sehepunkte 14 (2014), Nr. 6

Patrick Masius: Schlangenlinien

Die Geschichte der Kreuzotter scheint auf den ersten Blick ein randständiges Thema. Doch im Hinblick auf die erweiterte historische Perspektive der Tiergeschichte liegt Patrick Masius mit seiner Studie nicht nur im Trend, er erweitert das Forschungsfeld auch insoweit, als dass er sich von den hier dominierenden Untersuchungen leicht anthropomorphisierbarer Tiere, den Haus- und Heimtieren bzw. der "sympathischen Megafauna" abhebt. Eine Geschichte der Schlange zu schreiben bedeutet nicht nur auf anderes Quellenmaterial zurückzugreifen, sondern sich auch gleich einer Vielzahl von Ressentiments zu stellen, von der die Möglichkeit der historischen Rekonstruktion eines gänzlich anderen Daseins nur eine ist. Das Ziel seiner Arbeit ist, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Kreuzotter, die sich eben auch und überwiegend in Ablehnung äußerten, historisch differenziert darzulegen.

Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt, wobei die Einleitung das Forschungsfeld der (kulturhistorischen) Animal Studies kartiert, in dessen Fahrwasser er seine Arbeit schickt. Kapitel zwei möchte dem Wesen der Kreuzotter auf die Spur kommen; hier werden genealogische Aspekte des taxonomischen Zugriffs aufgeblättert, unterschiedliche historische "Definitionen" der Kreuzotter geliefert und mit einem umwelthistorisch gedeuteten Schädlingsdiskurs abgeglichen. Mit Kapitel drei beginnt die chronologische historische Rekonstruktion der Geschichte der Kreuzotter, die der Autor im Jahr 1800 beginnen lässt, wobei Kapitel drei das 19. Jahrhundert behandelt, Kapitel vier bis sechs haben dann, chronologisch und zeitlich feiner untergliedert, das 20. und den Anfang des 21. Jahrhunderts zum Thema, obgleich die Chronologie nicht in aller Stringenz durchgehalten wird und ganze Jahrzehnte (so die 1950er-Jahre) ausgespart bleiben. Diese Kapitel sind jeweils noch durch Unterkapitel geteilt, die sich einzelnen Aspekten der Begegnung mit der Kreuzotter widmen: beispielsweise den Ausrottungs- und Schutzmaßnahmen oder den ideologischen Aufladungen. Das Buch schließt mit einem Kapitel über den Wahrnehmungswandel gegenüber der Kreuzotter vom Feind zum Naturschutzobjekt und den an diesem Wandel beteiligten Akteuren. Das geografische Untersuchungsfeld beschränkt sich auf Deutschland.

In seiner Einleitung macht der Autor deutlich, dass er seine Geschichte der Kreuzotter in dem neuen Forschungsbereich der Animal Studies verortet wissen möchte. Ihm geht es in seiner Darstellung um das dialektische Verhältnis zwischen "Wahrnehmungsmustern und Interaktionsräumen" (10), wobei er sich im Einklang mit der Neuen Tiergeschichte befindet, die den Raum als das zentrale Ausgangsfeld der gelebten Mensch-Tier-Beziehung begreift. Dass diese historische Analyse sowohl die materiellen wie semiotischen Aspekte der Mensch-Tier-Beziehungen zu berücksichtigen hat, ist ein wichtiger Hinweis (13), an dem sich auch seine Bearbeitung des Themas messen lassen muss.

Methodisch plädiert der Autor für einen "moderierten bzw. reflektierten Anthropomorphismus" (14), mit dem sich den Quellen genähert werden sollte. Er stellt sich damit in die Tradition einer repräsentationshistorischen Analyse, von der sich deutschsprachige Tierhistoriker und Tierhistorikerinnen inzwischen zum Teil in Richtung einer symmetrischen Anthropologie verabschiedet haben. Dies ist nicht als Kritik an dem von ihm gewählten Zugang zu verstehen, der für das von ihm aufbereitete Thema wohl auch der richtige ist, einen Vermerk über diese Abgrenzung hätte es trotzdem bedurft. Mit dem Hinweis, dass er "eine menschliche Perspektive auf die Kreuzotter" (22) in den Vordergrund rücken möchte, wäre auch eine stringentere Verortung in dem inzwischen durchaus ausdifferenzierten Feld der Animal Studies, der Human-Animal Studies oder der Animal History von Nöten gewesen.

Auch wird die Verschränkung von unterschiedlichen Perspektiven nur angedeutet. So verschenkt er bisweilen das wirklich große Potential, das in seiner Analyse verborgen liegt. Die Andeutung, dass die Geschichte der Kreuzotter "nicht allein naturwissenschaftlich beantwortet werden kann" (26), es also einer Verschränkung von ethologischen und kulturhistorischen Zugriffen bedarf, hätte einen sehr wichtigen Beitrag für die Entwicklung und Methodologie der Tiergeschichte liefern können.

Die empirischen Kapitel bringen nichtsdestotrotz allerlei neue Erkenntnisse zur "Mensch-Kreuzotter-Beziehung". Erhellend ist, dass erst im Laufe von eindeutigeren Identifizierungen der Spezies im Laufe des 19. Jahrhunderts die Diskussionen über die "Gefährlichkeit und Nützlichkeit" (49) aufkam und zu systematischeren Bekämpfungsaktionen geführt haben. Diesen Paradigmenwechsel erklärt er aufschlussreich mit einer Professionalisierung der naturwissenschaftlichen Zunft und dem von ihnen proklamierten aufklärerischen Geist.

Für das frühe 20. Jahrhundert zeigt der Autor anschaulich, wie der virulente Ausrottungsdiskurs durch die Inszenierung in den Medien erst richtig Aufschwung bekam und mit der allgemein akzeptierten Haltung zur Naturbeherrschung zusammenfiel. Kreuzottern können hier letztlich als Opfer von Verwaltungsmaßnahmen gesehen werden, wie der Autor anhand der Kopfgeldprämie exemplifiziert, in deren Zuge jedoch wegen unzureichender zoologischer Kenntnisse auch viele andere Kriechtiere umkamen. Bemerkenswert ist hier vor allem die Feststellung, dass frühe Naturschutzargumente die Ottern explizit ausklammerten, obwohl gleichzeitig deren Gefahr für den Menschen relativiert worden war und ab den späten 1920er-Jahren Antiserum reichsweit zur Verfügung stand.

Konstatiert wird danach ein weiterer Paradigmenwechsel unter Naturschützer und Naturschützerinnen ab ca. 1930, der auch mit einer Veränderung des Schädlingsdiskurses und tradierten Ästhetikvorstellungen einherging und unter dem Eindruck eines ökonomisierten Tierschutzes nationalsozialistischer Prägung stand. Weshalb genau sich dieser durchaus ideologische Richtungswechsel abzeichnete, hätte an dieser Stelle noch expliziter ausgeführt werden können.

Für die Zeit nach 1970 sei es dann die "Ökologische Revolution" gewesen, die Maßnahmen zum Schutz der Kreuzotter einleitete, die nun auch ein neuer Mediendiskurs trug. In seiner abschließenden Betrachtung stellt der Autor fest, dass sich insgesamt die Population der Kreuzottern in Deutschland kaum geändert hätte, welches er als "deutliches Indiz für die Flexibilität der Art" (159) interpretiert. Genau dieser Flexibilität hätte man mit einer akteurszentrierten Sicht noch näher kommen können. Lediglich der Hinweis, dass "die Kreuzotter selbst [...] sich den staatlichen Versuchen, sie zu kontrollieren [widersetzte]" (166), deutet hier auf eine solche Perspektive hin. Auch die sorgsam kompilierten historischen Bissstatistik und Verbreitungskarten hätten durchaus eine andere Lesart erfahren können, die im Sinne der Tierperspektive interpretiert, den Eindruck der Kreuzottern in jenen Kontaktzonen, in denen sich menschliche und tierische Lebensräume überkreuzten, expliziter darstellt und zeigt, wie sich dies auf das Leben der Kreuzotter auswirkte.

Insgesamt, so kann resümiert werden, liegt mit "Schlangenlinien" eine solide, gut lesbare wissens- und umwelthistorische Arbeit vor, die vor allem durch das hier präsentierte Material und die Quellenvielfalt besticht, die leider jedoch ihrem eigenen Anspruch, nämlich der um die Animal Studies erweiterte Perspektive, dem "Seeing like a snake" (172), nur ganz punktuell nachkommt.

Rezension über:

Patrick Masius: Schlangenlinien. Eine Geschichte der Kreuzotter (= Umwelt und Gesellschaft; Bd. 9), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 200 S., 30 Abb., 5 Tabellen, ISBN 978-3-525--31714-3, EUR 39,99

Rezension von:
Mieke Roscher
Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen
Empfohlene Zitierweise:
Mieke Roscher: Rezension von: Patrick Masius: Schlangenlinien. Eine Geschichte der Kreuzotter, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de/2014/06/24713.html


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