sehepunkte 16 (2016), Nr. 9

Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer

Es ist ein dickes Brett, das der Pädagoge Hans-Christian Harten bohrt, und seine voluminöse Studie über "Himmlers Lehrer" ist im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne gewichtig: Die "Weltanschauliche Schulung in der SS 1933-1945" war bisher eine Forschungslücke, auf die Jürgen Matthäus, Konrad Kwiet, Jürgen Förster und Richard Breitmann erstmals 2003 in einer verdienstvollen kleinen Studie hingewiesen hatten, die nach dem "Ausbildungsziel Judenmord" fragte. [1] Obwohl die Forschung zur SS und Waffen-SS seither deutlich an Fahrt aufgenommen hat [2], stand ungeachtet wichtiger Arbeiten etwa von Isabel Heinemann über die Experten des Rasse- und Siedlungshauptamtes (RuSHA) [3] eine umfassende Gesamtdarstellung aus. Harten nimmt sich nun in fünf Oberkapiteln auf rund 600 Textseiten der Geschichte und Struktur des Schulungswesens der SS, der weltanschaulichen Schulung in Verbänden und Schulen der Waffen-SS und im "Großgermanischen Reich", des Schulungsmaterials und schließlich des SS-Lehrpersonals an.

Harten zeichnet die Anfänge des SS-eigenen Schulungswesens im Rasse- und Siedlungsamt akribisch nach und beschreibt, wie Walther Darrés "Blut- und Boden"-Ideologie zwischen 1933 und 1938 die Schulungsinhalte und die Personalauswahl dominierte. Erst nach der Absetzung Darrés und der sukzessiven Verdrängung der bisher dominierenden Agrarwissenschaftler durch Geisteswissenschaftler und Pädagogen folgte eine deutliche Professionalisierung des Schulungswesens (71f.). Zum Zeitpunkt seiner größten personellen Ausdehnung 1944 verfügte das SS-Schulungsamt über rund 400 Mitarbeiter in sieben Hauptabteilungen, 32 Abteilungen und 78 Referaten (506). Weltanschaulich geschult wurde während des Krieges, um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen, in den Einheiten der Allgemeinen SS, der Waffen-SS, den Konzentrationslagern, in Junkerschulen und Unterführerschulen, in Berufsschulen der SS, den Einheiten der "germanischen Freiwilligen" und sogar in einem SS-eigenen Imam-Institut (415).

Die konkreten Inhalte der Schulungsmaterialien sind nur noch teilweise rekonstruierbar. Dennoch sind Hartens Funde beeindruckend. In einer empirisch-statistischen Analyse wertet er über 1000 Beiträge der SS-Leithefte, des zentralen Periodikums zur "Haltungserziehung" und "seelischen Erbauung" (439) der Schutzstaffel, aus. 36 % der Beiträge waren Texte zur NS-Weltanschauung, während die "Gegnerkunde" zusammen überaschenderweise nur knapp 10 % ausmachte; lediglich 2,7 % entfielen auf das Judentum und 1,6 % auf den Bolschewismus (431 f.) Dagegen widmeten sich während des Krieges 30 % aller Schulungsschriften, die im Gegensatz zu den Leitheften konkrete Argumentationshilfen für den Unterricht darstellten, der Gegnerkunde (439). Der vermutlich 1941/42 im Reichssicherheitshauptamt entstandene Abriss "Judentum" thematisierte die Vernichtung der Juden ganz offen (470).

Aufschlussreich und teilweise überraschend sind auch Hartens Ergebnisse zum sozialen und akademischen Hintergrund der Autoren der Schulungstexte und der Schulungsleiter. Erstere waren zu fast 80% Akademiker, unter den Autoren der SS-Leithefte identifiziert der Verfasser mit 100 promovierten und habilitierten Autoren eine "kulturelle Bildungselite" (479).

Im letzten Kapitel, "Himmlers Lehrer - sozialisationsgeschichtliche Analysen" untersucht Harten mit den Mitarbeitern des Schulungsamtes, der Abteilung VI, den Bauernreferenten, Polizeischulungsleitern und den Lehrern und Studienräten der SS insgesamt über 3000 Personen, von denen knapp die Hälfte der Kriegsjugendgeneration und rund ein Fünftel der "jungen Frontgeneration" angehörten. Unzweifelhaft handelte es sich um eine junge, hochgradig gebildete akademische Elite - mehr als jeder vierte war promoviert - am Anfang ihres Berufslebens (499). Den geringsten Akademikeranteil wiesen die überwiegend unter Darré rekrutierten Bauernreferenten auf, allerdings findet sich unter diesen auch der höchste Politisierungsgrad: fast 90 % der Bauernreferenten waren schon vor 1933 nationalsozialistisch oder völkisch organisiert (512). Dass das Schulungspersonal insgesamt hoch politisiert war, überrascht nicht: Über 54% traten vor 1933 in die NSDAP oder eine ihrer Organisationen ein, weitere 35 dann im Jahr 1933 (502). Während der Anteil der "Gottgläubigen" in der SS insgesamt bei rund einem Viertel lag, waren es unter dem Schulungspersonal zwei Drittel.

Über die sozialen und akademischen Hintergründe der Tausenden von Schulungsleitern der SS war bislang nur wenig bekannt. [4] Bemerkenswert ist deshalb Hartens Untersuchung ihrer akademischen Netzwerke, die er für die Universitäten Jena, wo Hans F. K. Günther und Karl Astel lehrten (549ff.), Tübingen, Leipzig (um Otto Reche, 166f.) und an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim beschreibt. Fast 70 Studenten kann er allein aus Jena identifizieren, die anschließend in der SS-Schulung tätig waren. Mehr hätte man gern über die Nachkriegsbiographien des SS-Schulungspersonals gelesen, zumal sich darunter mit Hanns Martin Schleyer und Hans Ernst Schneider (dessen zweites Leben als Hans Schwerte nicht thematisiert wird) durchaus prominente Namen finden. Ob es zu Dehabilitierungen bzw. Depromotionen von Rassekundlern nach 1945 kam, kann bezweifelt werden, bleibt aber leider offen. In den Anmerkungen finden sich immerhin verstreute Hinweise auf Nachkriegspublikationen und das Unterkommen von Schulungsleitern im Schuldienst der Bundesrepublik. Einer davon reüssierte nach 1945 als Reformpädagoge, ein anderer gründete ein "Institut für ganzheitliche Lebensgestaltung" (374 u. 323).

Anlass zur Kritik gibt leider das mangelhafte Lektorat des Bandes. Die Endnoten, die wichtige Zusatzinformationen im Apparat verstecken, sind leserunfreundlich. Der Satz des Buches ist eine Zumutung: Eine derart abweisende Bleiwüste, in der zahlreiche Seiten ohne einen einzigen Absatz auskommen, ist dem Rezensenten selten begegnet (willkürlich herausgegriffen z.B. 156-159, 422-423). Vor allem im Unterkapitel "Das Personal des Schulungsamtes 1942-1944" (146-162) ermüden wiederholte Aufzählungen, wer wann welche Abteilung leitete. Organigramme im Haupttext hätten zum besseren Verständnis der zahlreichen Umstrukturierungen im SS-Schulungswesen beitragen können (etwa bei der Verlegung des Schulungsamtes vom RuSHA zum SS-Hauptamt 1938, 77). Fachliche Ungenauigkeiten hätten bei aufmerksamer Durchsicht vermieden werden können: So schreibt Harten konsequent von den "Verfügungstruppen" [sic] im Plural [4], oder von SS-Männern, die sich vor 1939 zur (damals nicht unter dieser Bezeichnung existenten) "Waffen-SS" gemeldet hätten (269).

Hans Christian Hartens Wertung der ideologischen Schulung des "politischen Soldaten" der SS bringt den Aberwitz des SS-Schulungssystems auf den Punkt: Es sei der "hilflose [...] Endpunkt in der Geschichte eines irrwitzigen Projektes" gewesen, das "den Mangel an materiellen Mitteln und rationaler Strategie in der Kriegsführung durch die Erziehung eines fanatischen Weltanschauungskämpfers kompensieren" wollte, "der vom Glauben an seine rassische Überlegenheit angetrieben" werden sollte (143). Insgesamt legt er eine enzyklopädische und in dieser Verdichtung bislang fehlende, höchst informative und anregende Analyse der weltanschaulichen Schulung der SS vor. Sie verdient es, trotz sprachlicher und gestalterischer Hürden und trotz ihres hohen Verkaufspreises zu einem Standardwerk zu werden. In einer gesonderten Studie will der Autor die weltanschauliche Erziehung und Schulung in der Ordnungs- und Sicherheitspolizei untersuchen. Man darf gespannt sein.


Anmerkungen:

[1] Jürgen Matthäus / Konrad Kwiet / Jürgen Förster / Richard Breitmann: Ausbildungsziel Judenmord? "Weltanschauliche Erziehung" von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der "Endlösung", Frankfurt a.M. 2003.

[2] Zum Forschungsstand vgl. Jan Erik Schulte / Peter Lieb / Bernd Wegner (Hgg.): Die Waffen-SS. Neue Forschungen, Paderborn u.a. 2014; Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925-1945, München 2012; René Rohrkamp: "Weltanschaulich gefestigte Kämpfer". Die Soldaten der Waffen-SS 1933-1945. Organisation - Personal - Sozialstrukturen, Paderborn u.a. 2010; Jean-Luc Leleu: La Waffen-SS. Soldats politiques en guerre, Paris 2007. Zu den Schulungsleitern lagen bislang lediglich vereinzelte Fallstudien vor, wie etwa Markus Moors: "Die SS als geistiger Stoßtrupp"? Dr. Hans-Peter des Coudres, Schulungsleiter der "SS-Schule Haus Wewelsburg" 1935-1939, in: Die SS, Himmler und die Wewelsburg, hg. von Jan Erik Schulte, Paderborn u.a. 2009, 180-195.

[3] Isabel Heinemann: "Rasse, Siedlung, deutsches Blut". Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003; dies.: Ambivalente Sozialingenieure? Die Rasseexperten der SS, in: Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionsleiten zwischen Mitwirkung und Distanz, hgg. von Gerhard Hirschfeld / Tobias Jersak, Frankfurt a.M. 2004, 73-95.

[4 ] Korrekt: Verfügungstruppe, vgl. Bernd Wegner: Hitlers politische Soldaten. Die Waffen-SS 1933-1945, Paderborn u.a. 7 2006.

Rezension über:

Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die Weltanschauliche Schulung in der SS 1933-1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, 707 S., ISBN 978-3-506-76644-1, EUR 78,00

Rezension von:
Niels Weise
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Niels Weise: Rezension von: Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die Weltanschauliche Schulung in der SS 1933-1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/09/26715.html


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