keine Sonderrolle einnahmen.

Die nächsten Aufsätze thematisieren die Ex- und Inklusion des "homo debilis" und erörtern u.a. die für ihn geltenden Rechtsnormen. So nennt Ulrich Nonn die Gründe, die nach den römischen Rechtsbestimmungen die Testierfreiheit Blinder, Gehörloser und Tauber einschränkten. Tauben und Sprachlosen widmet sich auch Maraicarla Gadebusch Bondio. Sie analysiert medizinische, forensische und juristische Diskurse der Frühen Neuzeit sowie einige Fallbeispiele und erörtert die zugrunde liegenden Erklärungsmodelle und die damit verbundenen Therapieansätze. Detlef Goller beschreibt die soziale Stellung, die alten Menschen in der höfischen Literatur eingeräumt wurde, und belegt, dass hier zwar meist Stereotype präsentiert werden, diese aber nicht zwangsläufig zur Diskriminierung führten. Franz Irsigler stellt die ambivalente Einstellung der mittelalterlichen Gesellschaft vor, die einerseits das Gebot der Nächstenliebe praktizierte, andererseits aber auf ihren Selbstschutz bedacht war. So wurden z. B. Leprosenhäuser errichtet, woraus jedoch keineswegs der Schluss gezogen werden dürfe, dass man im Mittelalter über "leistungsfähige medizinische Abteilungen" verfügte. Im Rahmen multifunktionaler Einrichtungen wie den Spitälern, nahm die Krankenpflege keine bedeutende Rolle ein.

Um den Alltag der "Homo debilis" zu durchleuchten und zu rekonstruieren werden weitere Quellengattungen, wie Skelette, Prothesen und Bittgesuche einer Analyse unterzogen. Aufgrund der Erkrankungen und Verletzungen, wie sie noch an Skelettresten sichtbar sind, zieht Susi Ulrich-Bochsler den Schluss, dass Kinder und Erwachsene aller Stände ohne intensive Pflege und Fürsorge nicht lange hätten überleben können. Simone Kahlow zeigt anhand archäologischer Funde, wie Menschen, die einen Verlust ihrer Gliedmaßen oder Organe zu beklagen hatten, mittels Prothesen ihren Alltag bewältigten. Am Beispiel von Supplikationen des 16. und 17. Jahrhunderts zeichnet Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah nach, wie durch Beruf, Alter und Kriegseinflüsse erlittene Beeinträchtigungen dazu führten, dass Menschen aus dem Arbeitsprozess ausschieden und sich infolgedessen um die Aufnahme in einem Spital bewarben.

Das Buch thematisiert außerdem die Vereinbarkeit von körperlichen Beeinträchtigungen und Herrschaft. So fragt Gesine Jordan in ihrem Beitrag, inwieweit zur Zeit der Karolinger körperliche Gebrechen von Herrschaft ausschlossen und postuliert, erst im 19. und 20. Jahrhundert seien Krankheit und Unfähigkeit gleich gesetzt worden. Christiane Walter untersucht ganz unterschiedliche Quellen, z. B. Urbare, Viten sowie Wundererzählungen und zeigt am Beispiel letzterer, wie unterschiedlich sich Grundherren bei körperlicher Gebrechlichkeit ihrer Abhängigen verhielten.

Ein weiteres Kapitel des Sammelbandes beschäftigt sich mit "Familie und Frömmigkeit", etwa wie Familien ihren schwerbehinderten Verwandten ein Überleben ermöglichten und wie sie als soziales Umfeld agierten und Netzwerke aufbauten. Klaus Peter Horn führt in die quellenkritische Analyse von Mirakelbüchern ein, die ein Bild von körperlich beeinträchtigten Menschen des 9. und 10. Jahrhunderts vermitteln und beschreibt verschiedene Heilungswunder. Die Mirakelbücher dokumentieren auch wie schwerstbehinderte Kinder bis ins Erwachsenenalter in ihren Familien ernährt und gepflegt wurden. Keineswegs waren die sozialen Kontakte aber nur auf die Familie begrenzt, Freunde, Nachbarn, Dorfgemeinschaften, Pilgergruppen leisteten Hilfe. Neuland betritt Susanne Knackmuß mit ihrem Beitrag über die körperliche Unversehrtheit von Ordensangehörigen. Die Regeln ganz unterschiedlicher Orden schlossen die Aufnahme von Novizen und Novizinnen mit Krankheiten oder Behinderung aus, da Menschen mit Gebrechen den strengen Anforderungen der Klosterdisziplin nicht gewachsen seien. Am Beispiel der Nürnberger Patrizierfamilie Pirckheimer weist Suanne Knackmuß nach, wie es trotz Verbotes gelang, die geistig und körperlich behinderte Tochter in einem Kloster unterzubringen. Es handelte sich hierbei keineswegs um eine lieblose Abschiebung, sondern die Familie bemühte sich fürsorglich um das Wohl ihres Kindes.

Der letzte Schwerpunkt des Buches widmet sich der Darstellung der körperlichen Versehrtheit in der Kunst. Philine Helas zufolge wird der weibliche Körper in der Kunst des Mittelalters und der Renaissance so gut wie nie verkrüppelt oder verwundet präsentiert, allein im Alter kann er gebeugt, zahnlos oder am Stock gehend gezeigt werden. In der italienischen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts werden zwar Männer mit allerlei körperlichen Gebrechen präsentiert, letztere sind aber nur partiell sichtbar. Zu beobachten sei in der italienischen Kunst des 15. Jahrhunderts zudem, dass der männliche Körper sich zur "Projektionsfläche von Schönheit" entwickelte. Elisabeth Vara beschreibt die Aspekte der Visualisierung von Krankheit und deren Symptome in der mittelalterlichen Kunst. Die Welt der Narren führt uns Ruth von Bernuth am Beispiel des Gebetsbuchs von Matthäus Schwarz aus Augsburg vor Augen. Erörtert werden die Funktion des Gebetbuchs sowie die Bedeutung des "paulinischen" Torheitsbegriffs und des Motivs der "imitatio christi."

Der Sammelband hat bisher vernachlässigte Themengebiete aufgegriffen, leider werden aber nur vorläufige Ergebnisse präsentiert. Angemerkt sei zudem, dass man sich manche Aufsätze etwas kürzer, dafür aber prägnanter in der Aussage gewünscht hätte.

Rezension über:

Cordula Nolte (Hg.): Homo debilis. Behinderte - Kranke - Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters (= Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters; Bd. 3), Affalterbach: Didymos-Verlag 2009, 472 S., ISBN 978-3-939020-23-3, EUR 74,00

Rezension von:
Bettina Blessing
Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart
Empfohlene Zitierweise:
Bettina Blessing: Rezension von: Cordula Nolte (Hg.): Homo debilis. Behinderte - Kranke - Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters, Affalterbach: Didymos-Verlag 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/10/17126.html


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