sehepunkte 13 (2013), Nr. 1

Günter Baumann: Weltkulturerbe

Das Interesse am UNESCO-Welterbe floriert. Auch im Jahr des 40-jährigen Bestehens der Welterbekonvention ist die Welterbeliste nach wie vor begehrt. 26 weitere Objekte hat das Welterbekomitee auf seiner 36. Sitzung (24.6.-6.7.2012) in die Welterbeliste eingetragen, sodass mittlerweile 962 Stätten in 157 Vertragsstaaten verzeichnet sind. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung fördert die nationalen Welterbestätten mit zwei Konjunkturpaketen in einer Höhe von 220 Millionen Euro (2009-14), und die Kultusministerkonferenz (KMK) hat die Bundesländer aufgerufen, bis August 2012 jeweils zwei Vorschläge pro Land für die Neuaufstellung der nationalen Vorschlagsliste (Tentativliste) einzureichen. [1]

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass immer wieder Publikationen zu einzelnen oder allen Welterbestätten wie Blumen aus dem Boden sprießen. Neben den sonst eher üblichen Coffee Table Books ist im Philipp Reclam jun. Verlag ein Taschenbuch erschienen, das sich einer exemplarischen Auswahl von 150 Weltkulturerbestätten widmet und sich so in konzentrierter Weise dem Thema nähert.

Günter Baumann gliedert das vorliegende Buch in drei Oberkapitel: Einleitend führt er in die Welterbethematik ein, stellt in einem Hauptteil katalogartig die ausgewählten 150 Weltkulturerbestätten vor und komplettiert diese Auswahl im Anhang durch eine Liste, die alle Stätten (Stand 2009) in der Chronologie ihrer Listung aufführt, ein kurzes Literaturverzeichnis und ein Register der Stätten nach Ländern.

Der Verfasser liefert eingangs einen Überblick über die Genese der Welterbekonvention, die aus den Erfahrungen des Nilstaudamm-Baus bei Assuan, der die antiken Tempel von Abu Simbel bedrohte, hervorgegangen war. Die bedrohten Tempel wurden durch den Aufruf der UNESCO versetzt und vor der Überflutung bewahrt. Auf Grundlage dieser Erfahrungen konnte 1972 das "Internationale Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" (Welterbekonvention) unterzeichnet werden, das nach drei Jahren in Kraft trat. Die Bundesrepublik Deutschland trat 1976 bei und war bereits 1978 mit dem Aachener Dom unter den ersten 12 eingetragenen Stätten vertreten.

Dass der Wunsch nach einer Bestenliste keine Idee des 20. Jahrhunderts ist, veranschaulicht der Überblick über die antiken "Sieben Weltwunder", denen bis in die Gegenwart Listen z.B. zu den "Sieben Wundern der modernen Welt", den "Auszeichnungswürdigen Ingenieursbauwerken" oder der "European Route of Industrial Heritage" folgten (14-17).

Auch den in der Öffentlichkeit teilweise verwirrende Bereich der UNESCO-Programme, ausgehend vom Welterbe (insbesondere Weltnaturerbe) über das "Weltdokumentenerbe" bis hin zum "Immateriellen Erbe" und den "Weltbücher- und Literaturstädten", versucht der Verfasser detailliert zu erläutern. Während in Europa besonders viele Kulturstätten gelistet seien und es häufig zu einer Gleichsetzung von Welterbe gleich Weltkulturerbe komme, seien auf anderen Kontinenten wesentlich mehr Weltnaturerbestätten verzeichnet und daher der Fokus ausgeprägter auf diese Kategorie gerichtet. Unklar ist, warum der Verfasser auf die seit 1992 beispielsweise neugeschaffene Gattung der "Kulturlandschaft", die als gemeinsames Werk von Natur und Mensch betrachtet wird, unberücksichtigt lässt. Dies hätte einerseits die Bandbreite der eigentlichen Welterbekategorien differenzierter wiedergeben und andererseits die Einordnung von "mixed sites" im Katalogteil erleichtert (z.B. 45, 123, 243).

Eine Erfahrung 40-jähriger Welterbepolitik ist die Unausgewogenheit der gewachsenen Welterbeliste: Sie enthält deutlich mehr Kultur- als Naturerbestätten, Europa und Nordamerika sind regional überrepräsentiert, europäisches Mittelalter und Renaissance führen die Liste der Epochen an. Wünschenswert wäre gewesen, dass Baumann die "Globale Strategie" des Welterbekomitees näher erläutert, die bei der Fortschreibung der Welterbeliste verfolgt wird, und einen Ausgleich der Ungleichheiten in den Regionen, Typen und Epochen intendiert (21-26). [2]

Vor diesem Hintergrund wären Entscheidungen zu "Heidelberg" oder "Schwetzingen" (21) differenzierter, (möglicherweise) auch besser nachvollziehbar. Auch die Gründe, warum die 1998 aufgestellte deutsche Tentativliste mit ihren Objekten erst abzuarbeiten ist, bevor neue Objekte wie "Wiesbaden", "Königsschlösser von Ludwig II." oder "Tempelhof" vorgeschlagen werden können, hätten sich besser erschlossen (21f.).

Im Katalog präsentiert der Verfasser in einer chronologischen Auswahl von prähistorischer Zeit bis in die Gegenwart die Vielfältigkeit an Weltkulturerbestätten, die von Höhlenmalereien über die Wartburg bis hin zum Opernhaus in Sydney reichen. Aufgeführt werden die Namen und Vertragsstaaten der Stätten, das Jahr ihrer Eintragung und Erweiterungen der Folgezeit. Die Objekte sind schwarz-weiß bebildert und partiell auch mit Lageplänen oder Grundrissen versehen. Besonders erwähnenswert sind die Querverweise auf weitere Stätten in der Welterbeliste, wodurch man einen schnellen Überblick über vergleichbare Objekte gleicher Gattung erhält. Die Aufführung der Kriterien, unter denen die Stätten eingetragen wurden, wurde leider unterlassen.

Trotz dieser weitumspannenden Zusammenstellung liefert vor allem der Einführungsteil einige Kritikpunkte:

1) Sicherlich ist es unter dem Titel "Weltkulturerbe" sinnvoll auch einen Seitenblick auf andere Programme der UNESCO zu werfen, die der Sicherung von Dokumenten, mündlichen und immateriellen Traditionen etc. von weltweiter Bedeutung dienen. Der Charakter der eigentlichen Welterbekonvention als Denkmal- und Naturschutzprogramm verschwimmt bei Baumann allerdings, zumal er auch nicht erwähnt, dass solche benachbarten Programme zwar von der UNESCO betrieben werden, aber über Gremien und Verfahren abgewickelt werden, die mit dem eigentlichen Welterbe nichts zu tun haben (18ff.).

2) Unpräzise wird die Zusammensetzung und Arbeit des Welterbekomitees dargestellt (12). Dieses sich aus 21 Mitgliedern der Vertragsstaaten zusammensetzende Gremium entscheidet einmal im Jahr über die Neuaufnahme von Objekten in die Welterbeliste, über gefährdete Stätten ("Rote Liste") und über mögliche Streichungen.

3) Unklar scheint die Aufgabe der staatlichen Denkmalpflege und der KMK zu sein. In Deutschland liegt die Zuständigkeit für die Denkmalpflege durch die Kulturhoheit bei den Ländern, für die auswärtige Kulturpolitik bei der KMK. Diese nimmt die Welterbeanträge der zuständigen Länderministerien entgegen und lässt derzeit von einer unabhängigen Expertengruppe die künftige Tentativliste prüfen. Von einem "Fehlen eigener nationaler Denkmaleinrichtungen" kann also ebenso wenig die Rede sein wie davon, dass private Vereine wie die "Deutsche UNESCO-Kommission" oder die "Deutsche Stiftung Denkmalschutz" über die deutschen Welterbeanträge wachten (12f.).

Trotz dieser Kritik am Einleitungskapitel wird das Buch seinem selbst gesteckten Ziel, "eine internationale Vielfalt [an Welterbestätten] abwechslungsreich, in einer breiten Mischung vorzustellen" (28) gerecht und schließt allein durch das handliche Format und die Querverweise innerhalb des Katalogteils eine Lücke in den Welterbe-Publikationen.


Anmerkungen:

[1] Siehe hierzu zum Investitionsprogramm: http://www.welterbeprogramm.de/ sowie zur Neuaufstellung der Tentativliste den Beitrag von Birgitta Ringbeck in den Kunsttexten (1.2010): http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/2010-1/ringbeck-birgitta-1/PDF/ringbeck.pdf [zuletzt aufgerufen: 6. August 2012].

[2] Siehe The World Heritage List: Filling the Gaps - an Action Plan for the Future. An ICOMOS study compiled by Jukka Jokilehto, contributions from Henry Cleere / Susan Denyer / Michael Petzet (= Monuments and Sites; Bd. XII), München 2005.

Rezension über:

Günter Baumann: Weltkulturerbe. 150 Orte und Denkmale (= Reclams Universal-Bibliothek; Nr. 18727), Stuttgart: Reclam 2010, 360 S., ISBN 978-3-15-018727-2, EUR 9,80

Rezension von:
Jennifer Verhoeven
Landesamt für Denkmalpflege Hessen
Empfohlene Zitierweise:
Jennifer Verhoeven: Rezension von: Günter Baumann: Weltkulturerbe. 150 Orte und Denkmale, Stuttgart: Reclam 2010, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 1 [15.01.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/01/18066.html


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