sehepunkte 11 (2011), Nr. 11

Sandra R. Joshel: Slavery in the Roman World

Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um eine Einführungslektüre zur Sklaverei im römischen Machtbereich, die sich entsprechend den Vorgaben der Reihe "Cambridge Introduction to Roman Civilization" primär an Studierende im anglo-amerikanischen Sprachraum richtet, die keine spezifische Vorkenntnisse besitzen (müssen). "Slavery" wird in dieser Reihe ebenso als "key topic" angesehen wie auch die Themenfelder "religion, women, warfare". Das Verständnis des Adressatenkreises wird durch die Beigabe eines Glossars (215-218), einer kommentierten Auflistung der relevanten antiken Autoren (219-222) und einer kurzen Auswahlbibliographie (223-230) ebenso unterstützt wie durch eine durchgängige Übersetzung der im Fließtext behandelten Quellen, den Verzicht auf Fußnoten und die großzügige Bebilderung. Diese didaktischen Komponenten und der einfach und konzise strukturierte Sprachduktus machen das Buch auch für hiesige B.A.-Studierende gut nutzbar.

Sandra R. Joshel teilt ihr Überblickswerk in fünf Abschnitte ein. Die ersten zwei Kapitel ("An Introduction to Roman Slavery", 1-28; "The Roman Social Order and a History of Slavery", 29-76) beschäftigen sich überblickartig mit der Sklaverei als gesellschaftspolitischem Phänomen in antiker Zeit. Dabei stellt sie zu Beginn moderne Formen der Sklaverei (Zwangsarbeit, Ausbeutung, Prostitution) der von den Römern jurifizierten Institution gegenüber (2-7) und führt den Leser zur Frage, ob man den römischen Staat als Sklavenhaltergesellschaft ("slave society") oder als Gesellschaft mit einem Anteil unfreier Bevölkerung ("Slaves in Society") betrachten soll (7-10). Hierbei spielen die letztlich nicht verifizierbaren numerischen Größenordnungen im Verhältnis freier und unfreier Bevölkerungsteile eine Rolle, die auf modernen demographischen Analogien basieren (7f.). Weitaus ergiebiger für einen ersten Blick auf die römische Gesellschaft ist die darauf folgende Vorgehensweise von Joshel, die ein für die Sklaverei relevantes Quellenmaterial aus den unterschiedlichsten Gattungen und Epochen heranzieht, um die lebensweltlichen Beziehungen zwischen Sklaven, Herrn und Freigelassenen vorzustellen (10-27). Ihr nützliches Beispiel ist hierfür der unfreie Koch, der selbst aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung nicht zum Rezipienten sprechen kann, dessen Spuren man aber im architektonischen Grundriss des Hauses, in der Grabinschrift, und auch in literarischen Quellen wiederfindet (17-27). Im Folgenden erläutert Joshel kurz den Aufbau der römischen Gesellschaft, wobei auch hier wieder ein Auszug aus den Digesten als Einleitung dient (30). Ihre in Unterkapitel gegliederte Beschreibung der sozialen Ordnung ist nicht hierarchisch strukturiert; dies ist allerdings dem Verständnis nicht hinderlich, da der Leser jederzeit auf das graphische Schema der römischen Sozialordnung (27) zurückgreifen kann. In diesem zweiten Kapitel spielen auch die Freigelassenen eine große Rolle; dies ist umso wichtiger, als ihr jurifizierter sozialer Rang singulär in Gesellschaften mit einem unfreien Bevölkerungsanteil ist (41-47). Es folgt ein chronologischer Abriss der Sklaverei im römischen Machtbereich (48-75), wobei den Sklavenaufständen und dem stoischen und christlichen "humanitarian concern for the slaves" (72) ein relativ großer Raum gewährt wird (58-75). Nützlich für den anvisierten Benutzer der Einführungslektüre ist die kleine Zeittafel, die wesentliche Ereignisse der römischen politischen und sozialen Geschichte einander gegenüberstellt (49).

Die folgenden drei Kapitel ("The Sale of Slaves", 77-110; "The Practices of Slaveholders and the Lives of Slaves", 111-160; "Slaves at Work: In the Fields, the Household, and the Marketplace", 161-214) konzentrieren sich - mit reichhaltigem Quellenmaterial versehen - auf die Lebenswelt der Versklavten und der in Unfreiheit Geborenen. Dem Sklavenhandel und -verkauf wird hier dankenswerterweise ein großer Abschnitt gewidmet (89-110), was nicht selbstverständlich bei Einführungswerken ist. Gleichzeitig fokussiert Joshel die Kriegsgefangenschaft stärker als alle anderen Quellen der Unfreiheit (78-89): Dies ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass - rein quantitativ betrachtet - die meisten Sklaven in den Zeiten der römischen Expansion (ca. 200 v.Chr. - ca. 200 n.Chr.) nach Rom und Italien gebracht wurden. Im nächsten Abschnitt beschreibt Joshel das Sklavenleben aus Sicht der Sklavenhalter (112-129) und der Unfreien selbst (129-160). Für die Sklavenbesitzer steht natürlich der ökonomische und private Nutzen, der aus der Sklavenarbeit resultiert, im Vordergrund, wobei Joshel zeigt, dass die ambivalente Sicht auf die Unfreien - einerseits als Mensch, andererseits als beseeltes Instrument betrachtet zu werden - bei der römischen freien Bevölkerung durchaus nicht in philosophische Erklärungsnöte mündete, wie das Beispiel des Plinius zeigt (112f.). Auch hier verweist sie erneut auf den Umstand, dass die Macht des Sklavenherrn in Form einer literarischen Deutungshoheit über den Tod des Unfreien hinausreicht, wodurch die sklavischen Charakterzüge, die von Seiten der Herren z.B. als Ursache für mangelnde Arbeitsleistung angeführt werden, paternalistisch-topische Züge tragen und zur Rechtfertigung der bestehenden Ordnung dienen (112-129). Vor allem epigraphische und archäologische Zeugnisse dienen im Folgenden zur Erläuterung der unfreien Lebenswelt: Kleidung, Nahrung, Wohnverhältnisse, soziales Umfeld (familia, collegium) und ehe- und familienähnliche Lebensumstände (129-151). Auch hier tritt die allumfassende Verfügungsgewalt des Sklavenbesitzers prägnant in den Vordergrund; diese kann nur durch den Sklavensuizid als äußerste Form des Widerstandes gegen das Ausgeliefertsein gebrochen werden (151-156). Schließlich gewährt Joshel einen genauen Einblick in die vielfältigen Tätigkeiten der Sklaven und ihre Bedeutung für die römische Wirtschaft. Dabei stellt sie neben den häuslichen Aufgaben (179-195) nicht nur die vielfältigen ruralen Tätigkeiten vor (166-179), wie sie von den spezialisierten Agrarschriftstellern wie Varro und Columella überliefert wurden, sondern zeigt auch auf, wie dominant Sklaven und Freigelassene im übrigen Wirtschaftsbereich, vom Handwerks- und Dienstleistungs- bis zum Finanz- und Großproduktionssektor zum Teil in verantwortlicher Position vertreten waren (195-214).

Joshel beendet das letzte Kapitel und das gesamte Buch mit einer fast schon versöhnlichen Deutung der Beziehungen zwischen Sklavenhalter und Sklave: "[...] a masterly domination limited by the actions and wills of slaves" (214). Dieses fragile menschliche Beziehungsgeflecht im Haus als auch im wirtschaftlichen Tagesgeschäft mag auf den modernen Betrachter als ein alltäglich neu auszuhandelndes Miteinander wirken und wurde an konfliktfreien Tagen sicherlich auch von den betroffenen Personen so angesehen, aber man darf hierbei nicht die Tatsache außer Betracht lassen, dass die Unfreien keine wirklichen Möglichkeiten einer Limitierung der Besitzermacht besaßen: Körperliche und seelische Folter setzten der Sklavenrenitenz ebenso schnell ein Ende wie der immer drohende Verkauf ins Ungewisse. Diese Machtmittel des Herrn waren nicht zu brechen oder einzugrenzen. Joshel zeigt selbst am Beispiel eines durchaus humanen Sklavenbesitzers wie Cicero, dass sogar eine bestehende Freundschaft (zum Freigelassenen Tiro) den ehemaligen Besitzer nicht daran hindert, den vormaligen Unfreien als inferior anzusehen und die Kommunikation mit Metaphern zu bestücken, die ihren Ursprung in der unfreien Lebenswelt haben (11f.).

Insgesamt gesehen kommen einige Aspekte zu kurz, die man wohl auch nicht in einer Einführungslektüre unbedingt erwarten kann, so z.B. wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen und moderne Forschungsdiskussionen. [1] Joshel, die sich in erster Linie auf die einschlägigen Arbeiten von K. Bradley und W. Scheidel stützt, verweist - vor allem im ersten Kapitel - recht pauschal auf "historians" und "scholars", ohne sie jedoch namentlich zu nennen (8). Ein kleiner Querverweis zu den empfohlenen Titeln der Auswahlbibliographie hätte den anvisierten Rezipienten sicherlich geholfen. Darüber hinaus befinden sich in der Auswahlbibliographie nur englischsprachige Werke unter besonderer Beachtung der anglo-amerikanischen Forschung: Auch dies ist wohl primär ein Zugeständnis an die Erfordernisse der Reihe und den zu erwartenden Leserkreis. Inhaltlich kommt eines der Ziele, die Joshel anfänglich formuliert (6), ein wenig zu kurz: Die Sklaverei als soziale Institution und ihre formaljuristische Einbindung in die römische Gesellschaft wird nur vereinzelt und dann meistens nur als einleitende Quelle besprochen. Auch hier mag der Einwand gelten, dass das Sujet beim Leser gewisse Vorkenntnisse voraussetzen müsste.

Die großen Stärken des Buches liegen in der detaillierten und anschaulichen Beschreibung des lebensweltlichen Beziehungsgeflechts zwischen Herrn und Sklaven. Hierbei präsentiert und deutet Joshel das umfangreiche Quellenmaterial ausgewogen und mit großem Einfühlungsvermögen. Didaktisch ausgezeichnet ist die Heranführung des Rezipienten ohne Vorkenntnisse durch die einzelnen Fallbeispiele, die umfangreiche und abwechslungsreiche Bebilderung und die Wahl ihres Ausgangspunktes, nämlich Formen der modernen Sklaverei. So sei abschließend nur angemerkt, dass sie ihr (vielleicht wichtigstes) Ziel erreicht hat: "[...] thinking about Roman slavery will help us to think about the meaning of freedom in our present" (6f.).


Anmerkung:

[1] An dieser Stelle sei verwiesen auf die einschlägigen Passagen bei E. Herrmann-Otto: Sklaverei und Freilassung in der griechisch-römischen Welt, Hildesheim 2009.

Rezension über:

Sandra R. Joshel: Slavery in the Roman World (= Cambridge Introduction to Roman Civilization), Cambridge: Cambridge University Press 2010, XVI + 236 S., 70 teilw. farb. Abb., 4 Kt., 2 Tabellen, ISBN 978-0-521-53501-4, GBP 15,99

Rezension von:
Iris Samotta
Historisches Institut, Ruhr-Universit├Ąt Bochum
Empfohlene Zitierweise:
Iris Samotta: Rezension von: Sandra R. Joshel: Slavery in the Roman World, Cambridge: Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/11/19203.html


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