sehepunkte 12 (2012), Nr. 1

Nino Luraghi: The Ancient Messenians

Die vorliegende Studie behandelt die Konstruktion und die Geschichte der messenischen Identität von den homerischen Zeiten bis in die römische hohe Kaiserzeit. Nino Luraghi, ein ausgewiesener Kenner peloponnesischer Gemeinwesen, hat nun nach zahlreichen Einzelstudien in den letzten Jahren (X. 361f.) eine Monographie vorgelegt, die Messenien als eine regionale und ethnische Einheit in der Betrachtung antiker Zeugnisse vorstellt. Neben der Auswertung historiographischer, epigraphischer und archäologischer Quellen sind es insbesondere soziologische und anthropologische Fragestellungen (1. 6-10), die den Zugang zum messenischen kollektiven Gedächtnis öffnen.

Die geschichtswissenschaftliche Debatte um eine eigenständige messenische Identität, die sich mittlerweile seit mehr als hundert Jahren um die Frage ihrer Kontinuität oder Diskontinuität in den Jahrhunderten der spartanischen Abhängigkeit dreht, entzündete sich an der Glaubwürdigkeit des kaiserzeitlichen Autors Pausanias und dessen Quellen. Im vierten Buch seiner Reisebeschreibung Griechenlands stehen die messenische Landschaft, ihre Kultstätten und ihre Geschichte im Mittelpunkt. Quellenkritische Überlegungen führten zu dem Schluss, dass Pausanias allerhöchstens Material aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert zur Verfügung stand, während Untersuchungen im Rahmen der oral tradition-Forschung Spuren des messenischen kollektiven Gedächtnisses z.B. an Kultorten ausmachten (5). Unbestritten ist die Tatsache, dass ein eigenständiges messenisches Gemeinwesen erst im Zuge des thebanischen Bündnisses mit dem arkadischen Bund (370 v.Chr.) nach der spartanischen Niederlage bei Leuktra (371 v.Chr.) im Rahmen boiotischer Militäroperationen unter dem Thebaner Epameinondas im Jahre 369 v.Chr. konstituiert wurde. Die Zeiten vor dem spartanischen Ausgreifen in die westliche Peloponnes (8./7. Jahrhundert v.Chr.) liegen im Dunkeln; einzig die Ergebnisse sind bekannt: Es erfolgte eine weitgehend flächendeckende Helotisierung der messenischen Landschaft mitsamt der spartanischen Akzeptanz der Teilautonomie einiger Periökenstädte.

Luraghi wirft nun die Frage auf, ob es vor dem spartanischen Ausgreifen eine eigenständige messenische Identität gegeben hat oder ob Messenien als regionale Einheit erst das Resultat der Helotisierung war. Er bezieht sich dabei stärker auf archäologische Befunde als bislang in der althistorischen Forschung zu Messenien üblich und greift darüber hinaus auf literarische Quellen zurück, die die messenische Landschaft im Hellenismus und in der frühen Kaiserzeit betreffen (6). Weiterhin fragt er nach einem messenischen historischen Bewusstsein im Hinblick auf eine mögliche Ethnogenese und bezieht sich dabei auf soziologisch / anthropologische Forschungen, die die Prozesse der Ethnogenese betrachten, die sich innerhalb ("core group; Traditionskern": 8) und außerhalb ("opposition to other ethnic groups": 9) der zu erforschenden Gruppe abspielen (7-11). Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass bei konkurrierenden Gruppen entweder die Ausdifferenzierung verschiedener Geschichtsbilder erfolgt, oder die Erinnerungsleistung der dominanten Gruppe die der anderen Gruppen prägt (13).

Die Untersuchung deckt chronologisch einen Zeitraum von sieben Jahrhunderten ab, um die wechselnden Geschichtsbetrachtungen festzuhalten. Kapitel 2 ("Delimitating the Messenians", 15-45) behandelt die ethnischen Grenzlinien zwischen den Messeniern und den Spartanern, die sich anhand von späteren regionalen Grenzfestlegungen und der Zuordnung von Heiligtümern, z.B. für Artemis Orthia / Limnatis, zeigen. Das nächste Kapitel ("The return of the Heraclids and the mythical birth of Messenia", 46-67) thematisiert die mythhistorische Vergangenheit der Messenier, wie sie sich im fünften und vierten Jahrhundert v.Chr. dem zeitgenössischen Rezipienten darstellte. Im Zentrum der Betrachtung steht der Mythos von der Rückkehr der Herakliden, auf die in der Antike die Dreiteilung der Peloponnes (Argolis, Messenien, Lakonien) zurückgeführt wurde. Luraghi kommt nach einer vergleichenden Bewertung der Quellen zu dem Schluss, dass der Mythos, der die dorische Landnahme erklären soll, weniger auf messenische Rückbetrachtung als auf spartanische und argivische Geschichtsbilder zurückzuführen ist. Er verortet die kanonische Fassung des Mythos in die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts v.Chr., als es den Messeniern aufgrund der spartanischen Dominanz nicht möglich war, ein alternatives Geschichtsbild zu entwerfen (65f.). Kapitel 4 ("The conquest of Messenia through the ages", 68-106) rekonstruiert die historische Erinnerung an die ersten beiden messenischen Kriege unter besonderer Berücksichtigung der Werke des Tyrtaios und der fragmentarisch erhaltenen Geschichtsschreibung des fünften und vierten Jahrhunderts v.Chr. und lässt die Untersuchung in eine vergleichende Wertung des schon erwähnten Kapitels bei Pausanias einmünden. Luraghi erkennt hier zu Recht eine Entwicklung, die die Dominanz der spartanischen Geschichtsauffassung aufbricht und eine im Zuge der Entstehung des messenischen Gemeinwesens aktualisierte kanonische Fassung hervorbringt: Die postulierte Frühgeschichte Messeniens in Form einer Identitätsfindung spiegelt nun den historischen Kampf um die Freiheit der messenischen Landschaft im fünften und vierten Jahrhundert v.Chr. wider (105f.). Im folgenden Kapitel ("Messenia from the Dark Ages to the Peloponnesian War", 107-146) wird die Frage behandelt, ob es eine kollektive Erinnerung und eventuell auch eine ethnische Identität der Messenier im Zeitraum vom achten bis zum sechsten Jahrhundert v.Chr. gegeben hat, wenn man nicht dem Argument folgt, dass die messenische mündliche Tradition durch die Helotisierung komplett ausgelöscht wurde. Für die mykenische Zeit, die Dark Ages und die geometrische bis früharchaische Zeit zieht Luraghi die archäologischen Befunde, insbesondere die Kultstätten, heran und folgert, dass es trotz der spartanischen Dominanz zu keiner dramatischen Diskontinuität innerhalb des messenischen Siedlungsraumes kam, und dass lokale Traditionen durchaus weiterbestanden. Kapitel 6 ("The Western Messenians", 147-172) verfolgt die Geschichte des ersten freien messenischen Gemeinwesens, nämlich Messana, ehemals Zankle, auf Sizilien (490 v.Chr.): "broad phenomenon of articulation of a Messenian identity" (172). Im nächsten Kapitel ("The earthquake and the revolt: from Ithome to Naupaktos", 173-208) untersucht Luraghi die historiographische Behandlung des Erdbebens von 469 v.Chr. in der südlichen Peloponnes, die nachfolgende messenische Erhebung und die Ansiedlung messenischer Exulanten in Naupaktos. Die Befreiung der messenischen Landschaft von spartanischer Hegemonie und ihre Ausgestaltung durch die antike Geschichtsschreibung steht im Mittelpunkt des achten Kapitels ("The liberation of Messene", 209-248). Schon die Zeitgenossen waren sich uneins in der Frage nach einer möglichen Kontinuität / Diskontinuität der messenischen Identität und somit nach dem Charakter des alten / neuen messenischen Gemeinwesens ab 369 v.Chr. ("[...] the preexistence of Messenian ethnicity was a necessary precondition for success of the new polity carved out of the Lakedaimonian state": 248). Das folgende Kapitel ("Being Messenian from Philip to Augustus", 249-291) behandelt die drei Jahrhunderte zwischen der Konstituierung des freien messenischen Gemeinwesens und ihrer letzten autonomen außenpolitischen Handlung, dem fatalen Eingreifen im römischen Bürgerkrieg zugunsten von M. Antonius. Luraghi beschreibt die Entwicklung der messenischen Ethnogenese in dieser Zeit als eine "transformation of an ethnic group into a polity" (291). Die nachfolgende Zeit schildert Kapitel 10 ("Messenians in the Empire", 292-329). Luraghi zieht neben Pausanias insbesondere archäologische und epigraphische Zeugnisse heran, und stellt die provinziale Elite in ihrer Kontinuität seit dem späten Hellenismus heraus. Er erkennt dabei im Übergang vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrhundert einen Wandel in der Darstellung der ethnischen Identität: "If one could be legitimately called a Messenian and a Spartan at the same time, then his Messenian identity must have been something substantially different from what it had been hitherto." (329)

Im abschließenden Kapitel ("Conclusions", 330-344) macht Luraghi nochmals das Dilemma der Beschäftigung mit dem historischen Bewusstsein antiker Gemeinschaften deutlich: "[...] ethnic groups do not typically show what scholars would characterize as selfless respect for historical accuracy." (343) Es ist das Verdienst seiner variantenreichen und fein abwägenden Untersuchung, die Möglichkeiten eines messenischen Identitätsbewusstseins von mythischen und frühhistorischen Zeiten bis hin zur vollen literarischen Ausgestaltung in allen Aspekten beleuchtet zu haben. Hierbei tritt nicht nur die kontinuierliche Beschäftigung der Messenier mit ihrer eigenen Vergangenheit in den Vordergrund, sondern auch die Instrumentalisierung der zeitlich und örtlich unterschiedlichen Geschichtsbilder durch die eigene, aber auch durch fremde Gemeinschaften. Wenn man Luraghi antworten darf: Das Experiment ist gelungen (vgl. 344).

Rezension über:

Nino Luraghi: The Ancient Messenians. Constructions of Ethnicity and Memory, Cambridge: Cambridge University Press 2008, xiv + 389 S., ISBN 978-0-521-85587-7, GBP 60,00

Rezension von:
Iris Samotta
Historisches Institut, Ruhr-Universit├Ąt Bochum
Empfohlene Zitierweise:
Iris Samotta: Rezension von: Nino Luraghi: The Ancient Messenians. Constructions of Ethnicity and Memory, Cambridge: Cambridge University Press 2008, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 1 [15.01.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/01/14811.html


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