sehepunkte 12 (2012), Nr. 6

Nigel M. Kennell: Spartans

In der Einleitung stellt Kennell zu Recht fest, dass es eine große Diskrepanz zwischen dem verbreiteten Spartabild und den Forschungsmeinungen und -Debatten gibt. Diesen Graben will das Buch überbrücken, das in der Tat über eine "Einführung" hinausgeht, indem durchgängig auf antike Quellen verwiesen wird. Außerdem werden Forschungsdebatten nachgezeichnet (zum Beispiel über den Peloponnesischen Bund, 51). Kennell macht klar, wo er der communis opinio folgt (Tyrtaios Fr. 6W behandele das Schicksal der besiegten Messenier, 80) und wo er von ihr abweicht (die Krypteia sei so alt wie die Helotie selbst, 84). Aber wer hinter welcher Position steckt, ist nur schwer ersichtlich. Denn die einschlägige Literatur wird nur in der thematisch geordneten Bibliographie verzeichnet. Dass hinter der Aussage, der Name der Volksversammlung habe Ekklesia gelautet und nicht wie früher angenommen Apella (111), der Beitrag "Der Name der Volksversammlung" von Luther steckt (201), kann man sich noch denken, in anderen Fällen ist das schwieriger.

Das erste Kapitel führt in die Geographie und Quellenlage ein. Eigene Fotos des Eurotas-Tals veranschaulichen die Lage Spartas und bezeugen, dass das Buch nicht im Studierzimmer entstanden ist. Die "Neue Geschichte" entsteht im Kontext der landschaftlichen Gegebenheiten und der archäologischen Hinterlassenschaften. Darin steht die Arbeit in der Tradition der Regionalgeschichte, die Cartledge in der Spartaforschung etabliert hat. Kennell benutzt das archäologische Material, um Schriftquellen zu ergänzen, zu korrigieren (zum Beispiel über Periöken, 89) oder zu bestätigen (zum Beispiel über die Ausrüstung der Soldaten, 154). Der gelungene Überblick über die relevanten antiken Autoren und Werke gibt Gelegenheit, in das spezifische Quellenproblem ("Spartan mirage" bzw. "mirage Spartiate") einzuführen. Die anschließende Darstellung erfolgt im Großen und Ganzen chronologisch: von der Bronzezeit bis in die Spätantike. An wichtigen Ereignissen werden thematische Exkurse aufgehängt.

Die antiken Berichte für die Zeit vor 700 hält Kennell für völlig legendenhaft (38): Die Zerstörung der Paläste und die Entwicklung der griechischen Dialekte müssten nicht mit einer großen Wanderungsbewegung zusammenhängen. Kennell macht zu Recht die intentionale Geschichte stark: Die Verbindung der Heraklidensage mit dem Gebiet von Lakonien und Messenien wirke nachträglich konstruiert. Die drei dorischen Stämme gingen nicht auf eine Wanderungszeit zurück, sondern hätten sich später über die Peloponnes ausgebreitet, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Auch Gemeinsamkeiten zwischen Sparta und seinen Kolonien wie das Ephorat in Taras müssten nicht auf die Gründung zurückgehen, sondern könnten im Nachhinein bewusst eingeführt worden sein.

Der Interpretation der großen Rhetra und von Tyrtaios' Eunomia, die der communis opinio folgt, wird großen Raum gegeben: Rhetra und Zusatz bildeten ursprünglich eine Einheit. Dass beide Dokumente in indirekter Rede stehen und deshalb einem größeren Text entnommen seien (47), ist nur eine Möglichkeit. Alternativ könnte es sich um imperativische Infinitive wie in Gesetzinschriften handeln. Im folgenden Kapitel über Kleomenes irritiert, dass Herodots negative Darstellung unkritisch nacherzählt wird (58 "treacherously"), obwohl in der Einleitung auf Widersprüche hingewiesen worden war (11). Ob innerhalb des spartanischen Kriegsrats wie in der Volksversammlung per Lautstärke abgestimmt wurde (68) oder eher per Mehrheit wie in der Gerusie und unter den Ephoren, muss dahingestellt bleiben.

Am Helotenaufstand von 465 wird das Kapitel über Heloten und Periöken aufgehängt. Wenn das von Thukydides bezeugte Helotenmassaker, wie Kennell meint, historisch ist, dann erscheint der angestellte Vergleich mit einem Todeslager der Neuzeit durchaus angemessen (78). Aber dass die Spartaner mit den Todgeweihten eine kaltblütige Parodie eines Opferrituals veranstaltet hätten, geht zu weit. Denn in der Quelle heißt es nicht, dass die Heloten vor ihrer Ermordung von den Spartanern bekränzt und in einer Prozession von Tempel zu Tempel geführt wurden, sondern dass sie es selbst taten. Im Folgenden wird die Helotie von der damals üblichen Form der Sklaverei abgegrenzt, in der der Sklave frei veräußerliches Eigentum seines Besitzers war (81 "chattel slavery"; zu Deutsch am ehesten "Besitzsklaverei"). Die für Sparta charakteristische Helotie sei einzigartig (88). Hier rührt Kennell an die Forschungsdebatte um den spartanischen Sonderweg, die auch im Mittelpunkt eines neuen Sammelbands steht. [1] Im angesprochenen Punkt sind Hodkinson und Luraghi anderer Meinung.

Im Kapitel "Governing Sparta", das an den Erzählrahmen eher assoziativ anknüpft, wird das Zusammenspiel der Institutionen gut gefasst. Kennell beginnt mit dem Doppelkönigtum, das nicht unterschätzt werden dürfe. Treffend arbeitet er das informelle Machtpotenzial der Könige heraus. Die Darstellung der Gerusie ist ambivalent: Einerseits sei die Gerusie ein primär beratendes Gremium, andererseits der höchste Gerichtshof. Gegen die Aussage, dass die Gerusie nur über ihr vorgelegte Anträge entscheiden und keine Diskussion initiieren konnte (111), spricht zum Beispiel die von Hetoimaridas herumgerissene Debatte vor der Volksversammlung; Hetoimaridas wird zwar erwähnt (114), aber ohne Hinweis auf seine Zugehörigkeit zur Gerusie.

An die Schlacht von Leuktra, die Spartas Niedergang besiegelte, schließt sich ein Exkurs über die Armee an. Mit diesem Ereignis und seinen Folgen enden viele Werke über Sparta, jedoch nicht dieses. Dass die hellenistische und römische Zeit einbezogen sind, ist richtig, da das Mirage eine neue Dimension bekommt. Die Reformen des Agis und Kleomenes geben sich als Rückkehr zur alten Ordnung, deren Bestand auch die Römer garantieren sollten. Die Spartaner konnten aus der sorgsam gepflegten Legende Kapital schlagen: Römer, Juden und Städte in Kleinasien sahen sich in einer Abstammungsgemeinschaft mit den Spartanern.

Die Kritik im Detail ändert nichts daran, dass der entworfene Überblick grundsolide ist. Kennell greift neuere Forschungspositionen auf und berücksichtigt jüngere Inschriften- und Papyrusfunde, was das Buch zu einer "Neuen Geschichte" macht. Dem Anspruch, eine Brücke zur Forschung zu schlagen, hätte das Werk freilich besser gerecht werden können, wenn im Text - in Anlehnung an die Verweise auf antike Quellen - per Kurztitel auf die Bibliographie verwiesen worden wäre. Trotzdem, diese detailreiche und umfassende Synopse kann dem Sparta-Interessierten nur empfohlen werden.


Anmerkung:

[1] S. Hodkinson (ed.): Sparta, Comparative Approaches, Swansea 2009.

Rezension über:

Nigel M. Kennell: Spartans. A New history, Oxford: Blackwell 2010, VIII + 218 S., ISBN 978-1-4051-3000-4, GBP 19,99

Rezension von:
Fabian Schulz
Seminar für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Fabian Schulz: Rezension von: Nigel M. Kennell: Spartans. A New history, Oxford: Blackwell 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 [15.06.2012], URL: https://www.sehepunkte.de/2012/06/17625.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.