sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8

Cornelius Bohl / Bernd Schmies (Hgg.): FELIX ISTE VIATOR

Dieser solide gebundene Band enthält 21 Beiträge, die Jürgen Werinhard Einhorn (1934-2013) in den letzten zehn Jahren seines Lebens für verschiedene Zeitschriften, Sammelwerke und Ausstellungskataloge verfasst hat. Was die Veröffentlichungen angeht, waren es die fruchtbarsten seines Lebens, denn vor der Pensionierung im Jahr 2000 lehrte er Deutsch und Kunst am bischöflichen Gymnasium in Osnabrück, das er von 1979 bis 1990 auch leitete. Geboren in Leipzig, trat Jürgen Einhorn nach dem Abitur 1954 bei den Franziskanern ein und bekam den Namen Werinhard. Stärker interessierte ihn allerdings sein Familienname, über den er in Kiel 1970 promovierte mit der Arbeit: Spiritalis unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters (München 1976). Das Thema "Einhorn" beschäftigte ihn weiter, so dass seine Dissertation 1998 in stark erweiterter Neuauflage erschien und heute als Standardwerk gilt. Ein zweites Feld, das ihn fortwährend interessierte, waren die mittelalterlichen Buchmalereien zum Leben des heiligen Franz von Assisi, und - als drittes Feld - die moderne Kunst sowie zeitgenössische Lyrik. Diese drei Felder durchziehen auch die hier gesammelten Aufsätze ganz unterschiedlicher Länge und sorgen für eine abwechslungsreiche, spannende Lektüre.

Es ist gut, dass hier nicht aus zweiter Hand eine Lobrede auf den verstorbenen Autor gehalten wird. Er stellt sich im ersten Aufsatz gleichsam selbst vor, indem er fragt, wie man als Ordensbruder das Charisma, eine geistliche Berufung, zur Lebensform machen kann. Franziskaner sein war ihm ein Anliegen. Er buchstabierte es durch im Gespräch mit den Quellen, der Geschichte und der Kunst. Was Thomas von Celano, der erste Biograph des Heiligen aus Assisi, von Franziskus geschrieben hat, gilt auch für W. Einhorn: Er war "ein glücklicher Wanderer" (felix viator) in dieser Welt mit dem klaren Blick auf ein Ziel. Dieses Selbstverständnis spiegelt sich nach seiner Meinung in den Miniaturen zur Legenda maior des Bonaventura in einer Bilderhandschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert (65-71), aber auch in modernen Bildern, die "Auf dem Rücken der Barmherzigkeit" (57-63) einen Kranken tragen.

Vom franziskanischen Menschenbild ist der Schritt nicht weit zum "Franziskanischen Kunstverständnis" (121-184), das aus vier Aufsätzen hervorgeht. Sie beziehen sich auf die Frühzeit des Franziskanerordens, auf die Architektur und Raumausstattung in der Sächsischen Franziskanerprovinz, ihr Wirken in Mitteldeutschland und schließlich die Kunst in Thüringen. Einen ähnlichen Querschnitt bietet der Themenkreis "Franziskus in Wort, Bild und Buch" (185-255). Hier geht es um Spiritualität in der Lyrik des 20. Jahrhunderts, um die sinnvolle Verwendung von Literatur im Gottesdienst, um Naturphänomene in zwei mittelalterlichen Bilderhandschriften und schließlich auch um das, was an Kunst zwischen Buchdeckeln verborgen sein kann: Kupferstiche, Holzschnitte, Einblatteinlagen, Andachtsbilder, gemalte Initialen und vielfarbige Illustrationen.

Näher mit seiner eigenen Ordensprovinz Saxonia befassen sich die vier Aufsätze im letzten Themenkreis "Provinz und Provinzial: zur franziskanischen Geschichte" (257-332). Nach einer allgemeinen Hinführung zur franziskanischen Geschichtsschreibung geht es konkret um die Herkunft eines romanischen Tragaltars der Benediktinerabtei Abdinghof bei Paderborn und um seinen abenteuerlichen Weg nach der Säkularisation der Abtei im Jahr 1803. Zuerst in den Franziskanerklöstern Paderborn, dann Werl aufbewahrt, gelangte er während des Kulturkampfes mit den Brüdern in die USA und 1975 in die Domschatzkammer Paderborn. Die zwei letzten Aufsätze befassen sich mit der herausragenden Persönlichkeit von Pater Beda Kleinschmidt (1867-1932), der nach dem Ersten Weltkrieg zweimal zum Provinzial der Saxonia gewählt wurde. In Liturgiewissenschaft und Kunstgeschichte hat er lange Zeit Vorlesungen gehalten und viele Bücher veröffentlicht; auch als Seelsorger war er so beliebt, dass ihn seine Vaterstadt Brakel 1930 zum Ehrenbürger ernannte. Hier wird auch sein Tagebuch von 1925 bis 1930 im Wortlaut veröffentlicht (319-329).

Schon dieser gedrängte Überblick zeigt, wie weit gefächert die Forschungen von Jürgen Werinhard Einhorn sind. Das bestätigt auch sein "Schriftenverzeichnis" (335-354), das die Herausgeber zusammengestellt haben: Es umfasst 9 Monographien, 103 Aufsätze, 20 Rezensionen sowie 93 "sonstige kürzere Beiträge" (348-354).

Die letzten nicht paginierten Seiten bieten 238 Abbildungen. Auf sie wird in den vorhergehenden Aufsätzen jeweils genau verwiesen. So bekommt man zu den gelieferten Informationen auch die nötigen Illustrationen: ganz wenige zum Leben des Geehrten, sehr viele in Farbe aus den Bilderhandschriften der Legenda maior Bonaventuras, die in Madrid (Convento Cardenal Cisneros) bzw. in Rom (Museo Francescano) aufbewahrt werden, und einige zum bisher kaum bekannten Franziskus-Altar in Kamenz, der auf der einen Seite acht Szenen aus dem Leben des Heiligen darstellt und auf der Festtagsseite die Stigmatisation hervorhebt (Abb. 55-60).

Pater Werinhard Einhorn hat 1988 das Institut für franziskanische Geschichte in Münster (IFG) mitbegründet und an dem fünfbändigen Werk zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) mitgewirkt. Er hat auch darauf gedrängt, dass nach der Schließung jenes provinzeigenen Instituts die Forschungen auf eine breitere Basis gestellt wurden und wissenschaftlich tätige Brüder aller Provinzen im deutschsprachigen Raum sich zusammenschlossen, was 2007 zur Gründung der Fachstelle Franziskanische Forschung (FFF) in Münster geführt hat. Es ist darum nur folgerichtig, dass deren Leiter Bernd Schmies sowie der Provinzial der jetzt einen deutschen Franziskanerprovinz diese Sammlung von Aufsätzen Pater Werinhards herausgegeben und dazu ein kurzes Vorwort geschrieben haben. Die Sammlung stellt sich würdig neben jene andere, die der Bochumer Historiker Dieter Berg zum 65. Geburtstag von Pater Werinhard Einhorn herausgegeben hat und 31 seiner früheren Aufsätze enthält: Kunst-Erziehung. Literatur, Kunst und Schulpraxis in franziskanischer Perspektive (Saxonia Franciscana, 12), Werl 1999.

Historiker, Kunsterzieher sowie allgemein an Franziskus und seiner erstaunlich breiten Wirkungsgeschichte Interessierte werden mit Gewinn dieses Buch lesen, denn es vermittelt ungewohnte Bilder, unerwartete Zusammenhänge und ungeahnte Tiefen, gerade auch in der Auslegung der Lyrik und im Auflösen von Bildformeln und Techniken.

Rezension über:

Cornelius Bohl / Bernd Schmies (Hgg.): FELIX ISTE VIATOR. Franziskanisch unterwegs in Kunst, Literatur und Geschichte. Jürgen Werinhard Einhorn zum Gedenken (= Franziskanische Forschungen; Bd. 54), Münster: Aschendorff 2014, XIV + 354 S., 238 Abb., ISBN 978-3-402-18690-9, EUR 52,00

Rezension von:
Leonhard Lehmann
Pontificia Università Antonianum
Empfohlene Zitierweise:
Leonhard Lehmann: Rezension von: Cornelius Bohl / Bernd Schmies (Hgg.): FELIX ISTE VIATOR. Franziskanisch unterwegs in Kunst, Literatur und Geschichte. Jürgen Werinhard Einhorn zum Gedenken, Münster: Aschendorff 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de/2015/07/26817.html


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