sehepunkte 12 (2012), Nr. 5

Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner

Im Dezember 1941, Thomas Mann war gerade 66 Jahre alt geworden, veröffentlichte die amerikanische Journalistin Janet Flanner unter dem Titel Goethe in Hollywood ein Porträt des deutschen Nobelpreisträgers im New Yorker. Darin weist sie darauf hin, dass über Thomas Mann seit gut vierzig Jahren wie über einen Toten geschrieben werde. Und wenn es ihr auch nicht gelungen sei, wie sie am Ende ihres Essays einräumt, dieses Paradox aufzuklären, stehe doch so viel fest: Die Gründe dafür seien nicht allein literarischer Natur.

Tatsächlich kam Thomas Mann, der Deutschland 1933 den Rücken kehrte und sich 1938 in den USA niederließ, wo er 1944 die Staatsbürgerschaft annahm, von Anfang an ein Sonderstatus unter den Exilanten zu. Auch wenn er selbst das mitunter anders sah, kannte er während seiner gesamten Exilzeit weder Geld- noch Passsorgen. Im Gegenteil, der "hartnäckige Villenbesitzer" (Hermann Kesten) blieb auch fern von Deutschland seinem Lebensstil treu. In Princeton, wo er 1938 kurzzeitig als "Lecturer in the Humanities" tätig war, bezog er mit seiner Familie ein zehn Schlaf- und fünf Badezimmer-Domizil, und erhielt für eine überschaubare Anzahl von Vorträgen das Vielfache eines regulären Professorengehalts. Und auch an der Pazifikküste, wo er ab 1941 lebte, residierte er standesgemäß nahe Hollywood-Größen wie Ernst Lubitsch und Max Reinhardt.

Wenngleich Mann der deutsche Buchmarkt seit seinem Bruch mit Nazi-Deutschland verschlossen war, verkauften sich seine Werke im Rest der Welt ausgezeichnet. In den USA erreichten seine Bücher, nicht zuletzt dank der mehrmaligen Aufnahme in den Besteller generierenden "Book-of-the-Month-Club", eine Millionenauflage. Zudem begab sich Mann wiederholt auf Vortragstourneen, die zwar wegen der großen Entfernungen ein Mühsal bedeuteten, aber eben auch ein lukratives Geschäft waren, zumal wenn der Vortragende - wie im Falle Thomas Manns - als "The Greatest Living Man of Letters" angekündigt wurde. Ab 1941 sorgte schließlich eine großzügige Ehrenstellung ("fellowship") an der Library of Congress dafür, dass Mann sich ganz seiner literarischen Arbeit widmen konnte, die sich auch während der Jahre in den USA als ungemein produktiv erwies: Neben unzähligen Aufsätzen, Reden und kleineren erzählenden Werken entstanden in dieser Zeit der vierte Band der monumentalen Josephs-Tetralogie, Joseph der Ernährer (1943), Lotte in Weimar (1939) und der Künstlerroman Dr. Faustus (1947).  

Mit Thomas Mann, der Amerikaner hat der in den USA lehrende Germanist Hans Rudolf Vaget nun das erste Buch vorgelegt, das sich en Detail mit den amerikanischen Jahren Manns befasst. Wegen seines Umfanges und der akribischen Recherche, die Vaget unternommen hat, kann es in mancherlei Hinsicht als willkommene Ergänzung der monumentalen Thomas Mann-Biografie Peter de Mendelssohns (1975) gelesen werden, deren Schwerpunkt auf den Jahren 1875 bis 1918 liegt, und mit dem Gang der Familie Mann ins Exil endet. Anders als Mendelssohn wählt Vaget aber keinen chronologischen, sondern einen thematischen Zugang, was dazu führt, dass es an der einen oder der anderen Stelle zu kleineren Redundanzen kommt.  

Im Mittelpunkt steht, neben dem in den USA verfassten Werk, das politische Engagement Manns gegen Nazi-Deutschland. Vaget widerspricht der verbreiteten Lesart, es habe sich beim Autor der Buddenbrooks und des Zauberbergs um einen im Grunde Unpolitischen gehandelt - eine Zuschreibung, die maßgeblich auf Golo Mann zurückgeht, der das Politisieren seines Vaters als wirklichkeitsfernes Gerede abgetan hatte. Stattdessen, so Vaget, habe sich Thomas Mann nach seiner Ankunft in den USA intensiv mit politischen Themen befasst und in der Politik - neben der Literatur - den nächstgelegenen Weg der Annäherung an die neue Heimat gefunden. Befördert wurde sein politisches Interesse durch Franklin D. Roosevelt, in dem er den einzigen wahren Gegenspieler Hitlers erkannte. Insgesamt dreimal trafen der Schriftsteller und der Präsident persönlich aufeinander, wobei die dritte  Begegnung - im Jahr 1941 residierten die Manns zwei Tage im Weißen Haus - auf ausdrücklichen Wunsch des Deutschen zustande kam. Wie groß dessen Wertschätzung Roosevelts war, lässt sich auch daran erkennen, dass er es dem Präsidenten nicht verübelte, dass dieser offenbar keine Zeile von ihm gelesen hatte, und generell mit Literatur nicht viel anzufangen wusste. Vagets Verdienst ist es, als erster das besondere Verhältnis Manns zu Roosevelt näher beleuchtet zu haben; das entsprechende Kapitel zählt zu den besten des Buches.  

Beinahe ebenso ausführlich befasst sich Vaget mit Thomas Manns Beziehung zu der Journalistin Agnes E. Meyer, die aufgrund ihrer Ehe mit Eugene Meyer, dem Eigentümer und Herausgeber der Washington Post, nicht nur über großen Reichtum, sondern auch über beste Beziehungen verfügte. Galt Roosevelt dem Schriftsteller als demokratischer Leitstern und politischer Hoffnungsanker, fiel der "Meyerin", wie Thomas Mann sie bisweilen abschätzig titulierte, die Rolle der Mäzenin und Türöffnerin zu. Sie war es, die Manns Ernennung zum "Lecturer" in Princeton und den gut dotierten Vertrag mit der Library of Congress einfädelte. Im Gegenzug gewährte Mann seine Aufmerksamkeit, etwa bei privaten Lesungen, was er dann im Tagebuch ironisch als "Dienst an der Hausfrau" abtat (dort beklagte er beklagte sich außerdem in schöner Regelmäßigkeit über die Aufdringlichkeit des "Frauenzimmer[s]").

Politische Themen wurden zwischen den beiden jedoch ausgespart. Man war sich zwar einig in der Ablehnung des Faschismus, innenpolitisch hingegen unterstützte Meyer die Republikaner, während Mann den Demokraten und dem sozialdemokratischen Projekt des "New Deal" nahestand. Mit Äußerungen zur amerikanischen Innenpolitik hielt er sich aber zurück, abgesehen von seiner Kritik an der bei Kriegsende einsetzenden Kommunistenhetze und gelegentlichen Sympathiebekundungen für Roosevelt, auf den er nach dessen Tod 1945 einen ausführlichen Nachruf verfasste. Keinerlei Zurückhaltung hingegen legte sich Mann bei seiner Kritik an Nazi-Deutschland auf: Bei insgesamt 134 Redeauftritten im ganzen Land erklärte er den Amerikanern die Berechtigung und die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes gegen die Deutschen; rund eine Million Zuhörer, mehr als jeder andere Emigrant, dürfte er auf diese Weise erreicht haben. Wie groß die Leserschaft seiner zahllosen Essays gegen die deutsche Diktatur war, lässt sich nur erahnen; dasselbe gilt für die monatliche Radioansprache "Deutsche Hörer", die über die BBC ausgestrahlt und auch in Deutschland - sofern man heimlich die richtige Frequenz eingestellt hatte - empfangen wurde. Damit war Thomas Mann, so Vagets Fazit, unter allen deutschen Emigranten zweifellos derjenige, der mit seinen klaren politischen Botschaften und seinem Bekenntnis zur Demokratie am stärksten wahrgenommen wurde, sowohl in den USA als auch in Europa.  

Das brachte ihm nach dem Krieg nicht nur Zustimmung ein. Kurz nach Kriegsende wurde Mann von Vertretern der sogenannten "inneren Emigration" scharf attackiert; man beschuldigte ihn, einer Kollektivschuld-These anzuhängen, und damit alle Deutschen über einen Kamm zu scheren. In Zeitungsbeiträgen warfen deutsche Literaten, etwa Frank Thiess oder Walter von Molo, Mann vor, zum Thema deutsche Schuld eigentlich nichts zu sagen zu haben, da er die Zeit der Hitler-Herrschaft aus "den Logen und Parterreplätzen des Auslands" (Frank Thiess) bequem und gefahrlos überlebt habe. Entsprechend seien nur die im Land Verbliebenen qualifiziert, das Geschehene angemessen zu beurteilen. Dergleichen Angriffe waren aber nicht nur ungerecht - Thomas Mann und seine Familie hätten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das 'Dritte Reich' nicht überlebt -, sondern auch in der Sache falsch. Thomas Mann unterschied stets zwischen der Frage der "Schuld und Unschuld des Einzelnen" und der Frage der "furchtbare[n] nationale[n] Gesamtschuld" Deutschlands. Gesamtschuld bedeutete für ihn die von allen Deutschen zu bejahende Verantwortung für die im deutschen Namen begangenen Verbrechen, eine Position, die heute niemand mehr ernsthaft in Frage stellt. Es waren nicht zuletzt die Anfeindungen aus der alten Heimat, die den Schriftsteller dazu bewogen, sieben Jahre nach Ende des Krieges in die Schweiz überzusiedeln und Deutschland - von einigen kurzen Besuchen abgesehen - auch weiterhin den Rücken zu kehren.

Thomas Mann, der Amerikaner zählt zum Besten, was seit langem über den Nobelpreisträger von 1929 geschrieben wurde. Das Buch räumt endgültig mit dem Mythos auf, es habe sich beim Verfasser der Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) zeit seines Lebens um einen politischen Naivling gehandelt. Spätestens während seiner amerikanischen Jahre entwickelte sich Thomas Mann zu einem hellsichtigen Beobachter des Zeitgeschehens und zum neben Albert Einstein einzigen intellektuellen Kämpfer gegen Nazi-Deutschland im Exil, dessen Wort sowohl in den USA als auch in Europa Gehör fand. Es ist bezeichnend für Thomas Mann, dass er trotz seines politischen Engagements sein eigentliches Metier, die Literatur, nicht aus den Augen verlor. Mehr als einmal lässt sich im Werk dieser Jahre das Ineinanderfließen von Literatur und Politik entdecken, etwa im vierten der Josephs-Romane, Joseph der Ernährer, wo das wirtschaftliche Sanierungsprogramm der Ägypter Anleihen aus dem New Deal aufweist, und die Figur des Joseph auffällig an Roosevelt erinnert. Einziger Wermutstropfen ist, dass Vaget weder dem Austausch mit befreundeten Exilanten noch dem Einfluss der nächsten Angehörigen eine Bedeutung für die Genese des politische Denkens Thomas Manns beizumessen scheint. Dabei erwiesen sich gerade in den Jahren nach 1933 die Kinder Klaus und Erika Mann sowie der Bruder Heinrich für Thomas Mann als wichtige Ratgeber.

Rezension über:

Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938-1952, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2011, 584 S., ISBN 978-3-10-087004-9, EUR 24,95

Rezension von:
Florian Keisinger
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Florian Keisinger: Rezension von: Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938-1952, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/05/20176.html


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