sehepunkte 16 (2016), Nr. 5

Winfried Baumgart (Hg.): Herbert von Bismarck

Kinder bedeutender Persönlichkeiten stehen oft in zweierlei Hinsicht im Schatten ihrer Eltern, zumal, wenn sie eine ähnliche Profession wie diese haben: Entweder werden sie von Zeitgenossen und Nachwelt überhaupt nicht wahrgenommen oder, wenn doch, dann vor allem, um an ihren Vätern oder Müttern gemessen zu werden, weshalb das Urteil zumeist enttäuschend ausfällt. Zu dieser benachteiligten Spezies gehören etwa Kaiserin Victoria ("Kaiserin Friedrich", 1840-1901), Siegfried Wagner (1869-1930), Erika Mann (1905-1969) oder Prinz Charles (geb. 1948) und natürlich Herbert Graf von Bismarck (1849-1904), der älteste Sohn Otto von Bismarcks.

Herbert von Bismarck trat nach Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Januar 1874 in den deutschen Auswärtigen Dienst ein. Protegiert durch seinen Vater und Friedrich von Holstein machte er rasch Karriere: 1880 Legationsrat, 1881 Botschaftsrat in London und 1884 in Sankt Petersburg, im gleichen Jahr Gesandter in den Niederlanden. 1885 wurde Herbert von Bismarck zum Unterstaatssekretär und 1886 zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts berufen und damit neben bzw. unter seinem Vater verantwortlich für die deutsche Außenpolitik. 1887 ernannte ihn Kaiser Wilhelm I. zum Wirklichen Geheimen Rat und 1888 zum preußischen Staatsminister. Als der "Eiserne Kanzler" 1890 zurücktrat, folgte ihm sein Sohn gegen den Willen des jungen Kaisers Wilhelm II. Politisch trat Herbert von Bismarck seither nur noch gelegentlich als Abgeordneter des Reichstags hervor (1893 bis 1904), dem er bereits von 1881 bis 1889 angehört hatte.

Herbert von Bismarcks Bild in der historischen Forschung [1] ist vor allem von seiner Rolle als treuer Adlatus seines Vaters gekennzeichnet. Beider Verhältnis war zwar nie spannungsfrei, doch ordnete sich der Sohn im Konfliktfall letztlich immer unter und nahm keine ernsthaften Versuche, sich zu emanzipieren. Otto von Bismarck war, so stellt Winfried Baumgart im vorliegenden Band fest, "die Sonne, um die der Sohn kreiste und in deren Glanz er sich gefiel." (11) Dazu kam es auch deshalb, weil Otto, der seinen Mitarbeitern misstraute, seinen Sohn Herbert bereits von Anfang an gleichsam als eine Art persönlicher Referent benutzte, der parallel zu seiner diplomatischen Karriere kontinuierlich Spezialaufträge und sonstige Dienstleistungen zu erledigen hatte und dies nicht nur während der Kuraufenthalte Otto von Bismarcks in Bad Kissingen. Die auch emotionale Abhängigkeit des Sohns vom (Über-)Vater zeigte sich beispielhaft auch im privaten Bereich: 1881 beendete er auf Druck Ottos seine Aufsehen erregende, zwei Jahre dauernde Affäre mit der ursprünglich noch verheirateten, zehn Jahre älteren, aus einer katholischen Familie stammenden Fürstin Elisabeth zu Carolath-Beuthen, um schließlich elf Jahre später eine standesgemäße Ehe einzugehen, die den Fortbestand seiner Linie garantierte. Als Diplomat hat er sich indes nie den Zorn des Reichskanzlers zugezogen, hier agierte er loyal und kritiklos als "his master's voice" (11). Dennoch wäre es verfehlt, Herbert von Bismarck lediglich für eine epigonale und damit vernachlässigenswerte Figur zu halten. Auch wenn ihm echtes staatsmännisches Wesen fehlte, so war er doch, anders als viele seiner Kollegen im Auswärtigen Dienst des Reiches, ein fleißiger, erfahrener Diplomat von großer Sachkenntnis, der sich auch für die notwendige Büroarbeit nicht zu schade war und dessen Karriere deshalb keineswegs unverdient war. Er agierte in zahlreichen Sondermissionen erfolgreich und verstand es, den Nimbus seines Vaters geschickt nutzend, an auswärtigen Höfen rasch nutzbringende Kontakte zu höchsten Kreisen aufzubauen. Beteiligt war er im Hintergrund auch an den Anfängen der deutschen Kolonialpolitik, um deren wahre Intentionen - Verhinderung einer von England geförderten liberalen Wende im Deutschen Reich bei einem möglichen Thronwechsel durch Förderung einer deutsch-englischen Kolonialrivalität - er wusste, was er allerdings schriftlich nicht fixierte.

Der von Winfried Baumgart, einem der besten Kenner der europäischen Diplomatiegeschichte im langen 19. Jahrhundert, herausgegebene Band ergänzt die bereits vorliegenden Quellen zum politischen Wirken Herbert von Bismarcks [2] insbesondere um dessen bislang unveröffentlichte Erinnerungen. An diesen arbeitete er parallel zur Entstehung der Memoiren des Vaters, die handschriftliche Niederschrift des Manuskripts, das im Nachlass Herbert von Bismarcks in der Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh vorliegt, entstand wohl Ende der 1890er Jahre bis kurz vor seinem Tode. Der Text ist auffallend kurz, nur etwas mehr als 100 Druckseiten (29-134), und umfasst lediglich die Jahre 1871 bis 1886. Ob er absichtlich oder wegen des frühen Todes des Autors unvollendet blieb bzw. überhaupt zur Veröffentlichung bestimmt war, ist unklar. Ergänzt werden die Erinnerungen durch fünf sogenannte Aufzeichnungen betreffend die Jahre 1879 bis 1895 (135-209): Die deutsch-russischen Beziehungen 1879-1887, Wilhelm II. 1884-1890, Wilhelm II. 1887-1889, Bismarcks Entlassung 1890 und Die deutsch-russischen Beziehungen 1890-1895. Diese entstanden wahrscheinlich früher als die Erinnerungen und dienten, so Baumgart, wohl als Zuarbeit des Sohnes zum Memoirenwerk des Vaters - ein erneutes Beispiel für die dienende Rolle, die jener zeitlebens innehatte.

Die Aufzeichnungen wurden zwar 2012 im Rahmen der "Neuen Friedrichsruher Ausgabe" im Anhang zur Neuausgabe von "Gedanken und Erinnerungen" schon einmal veröffentlicht [3], doch blieb diese erste Ausgabe leider überwiegend unbeachtet. Insofern ist es sinnvoll, dass eine abermalige Edition erfolgt ist, die die Aufzeichnungen in den Kontext der Erinnerungen Herbert von Bismarcks stellt, wobei es zwischen den beiden Teilen partiell zu thematischen Überschneidungen kommt. Auf diese Weise sind in gewisser Weise fragmentarische Memoiren entstanden, die unser Wissen über Bismarcks Außenpolitik zwar nicht grundstürzend erweitern, dieses aber teils ergänzen und insbesondere einen Blick erlauben auf die alltägliche Praxis politisch-diplomatischer Tätigkeit durch die Brille eines Spitzenbeamten aus der zweiten Reihe mit privilegiertem Zugang zu den Führungs- und Funktionseliten seiner Zeit. Herbert von Bismarck spart nicht mit deutlichen Worten über Zeitgenossen und liefert zudem immer wieder lesenswerte Anekdoten aus dem Diplomatenalltag. So machte er sich keine Illusionen über die Dienstauffassung vieler Spitzendiplomaten, die häufig wenig zu tun hatte mit dem viel gerühmten preußischen Beamtenethos, sondern eher den Handlungslogiken des traditionellen adeligen Hof- und Landlebens verpflichtet war. Das Sammeln von Informationen in den jeweiligen Ländern durch die Spitzendiplomaten erforderte in erster Linie ein gewandtes, am Habitus des adeligen Hofmanns orientiertes weltmännisches Auftreten und hatte gerade nichts zu tun mit mühevoller Büroarbeit. Herbert von Bismarck erweist sich hier als ein Ausnahmefall, der mit derartigen Standesgenossen im Grund wenig anfangen konnte und stattdessen Persönlichkeiten wie den Außenstaatssekretär Bernhard Ernst von Bülow (1815-1879) schätzte, der ebenso erfahren und fleißig wie loyal zu Otto von Bismarck gewesen sei (71). Man geht wohl nicht fehl, zu unterstellen, dass es solche Charaktere waren, die Herbert von Bismarck neben dem Vater als leuchtende Vorbilder dienten.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Winfried Baumgart mit dieser Edition einen wichtigen Beitrag zur Diplomatiegeschichte des Deutschen Kaiserreichs vorgelegt hat. Sie macht deutlich, dass Herbert von Bismarck bei allen, Geburt, Erziehung und Vater-Prägung geschuldeten Begrenztheiten seiner Persönlichkeit ein zu Unrecht unterschätzter preußisch-deutscher Politiker ist.


Anmerkungen:

[1] Vgl. v.a.: Wolfgang Windelband: Herbert Bismarck als Mitarbeiter seines Vaters, Stuttgart 1921; Heinrich Stamm: Graf Herbert von Bismarck als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Diss. phil. TU Braunschweig 1979; Louis L. Snyder: Diplomacy in iron. The life of Herbert von Bismarck. Malabar, Florida. 1985.

[2] Vgl. Herbert Fürst von Bismarck: Politische Reden. Gesamtausgabe. Veranst. von Johannes Penzler, Berlin 1905 und Walter Bußmann (Hg.): Herbert von Bismarck. Aus seiner politischen Privatkorrespondenz, Göttingen 1964.

[3] Vgl. Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen, (GW/NFA IV). Hg. von Michael Epkenhans und Holger Afflerbach, Paderborn u. a. 2012, S. 508-575. Siehe dazu: http://sehepunkte.de/2012/05/18995.html

Rezension über:

Winfried Baumgart (Hg.): Herbert von Bismarck. Erinnerungen und Aufzeichnungen 1871-1895, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 226 S., ISBN 978-3-506-78263-2, EUR 34,90

Rezension von:
Matthias Stickler
Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Stickler: Rezension von: Winfried Baumgart (Hg.): Herbert von Bismarck. Erinnerungen und Aufzeichnungen 1871-1895, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/05/27432.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.