sehepunkte 16 (2016), Nr. 9

Bettina Pfotenhauer: Nürnberg und Venedig im Austausch

Die Beziehungen zwischen Venedig und den großen Handelsstädten des Römischen Reiches im Mittelalter sind schon seit langem ins Blickfeld der Historiker geraten und werden in Form des immer wieder mit spektakulären Schlagzeilen in den Medien auftauchenden Fondaco dei Tedeschi auch heute noch jedem Venedigbesucher deutlich vor Augen geführt. Literatur zu den Besuchern aus den deutschsprachigen Gebieten des Reiches in der Lagunenstadt und zur Geschichte des Fondaco selbst ist dementsprechend zahlreich vorhanden; dennoch gelingt es Bettina Pfotenhauer, mit ihrer Studie zum Austausch beider Städte die Beziehungen zwischen Venedig und der oberdeutschen Handelsstadt Nürnberg in ein neues Licht zu rücken, indem sie den Fokus ihrer Analyse nicht ausschließlich auf Venedig richtet, sondern sich durch einen Blick zurück über die Alpen auch mit den Rückwirkungen der venezianischen Besuche auf Nürnberg in der Zeit von 1390 bis 1530 befasst.

Dementsprechend ist die Studie in zwei Teile gegliedert, die von einem klaren Einleitungsteil und einem Tabellenteil gerahmt werden. Dabei macht die Verfasserin bereits in ihrer Einleitung deutlich, dass es sich bei den untersuchten Venedigbesuchern keineswegs nur um die vielbeschworenen Kaufleute handelt. Auch Handwerker und Künstler, allen voran, wie zu erwarten, natürlich Albrecht Dürrer, rücken immer wieder ins Blickfeld. Der Austausch zwischen beiden Städten, wie Bettina Pfotenhauer ihn zeichnet, ist damit nicht nur ein ökonomischer, sondern eben auch ein informativer und vor allem ein kultureller Austausch. Der kurz gehaltene theoretische Einführungsteil spannt dabei die Bandbreite der Untersuchung zwischen den Polen Integration, Identität, Kommunikation, Kulturtransfer und Beziehungen auf, die im Laufe der Studie in unterschiedlichen Momenten auftreten.

Die Rolle der Nürnberger in Venedig, ihr soziales Umfeld und ihre Handlungsmuster sind die Themen des ersten Teils. Kaufleute, Handwerker, aber auch Pilger und Künstler werden als Träger der Beziehungen zwischen beiden Städten erfasst und in ihrem Wirkungsumfeld untersucht. Entsprechend tritt hier auch wieder der bekannte Fondaco dei Tedeschi auf, der immer wieder als per Gesetz verordneter Mittelpunkt des Nürnberger Lebens in Venedig identifiziert wird. Aber auch die Bruderschaften der verschiedenen scuole und ihre soziale Funktion sowie die Einbindung der Nürnberger in venezianische Gesellschaftsstrukturen jenseits des Fondaco dei Tedeschi werden analysiert. Die umfangreiche Quellenkenntnis der Verfasserin erlaubt hier, die verschiedenen Schwerpunkte mit zahlreichen Beispielen auszustatten und so das Nürnberger Leben in Venedig deutlich und farbig zu umreißen. Zwei längere Quellen stechen dabei besonders hervor und verdeutlichen einige bedeutende Aspekte. Der erste Text ist das in einer Familienchronik überlieferte Regiment des Kaufmanns Christoph I. Scheuerl für seinen nach Venedig gesandten Lehrling Hieronymus Haller von 1488, das neben den zu erlernenden Fähigkeiten eines Kaufmanns auch ein Licht auf die nötige soziale Einbindung wirft. Zudem tritt immer wieder das Sprachlehrbuch Georgs von Nürnberg in den Mittelpunkt, das neben den Bemühungen zum Spracherwerb als Voraussetzung für den Handel auch zahlreiche gesellschaftliche Momente auffängt. Neben diesen Überlegungen über die Einbindung der Nürnberger Besucher in Venedig scheint auch das Thema der doppelten Loyalität auf, die insbesondere die oft bereits in Venedig ausgebildeten Kaufleute sowohl mit ihrer Heimatstadt als auch mit der Lagunenstadt verband. Dass die Nürnberger Identität aber auch in Venedig weiterhin gepflegt wurde, zeigt unter anderem der Sebaldaltar in der Kirche San Bartolomeo, der gleichzeitig Rückschlüsse auf Strukturen der Nürnberger Präsenz in Venedig und die Rolle einzelner Familien zulässt.

Um die Präsenz Venedigs in Nürnberg kreist der zweite Teil der Studie, der nicht nur die Nutzung venezianischer Güter im Alltag in Oberdeutschland thematisiert, sondern auch mit der Analyse von Büchernetzwerken ein völlig neues Feld in den Blick nimmt. Die Beschaffungsstrukturen und der Handel mit humanistischen Drucken aus venezianischen Kontoren, insbesondere aus dem von Aldus Manutius, werden als Katalysator für die zunehmende Diffusion des Humanismus in den Raum nördlich der Alpen gewertet. Die besondere Rolle bei der Übermittlung von Drucken in griechischer Sprache fällt hier ebenfalls ins Gewicht. Bekannt sind längst die engen Verbindungen insbesondere des fränkischen Raumes zu der einzigen zugelassenen Universität auf venezianischem Territorium in Padua, die hier noch um die venezianische Komponente ergänzt werden. Neben diesem wirtschaftlichen und intellektuellen Austausch macht Bettina Pfotenhauer aber noch zahlreiche weitere Kontaktstellen aus, die unter anderem auch die rechtliche Verfassung Nürnbergs beeinflussen: die Übernahme des venezianischen Vormundschaftsrechts zu Beginn des 16. Jahrhunderts verdeutlicht die nun auch rechtshistorisch fassbare Annäherung beider Handelszentren weiter.

Ihren Ausklang findet die vielfältige Studie in einem kunsthistorisch beeinflussten Resümee, das durch den farbigen Bildanhang greifbar die Verbindungen und die zunehmende Bedeutung der Beziehungen beider Städte auch für das ab 1500 in eine Krise geratende Venedig weiter verdeutlicht. Ein wenig zu gut versteckt im Quellenanhang verbirgt sich dann etwas, das besonders prospographisch arbeitende Historiker beglücken könnte: eine ausführliche Tabelle sämtlicher im Untersuchungszeitraum der Studie in Venedig nachweisbarer Nürnberger, inklusive der bekannten Daten, Quellen- und Literaturhinweise. Auch wenn die Verfasserin selbst angibt, aus Quellenmangel keine ausführliche personengeschichtliche Studie liefern zu können, zeigen die Tabelle und der mit zahlreichen Archivfunden unterfütterte Text doch, dass es um die Archivlage nicht schlecht steht. Die umfangreiche Archivkenntnis der Verfasserin spiegelt sich dann auch deutlich in der Studie wider, der ein farbiges und facettenreiches Bild der vielfältigen Beziehungen zwischen zwei bedeutenden Handelszentren Europas im ausgehenden Mittelalter gelingt.

Rezension über:

Bettina Pfotenhauer: Nürnberg und Venedig im Austausch. Menschen, Güter und Wissen an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (= Studi. Schriftenreihe des deutschen Studienzentrums in Venedig. Neue Folge; Bd. XIV), Regensburg: Schnell & Steiner 2016, 504 S., 12 Farbabb., ISBN 978-3-7954-3052-8, EUR 76,00

Rezension von:
Kristina Odenweller
Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Kristina Odenweller: Rezension von: Bettina Pfotenhauer: Nürnberg und Venedig im Austausch. Menschen, Güter und Wissen an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Regensburg: Schnell & Steiner 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/09/28750.html


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