Rezension über:

Lilia Antipow / Jörn Petrick / Matthias Dornhuber (Hgg.): Glücksuchende? Conditio Judaica im sowjetischen Film, Würzburg: Königshausen & Neumann 2011, 457 S., zahlreiche Farb- und s/w-Abb., ISBN 978-3-8260-4428-1, EUR 49,80
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Rezension von:
Günter Agde
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Günter Agde: Rezension von: Lilia Antipow / Jörn Petrick / Matthias Dornhuber (Hgg.): Glücksuchende? Conditio Judaica im sowjetischen Film, Würzburg: Königshausen & Neumann 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 3 [15.03.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/03/20707.html


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Lilia Antipow / Jörn Petrick / Matthias Dornhuber (Hgg.): Glücksuchende?

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Drei Herausgeber, 16 Autoren und 17 Filme - ein eindrucksvolles Aufgebot für ein gleichermaßen schwieriges wie sensibles Langzeit-Thema. In einem kompakten, sehr dichten wissenschaftlichen Vorstoß untersuchten Wissenschaftler des Erlanger Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte jüdische Befindlichkeiten und Lebensformen im sowjetischen Film. Das komplexe Forschungsfeld erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte sowjetisch-jüdischer Beziehungen, die - wie man weiß - voller Konflikte war.

Das Fundament der abgedruckten wissenschaftlichen Arbeiten bildete ein Filmprogramm, das 2009 im Filmhaus Nürnberg öffentlich gezeigt und diskutiert wurde. Derart komprimierte und praxisbezogene, sprich: strikt an Filmen orientierte Studien, wie in dem vorliegenden Sammelband, findet man derzeit nicht eben häufig. Die Filme, deren öffentliche Vorführung im Kino und historische Hintergrunderkundungen und kompetente Erforschung wurden plausibel zusammengebunden. Die vorgelegten reichen Ergebnisse sprechen für sich.

Der Spannungsbogen der Untersuchungen beginnt bei frühen sowjetischen Spielfilmen, etwa "Benja Krik" (Wladimir Wilner, 1926) und geht über die Jahre (und Filme!) hinweg bis zu den neuesten russischen Filmen. Natürlich ließe sich über die Filmauswahl diskutieren, auf jeden Fall aber wird ein außerordentlich kompliziertes, formenreiches und höchst brisantes Feld abgemessen. Denn: Noch immer ist es kompliziert für außer-russische Wissenschaftler, jüdische und innersowjetisch-jüdische Beziehungen - abgebildet in Filmen unterschiedlichster Handschriften und unterschiedlichster Entstehungszeiten - zu analysieren und darzustellen. Erschwerend kommt hinzu, dass Rezeptionsergebnisse, die als Nachweise für Wirkungen dienen können, nur ungenügend überliefert sind. Wie jene Filme auf jüdische Zuschauer tatsächlich gewirkt haben, muss unscharf bleiben. Die überlieferten Zeitungskritiken zu den Filmen geben ja nur einen, zudem problematischen, weil offiziellen und durchweg systemkonformen Eindruck wieder. Ungeachtet dessen besticht der Band auch durch eine enorme Materialfülle.

Wichtige Filme fehlen freilich, gerade aus den 1930er Jahren: etwa "Horisont" (Lew Kuleschow, 1933) und "Die vier Besuche des Samuel Wulf" (Aleksandr Stolper, 1934). Nur "Die Rückkehr des Natan Bekker" (Raschel Milman, Boris Spis, 1932) wird behandelt. In diesen - sagen wir - Rückkehrer-Filmen kommen russische (sowjetische?) Juden aus dem (westlichen) Ausland in ihre Heimat zurück und müssen sich mit den neuen, ihnen noch fremden Bedingungen arrangieren. Die Filme offerieren mit dieser - zugegeben simplen - Dramaturgie eine Art Verfremdungseffekt, der sofort seine Probe auf die Praxis bestehen muss: Bietet der "frische" Blick der Heimkehrer auf ihre Heimat Illusionen, Propaganda, Hoffnungen oder Irrtümer? In den filmischen Antworten darauf spiegeln und bündeln sich die heftigen Ambivalenzen der Filmemacher, die komplexe Zerrissenheit der Juden in der Sowjetunion, politische und propagandistische Intentionen der sowjetischen Oberen und manche individuelle religiöse Haltung. Kein Zufall war es sicherlich, dass in nur wenigen Jahren gleich mehrere Spielfilme des gleichen Themas und mit der gleichen Struktur gedreht wurden - steckte dahinter eine staatliche Strategie oder entsprach dies Phänomen einem latenten Zuschauerbedürfnis?

Diejenigen Aufsätze erscheinen am überzeugendsten, die sich eng an die Filme, an ihre Storys und Bildlösungen halten. Da sind die Beweise der Autoren schlüssig und ihre Interpretationen plausibel, etwa in den Aufsätzen von Helmut Altrichter und Norbert Franz über "Die Kommissarin" (Aleksandr Askoldow, 1967/1987). Und genau an diesen Zusammenschlüssen erfüllen die vielen Abbildungen, die meist als Screenshots von den Filmen abgenommen wurden und oft nur eine unzureichende Wiedergabequalität aufweisen, ihren wirklichen Wert, zumal sie "auf Stichwort" gestellt sind: sie beweisen anschaulich die Thesen der Aufsätze. Die Betrachtung der Filme selbst ersetzen sie natürlich nicht.

Die Aufsätze zu den sowjetischen Dokumentarfilmen müssen andere Wege gehen als die zu den Spielfilmen, weil die Kompilation authentischen Dokumentarfilmmaterials mehr den massiven und zeithistorischen Absichten (auch der Auftraggeber solcher Filme) unterworfen war als die Spielfilme. Exemplarisch werden die abendfüllenden Dokumentarfilme "Gericht der Völker" (Roman Karmen, 1946, über den Nürnberger Prozeß) und "Der gewöhnliche Faschismus" (Michail Romm, 1965), die auch in Deutschland bekannt sind, dargestellt. Sehr genau gehen die Autoren Lilia Antipow, Philipp W. Balsiger und Johannes Kuck auf die zeitgebundenen Zwiespältigkeiten der Filmemacher ein, etwa wenn bei dem Film von Michail Romm, der selbst Jude war, gefragt und untersucht wird, weshalb gerade er den Holocaust so auffallend marginal erwähnte. Ihnen reicht die betonte Subjektivität Romms, der selbst den Kommentar sprach, nicht aus, wenngleich andererseits gerade diese erklärte Subjektivität erheblich zu dem großen internationalen Erfolg des Films beitrug. (Auch wäre es sicher lohnend gewesen, zeitgenössisches Dokumentarfilmmaterial zum Thema - etwa aus Wochenschauen - in die Betrachtung vor allem von Filmbildern einzubeziehen.)

Dort jedoch, wo Historiker den Maßstab historischer Ereignisse an Filme anlegen, also Filme nur danach befragen, welche Details jener Ereignisse sie gestaltet und welche sie weggelassen haben, ist das nach Meinung des Rezensenten ein Weg in einen Irrtum. Filme können wegen ihrer ästhetischen Eigentümlichkeit und Eigenständigkeit nicht nach historischer Vollständigkeit befragt werden. Eine solche Methode beschädigt das Kunstwerk Film, seinen Eigenwert und dessen vollkommen andere Erzählweise und ignoriert das, was nur Film und kein anderes Medium sonst kann. Zudem bringt eine solch positivistische Sicht nur begrenzte Erkenntnisse, weil sie nur Fehlstellen moniert (wie in dem Aufsatz von Gunter Dehnert "Allgemeinmenschliches Drama?" über die Beziehung zwischen der Ereignisse im polnischen Kielce 1946 und dem Film "Von Hölle zu Hölle" von Dimitrij Astrachan 1996 zu lesen ist).

Die Texte sind flüssig geschrieben und bleiben dicht an ihren Gegenständen (nur die beiden Aufsätze von Naum Šafer, Musikwissenschaftler aus Pavlodar, über die Musiken von Isaak Dunajewski, werden durch eine Art feuilletonistische Romantisierung beeinträchtigt). Ein (nicht ganz billiger) Band mit leserfreundlichem Layout - zum Wiederlesen, wenn möglich nach Ansicht der Filme im Kino.

Günter Agde