sehepunkte 15 (2015), Nr. 2

Peter Stachel / Martina Thomsen (Hgg.): Zwischen Exotik und Vertrautem

Die Geschichte des Tourismus stellt in der historischen Forschung bis heute eine in weiten Teilen vernachlässigte Disziplin dar. Dies gilt in mehrerlei Hinsicht. Zum einen spielt Tourismusgeschichte speziell in der zeithistorischen Forschung bisher kaum eine Rolle.[1] Zum anderen konzentriert sich die Erforschung des Reisens in weiten Teilen auf Westeuropa, hier insbesondere auf das "Mutterland" des Tourismus: Großbritannien.[2] Des Weiteren stehen in der Tourismusforschung zumeist ökonomische Aspekte im Vordergrund, während kulturelle in deutlich geringerem Maß untersucht werden.

Das vorliegende Buch nimmt sich alle drei Forschungslücken vor. Zudem ist es interdisziplinär angelegt, was sich gerade in der Tourismusforschung anbietet, jedoch nur selten umgesetzt wird. Mit dem Fokus auf Tourismus im Habsburgerreich und dessen Nachfolgestaaten widmet es sich, wie Rudolf Jaworski in seiner Einleitung anmerkt, "wissenschaftlichem Neuland" (16). Auch die Herausgeber Peter Stachel und Martina Thomsen weisen in ihrem Vorwort auf die Herausforderung dieser Pionierstudie hin: "Da es sich hierbei um eine erste Bestandsaufnahme zu einem noch weitgehend unbearbeiteten Forschungsgebiet handelt, war ein gewisses Maß an Heterogenität der einzelnen Beiträge nicht zu vermeiden" (10). Die Vielzahl und Heterogenität der untersuchten Regionen stellen jedoch zunächst kein Manko dar. Vielmehr verdeutlichen sie eindrücklich die Diversität des Vielvölkerstaates. Innerhalb des Reiches konnten Reisende nahezu alle Tourismusformen erproben. Diese reichten vom Alpin- und Wandertourismus, über den Besuch bedeutender Städte wie Prag, Krakau und Budapest hin zu Aufenthalten in mondänen Kurorten wie Karlsbad und Marienbad. Schließlich bot die Habsburgermonarchie auch die Möglichkeit zu einem Aufenthalt in südländischem Klima, etwa in Dalmatien. Die Beiträge des Sammelbandes decken diese gesamte Breite ab. Allerdings, und hier zeigt sich ein kleiner Nachteil des Buches, stehen die Beiträge zusammenhangslos nebeneinander. Eine Gliederung der Aufsätze in mehrere Teilkapitel hätte dem Band ein höheres Maß an Kohärenz gegeben.

Denn beim Lesen der Aufsätze kristallisieren sich durchaus Narrative heraus, die sie miteinander verbinden. So ist auffällig, dass sich eine Vielzahl der Beiträge Reisen in die Peripherie der Habsburgermonarchie widmet. Christoph Mick untersucht in seinem Aufsatz anhand von Reiseliteratur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Galizien als Reiseziel, das als rückständig und "halb-asiatisch" beschrieben wurde. Ebenfalls als rückständig galt die Bukowina. Andrei Corbea-Hoisie illustriert in seinem Beitrag, wie lokale Akteure ihr Image zu verbessern versuchten und damit durchaus erfolgreich waren. Einem weiteren Habsburger Kronland an der Peripherie widmet sich Peter Stachel. Gegenstand seines Beitrags ist Dalmatien, das als "halb-orientalisch" galt und dem ebenfalls ein hohes Maße an Rückständigkeit attestiert wurde. Eine sehr ähnliche Charakterisierung wurde auch Bosnien-Herzegowina zu Teil, das Dieter J. Hecht anhand von Fotografien eines österreichischen Soldaten vor dem Ersten Weltkrieg untersucht. Gemein ist diesen Beiträgen, dass die bereisten Regionen als unzivilisiert und nur teilweise zum europäischen Kulturkreis gehörend imaginiert wurden. Dadurch galten sie als exotisches Fremdes innerhalb der Habsburgermonarchie.

Erst der Ausbau der Infrastruktur in den peripheren Regionen trug zu einem partiellen Wandel dieses Bildes bei. Bei der Lektüre des Sammelbandes werden die zentrale Bedeutung und das Zusammenspiel von verkehrstechnischer Erschließung und Tourismus deutlich. Jan Štemberk etwa zeigt den Einfluss, den die zunehmende Motorisierung der Zwischenkriegszeit auf den Tourismus in der Tschechoslowakischen Republik hatte. Für die Etablierung kroatischer Seekurorte verweist Peter Jordan ebenfalls auf die zentrale Bedeutung der Verkehrsanbindung.

Es gibt ein Narrativ, das nahezu alle Beiträge verbindet: der Tourismus diente zur Herausbildung und Stärkung der eigenen Identität. So wurden Identitäten konstruiert, um den Tourismus zu fördern. Reisen in andere Regionen der Habsburgermonarchie konnten jedoch auch dazu dienen, durch Kritik und Ablehnung der bereisten Kultur, die eigene Identität zu stärken oder sogar erst zu schaffen. Zwar betont Jaworski, dass Tourismus "einen interkulturellen Transfer in Gang gesetzt hat" (14), jedoch kommen diese Austauschprozesse in den Aufsätzen kaum vor. Vielmehr wirkten die Reisen im Habsburgerreich in weiten Teilen exkludierend und verstärkten althergebrachte Vorbehalte.

Martina Thomsen zeigt anhand von deutschen und tschechischen Reiseführern für Prag, dass diese in hohem Maße national konnotiert waren. So empfohlen deutsche Reiseführer Sehenswürdigkeiten, Gasthäuser und Unterkünfte, die deutschen Ursprungs oder deutsch geführt waren, während tschechische Reiseführer "tschechische Empfehlungen" gaben (260f.). Zu sehr ähnliche Befunden kommt Jozef Tancer, der der Darstellung Bratislavas in lokalen Reiseführern ebenfalls eine identitätsstiftende Funktion zuschreibt. Bratislava erhielt nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik ein grundlegend neues Image, das sich vom ehemaligen ungarischen Pressburg deutlich unterschied. Hanna Kozińska-Witt zeichnet in ihrem Beitrag den Aufstieg Krakaus zu einem Tourismuszentrum nach. Darin kam der Konstruktion Krakaus als zentrale polnische Kulturmetropole eine wichtige Rolle zu. Anhand der Budapester Millenniums-Ausstellung von 1896 illustriert Alexander Vari, wie diese ebenfalls dazu genutzt wurde, "aus dem Vielvölkergemisch eine magyarische Nation zu schmieden" (123). Konrad Köstlin weist anhand von Tiroler Museen nach, dass teleologische Identitätskonstruktionen auch heute noch ein fester Bestandteil des Tourismusmarketings sind.

Beispiele eines in hohem Maße national und exkludierenden Tourismus finden sich in den Aufsätzen von Pieter M. Judson und Martin Pelc. Judson beschreibt in seinem Beitrag Reisen von Deutschnationalen zu einer vermeintlich deutschen Diaspora, die nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie in nicht-deutsch sprachigen Regionen lebte. Sie sollten dazu dienen, ein essentialistisches "Deutschtum" zu fördern. Ebenfalls stark ausgrenzend wirkte der Tourismus in von Pelc untersuchten deutschen und tschechischen Wandervereinen. Diese trugen nationale Konflikte über die spezifische Markierung von Wanderwegen und den Bau von konkurrierenden Aussichtstürmen aus.

Der Sammelband leistet in vielerlei Hinsicht Pionierleistung und die einzelnen Beiträge geben einen profunden Einblick in die Vielfalt und Diversität der Habsburgermonarchie. Insbesondere die Konzentration auf kulturelle Aspekte des Tourismus ist gewinnbringend, zeigt sie doch die deutlichen Grenzen auf, die im Binnentourismus des Vielvölkerstates bestanden. Kritisch anzumerken sind lediglich die weitestgehend fehlende inhaltliche Strukturierung und Fokussierung auf Leitnarrative.


Anmerkungen:

[1] Vgl.: Rüdiger Hachtmann: Tourismus und Tourismusgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.12.2010.

[2] Vgl.: Hartmut Berghoff u.a. (Hgg.): The Making of Modern Tourism. The Cultural History of the British Experience, 1600-2000, New York 2002.

Rezension über:

Peter Stachel / Martina Thomsen (Hgg.): Zwischen Exotik und Vertrautem. Zum Tourismus in der Habsburgermonarchie und ihren Nachfolgestaaten, Bielefeld: transcript 2014, 293 S., ISBN 978-3-8376-2097-9, EUR 38,99

Rezension von:
Sina Fabian
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Empfohlene Zitierweise:
Sina Fabian: Rezension von: Peter Stachel / Martina Thomsen (Hgg.): Zwischen Exotik und Vertrautem. Zum Tourismus in der Habsburgermonarchie und ihren Nachfolgestaaten, Bielefeld: transcript 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 2 [15.02.2015], URL: http://www.sehepunkte.de/2015/02/23834.html


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