Rezension über:

Michael Hall: George Frederick Bodley and the Later Gothic Revival in Britain and America, New Haven / London: Yale University Press 2014, 512 S., 200 Farb-, 100 s/w-Abb., ISBN 978-0-300-20802-3, USD 85,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Michaela Braesel
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Michaela Braesel: Rezension von: Michael Hall: George Frederick Bodley and the Later Gothic Revival in Britain and America, New Haven / London: Yale University Press 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/26960.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Michael Hall: George Frederick Bodley and the Later Gothic Revival in Britain and America

Textgröße: A A A

Michael Halls Monografie über George Frederick Bodley bildet eine wichtige Ergänzung der Forschungsliteratur zur viktorianischen Architektur, denn bislang fehlte eine Neuevaluierung dieses für seine Zeit so wichtigen und gut vernetzten Architekten, der zunächst besonders im Bereich der Sakralarchitektur tätig war. Dass die Forschung sich bisher schwer mit Bodley getan hat, mag auch an seinem abrupten Stilwandel von einer hochviktorianischen zu einer eher dem Arts & Crafts Movement und dann zu einer dem Aesthetic Movement mit seiner Sonderform des Queen Anne Revival verpflichteten Haltung liegen. Mit William Morris verband Bodley eine ca. zehnjährige Zusammenarbeit, bei der Morris' "Firma" hauptsächlich die Glasfenster und, wenn auch seltener, malerische Dekorationen der Kirchenräume ausführte.

Bodley wandte sich dann von der durch das Vorbild des Mittelalters geprägten Einstellung Morris' ab und dem an dem Postulat der Schönheit orientiertem Aesthetic Movement zu. Vergleichend kann Hall den späteren Bruch mit Morris "Firma" nicht nur auf die Unzufriedenheit der Auftraggeber zurückführen, die sich über Verzögerungen beschwerten, sondern auch mit den durch den zunehmenden Erfolg der Firma steigenden Preisen und dem stilistischen Wandel in der Formensprache, der in der allgemeinen stilistischen Entwicklung ihres Entwerfers Edward Burne-Jones und einer Hinwendung zu intensiverer Farbigkeit begründet lag. Dadurch erhielten die Fenster eine größere Präsenz und rückten gegenüber der Architektur stärker in die Aufmerksamkeit, wodurch sie mit Bodleys Vorstellung vom Primat der Architektur in Konflikt gerieten.

Das Changieren zwischen unterschiedlichen stilistischen und geistesgeschichtlichen Vorstellungen verpflichteten Positionen innerhalb der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts macht Bodley zu einer besonders interessanten Künstlerpersönlichkeit. Dass eine neuere Betrachtung so lange ausblieb, hängt auch mit der spärlichen Überlieferung zusammen, damit, dass von Bodley keine Biografie durch Schüler oder Zeitgenossen vorliegt, dass sein Firmenarchiv im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde und dass er in Zusammenarbeit mit seinen Partnern ein außergewöhnlich umfangreiches Œuvre hinterließ.

Angesichts dieser Situation entschied sich Hall für eine chronologische Darstellung, die Biografisches und Werkgeschichtliches verbindet. Einzelne bedeutende Bauten erhalten in eigenen Kapiteln eine genauere Darstellung. Durch Halls lobenswertes und überzeugendes Anliegen, das Werk auch immer vor dem persönlichen sowie dem geistes-, kunst- und religionsgeschichtlichen Hintergrund zu zeigen, es daraus wenigstens zum Teil zu erklären und für den heutigen Betrachter verständlicher werden zu lassen, kommt es zu einer sehr dichten und kompakten Darstellung. Somit bildet das Buch keine Sammlung detaillierter, systematischer, alle Bestandteile berücksichtigender architektonischer Werkanalysen, sondern präsentiert vielmehr komprimierte Ergebnisse.

Hall entscheidet sich für eine zusammenfassende Analyse, die die wichtigsten Informationen in Hinblick auf stilistische Kennzeichen, Charakter des Gebäudes, Vorbilder und kunsthistorische Verortung ebenso beinhaltet wie Überlegungen zu Symbolik und religiöser Bindung. Dieses vielleicht die architektonische Analyse etwas verkürzende Vorgehen ermöglicht es Hall erst, Bodley auf komplexe, vielfache Bezüge vornehmende Weise vorzustellen. Durch Bodleys wechselnden Schwerpunkt, der auf seiner kontinuierlichen Suche nach Schönheit beruht, ergeben sich vielfältige und z.T. recht umfassende Ausblicke auf die viktorianische Religionsauffassung, Architekturtheorie und künstlerische Bewegungen. Schon am Beginn des Buches liegt, durch die Ausbildung Bodleys bedingt, die Notwendigkeit vor, kurz über die bedeutenden Architekten der viktorianischen Zeit zu referieren: über Bodleys Lehrer George Gilbert Scott, die Anregungen durch A. W. N. Pugin, die Vorstellungen zum Kirchenbau aus dem Umfeld der Cambridge Camden Society, durch George Edmund Street, in dessen Büro Bodley seit 1844 tätig war, die Auffassungen zum Kirchenneubau und zur Restaurierung, die Bodley während dieser Jahre erfuhr, besonders auch durch Thomas Keble und die Traktarianer.

Allein das Herausarbeiten von Bodleys früher Auffassung der Gotik, von ihrem Wesen, dem idealen gotischen Stil und dem Verhältnis der Gotik zur eigenen Gegenwart belegt den vielschichtigen Ansatz und die Meisterschaft und Leichtigkeit, mit der Michael Hall dieser Aufgabe gerecht wird. Scott forderte, dass die historischen Stile nicht lediglich kopiert werden sollten, sondern stets zeitgemäßen Anliegen dienen sollten. Die Gotik erschien Scott dabei als derjenige Stil, der sich für eine moderne Adaption, für eine Weiterentwicklung besonders eigene. Diese Auffassung Scotts stellt Hall in den Mittelpunkt seiner späteren Interpretation des Werkes Bodleys.

Bodleys Ziel war letztlich ein "Modern Gothic", worunter das Neuformulieren von gotischen Elementen für die eigene Zeit zu verstehen ist. Dieses ist ein Element, welches Bodley mit Morris verband, dem auch nicht an einem Nachbilden des Mittelalters gelegen war, sondern vielmehr an einer Weiterentwicklung des Mittelalters für die eigene Zeit, an einer Kontinuität mit Anpassungen. Auch die Betonung des Englischen, des Lokalen, das die Verwendung bestimmter Materialien und stilistischer Motive betraf, findet sich bei Bodley und Morris. Zudem zeigt Hall die Nähe zu den Ideen der Präraffaeliten auf, denen Bodley besonders in der Forderung nach Realismus, dem Wunsch zur Rückkehr zum Wesentlichen und zur symbolischen Aussage verbunden war. In den sich anschließenden prägnanten und mit Vergleichen arbeitenden, knappen Bauanalysen greift Hall stets auf diese grundlegenden Ausrichtungen zurück. Sie erklären einzelne Details, Grundrisslösungen, architektonische Polychromie und die Arbeit mit Symbolen.

Hall stellt einzelne Projekte wie die beiden Kirchenbauten in Holy Cross und Penbury genauer vor, um zu zeigen, wie Bodley - jeweils von den besonderen Umständen des Auftrags ausgehend - zu ungewöhnlichen und stark voneinander abweichenden Lösungen fand. Dieses fungiert auch als Beispiel dafür, dass Bodley keinem vorgefassten Schema folgte, sondern seine grundlegenden Auffassungen stets der jeweiligen Situation anpasste.

Nachdem Hall die Grundlagen in theoretischeren und stärker auf die architektonischen Werke fokussierten Erläuterungen bereit gestellt hat, gibt er Darstellungen von einzelnen Bauaufgaben, zu Bodleys Büro, Schülern und Mitarbeitern. Zusammenfassende Ausführungen beschäftigen sich mit Bodleys Designprinzipien und den Künstlern und Handwerken, mit denen er zusammenarbeitete. Sie markieren den Wendepunkt in Bodleys Werk - von dem Vorbild der Gotik, das ihn mit dem Gothic Revival und dem Arts & Crafts Movement verband, zum Aesthetic Movement hin, das auf Formen des holländischen und englischen Barocks Bezug nimmt. Den Schluss bilden die Aufträge zu Kirchenbauten aus Amerika, die nach Bodleys Tod 1907 von seinem Firmenpartner weitergeführt wurden, sowie als Anhang Kurzbiografien der Schüler und eine Liste der Werke mit den wichtigsten Baudaten, Mitarbeitern und Quellen. Gerade die Kapitel zu Designprinzipien und Kollegen unterstreichen Bodleys Ansatz, das Gebäude nicht nur als reine Architektur zu sehen, sonders stets als die Summe aller Ausstattungsdetails, weswegen er in der Wahl seiner Glaskünstler, Maler, Holzschnitzer sehr wählerisch und zumeist treu war. Sie alle trugen zu einem harmonischen Kunstwerk bei, das, und darauf legte Bodley Wert, allein unter der Leitung des Architekten stand.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Halls umfangreiches, reich bebildertes Buch sich Bodleys Stellung zwischen Gothic Revival und neuen Strömungen widmet. Der Autor zeigt die Verbindung Bodleys zu verschiedenen geistigen Tendenzen seiner Zeit beeindruckend, in bemerkenswerter Dichte und überlegter Komprimiertheit auf. Er liefert damit eine fundierte und präzise Grundlage für eine weitere Beschäftigung mit dem Architekten.

Michaela Braesel