Rezension über:

Kiril Petkov: The Anxieties of a Citizen Class. The Miracles of the True Cross of San Giovanni Evangelista, Venice 1370-1480 (= The Medieval Mediterranean; Vol. 99), Leiden / Boston: Brill 2014, VII + 289 S., ISBN 978-90-04-25915-7, EUR 125,00
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Rezension von:
Volker Reinhardt
Historisches Seminar, Universität Fribourg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Volker Reinhardt: Rezension von: Kiril Petkov: The Anxieties of a Citizen Class. The Miracles of the True Cross of San Giovanni Evangelista, Venice 1370-1480, Leiden / Boston: Brill 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/25214.html


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Kiril Petkov: The Anxieties of a Citizen Class

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Die vierte von zehn Geschichten: Kommt ein Venezianer zum Patriarchen, um ein Familienmitglied, das vom Teufel besessen ist, exorzisieren zu lassen. Der Patriarch aus einer vornehmen nobili-Familie winkt ab, obwohl ihm der Ruf eines Heiligen vorauseilt: Das kann ich nicht, das kann nur die Reliquie des Heiligen Kreuzes, die der ehrwürdigen Scuola di San Giovanni Evangelista gehört. Gesagt, getan - die Reliquie wird gebracht und der Dämon ausgetrieben. Achte von zehn Geschichten: Der Sohn eines ehrbaren Kaufmanns aus Brescia wird so schwer am Kopf verletzt, dass die Ärzte an seiner Heilung verzweifeln. Der betrübte Vater sieht am Markustag die Mitglieder der Scuola di San Giovanni Evangelista in der großen Prozession aller Korporationen und Bruderschaften mit ihrem Teil vom Heiligen Kreuz zur Markus-Basilika ziehen, kniet nieder und bittet die Reliquie um Hilfe für sein Kind. Kurz darauf nehmen die Mediziner dessen Verband ab und stellen eine vollständige Heilung fest. Die übrigen acht Geschichten müssen hier nicht nacherzählt werden, weil sie ganz ähnlich ablaufen: Das Heilige Kreuz hilft denjenigen, die es verdienen, aus allen Nöten.

Die zehn Wunderberichte stammen aus den Jahren 1370 bis 1480, wurden im Jahrhundert danach aufgeschrieben und bilden zusammen einen Korpus von gut sieben Druckseiten. Und sie bilden die Quellengrundlage des hier zu besprechenden Buchs. Sein Verfasser versucht, die knappen und unprätentiösen Textchen in einen ganzheitlichen Zusammenhang zu stellen: Von wem ist die Rede, von welchen Familien, sozialen Schichten und Umbrüchen, in welchen Konstellationen, Konflikten und Perspektiven, mit welchen Aspirationen, Hoffnungen und Ängsten? Diese integrale Ausdeutung des eher dürren Quellenmaterials gelingt - um ein summarisches Urteil vorwegzunehmen - insgesamt sehr überzeugend, was Fragezeichen und gewisse Bedenken nicht ausschließt.

Eine solche Interpretation legitimiert sich dadurch, dass die Scuola di San Giovanni Evangelista wie alle großen scuole von einer schmalen Elite der cittadini originarii geleitet wird; von deren Mitgliedern ist denn auch in den Mirakelerzählungen ganz überwiegend die Rede. Zu ihren Gunsten interveniert der Himmel auf Erden; um sie zu retten, werden die Naturgesetze aufgehoben, etwa dann, wenn ein Sturm ihr Schiff zu verschlingen droht und durch die Anrufung des Heiligen Kreuzes abrupt zum Abschwellen gebracht wird. Von der kollektiven Befindlichkeit dieser venezianischen Sekundärelite geht der Verfasser bei seiner Deutung denn auch berechtigterweise aus. Die cittadini hatten im betreffenden Zeitraum den Sprung in die Klasse der nobili und damit in den Großen Rat, das Basisorgan der Republik, mehr oder weniger knapp verpasst und sahen sich dadurch ab etwa 1400 definitiv von der aktiven politischen Teilhabe ausgeschlossen. Diese Exklusion wiederum widersprach ihrem Selbstverständnis als wohlhabende, gebildete, staatstragende und patriotische Elite eigener Art, die als solche Anerkennung, Ämter und Remuneration verlangte, und zwar durchaus mit Erfolg. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wandelten sich die cittadini originarii geradezu zur Kaste der höheren Funktionsträger, vor allem im Dogenpalast, dessen Kanzlei sie führten, aber auch in den scuole, wo sie beträchtliche Finanzmittel verwalteten und weitgespannte Patronagenetze bis in die untere Mittelschicht knüpfen konnten. Der Verfasser situiert die zehn Wundererzählungen just in diese intermediäre Phase, zwischen Verunsicherung und Identitätszweifel am Anfang und neuer politisch-sozialer Sinngebung am Ausgang. Auf diese Weise gewinnen die Interventionen des Übernatürlichen eine ausgleichende, Gerechtigkeit wiederherstellende und damit auch die politischen Führungsinstanzen der Republik bei ihrer Anerkennung der cittadini-Verdienste anleitende Funktion. Immer dann, wenn dieser immer noch prekäre Status ökonomisch, juristisch oder demographisch bedroht ist, eröffnet das himmlische Eingreifen unerwartete Auswege und damit neue Perspektiven und eben Identitäten.

Wie vorweggenommen, geht diese Zuordnung der Kurzgeschichten an das soziale Milieu der scuola durchaus auf. Dass sich das Wunder unter der segensreichen und verdienstvollen Leitung ihrer Familien ereignet, wird deutlich genug hervorgehoben: Auch wir sind Venedig, mindestens so sehr wie die nobili - diese Botschaft ist unüberhörbar. Bedenken stellen sich da ein, wo der Verfasser die Erklärungskategorie der existentiellen Angst, sein eigentliches interpretatorisches Leitmotiv, überstrapaziert, und das geschieht nicht eben selten. Diese Seelenlage erinnert mehr an das Fin de Siècle-Wien als an Venedig im 14. und 15. Jahrhundert. Zum einen ist der Platz der cittadini im soziopolitischen Gefüge Venedigs wohl kaum so bedroht wie hier angenommen. Zum anderen sind die Gefahrenlagen, aus denen die Wunder erretten, eher venedigspezifisch als cittadinispezifisch: Vom Untergang reich beladener Handelsschiffe waren die nobili genauso betroffen wie die Klasse unmittelbar unter ihnen, ganz abgesehen davon, dass die barnabotti, die ärmeren Adeligen, von solchen Aktivitäten, Chancen und Risiken, nur träumen konnten. Dasselbe gilt für den Tod männlicher Nachkommen, Patrizier-Alptraum schlechthin. Stattdessen dürfte der Rang der Familie, die direkt oder durch ihren Vorsitz in der scuola eines Wunders gewürdigt wird, ganz im Vordergrund stehen: Das ist eine Würdigsprechung der besonderen Art und somit Teil einer offensiven und optimistischen Strategie.

Darüber hinaus bleibt es dem Lesepublikum als Glaubenssache überlassen, ob es dem Verfasser in seine psychologische Theoriebildung folgen will oder nicht. Davon abgesehen, bleibt festzuhalten, dass hier eine ungewöhnlich interessante, methodisch innovative (und das heißt ja auch: im positiven Sinne riskante) Studie vorliegt, die Nachfolgearbeiten verdient. Gerade deshalb hätte sie von Seiten des Verlages eine etwas augenfreundlichere Ausstattung, vor allem mit den Bildern, die von illustren venezianischen Malern wie Gentile Bellini später zu den hier zugrunde liegenden Wunderberichten geschaffen wurden, verdient.

Volker Reinhardt