sehepunkte 16 (2016), Nr. 9

Daniel Morat / Tobias Becker / Kerstin Lange u.a.: Weltstadtvergnügen

Das Leben in der Großstadt unterscheidet sich vom Leben auf dem Land oder in einer Kleinstadt nicht zuletzt durch die besondere Dichte kommerzieller Vergnügungsangebote. Das gilt vor allem zwischen den 1880er-Jahren, also dem Zeitpunkt, zu dem vielfach der Aufschwung einer kommerziellen 'Massenkultur' angesetzt wird, und den 1930er-Jahren, als durch die weite Verbreitung des Radios und später des Fernsehens ortsgebundene Unterhaltungsangebote allmählich etwas an Gewicht verloren. In Metropolen waren solche Angebote in bestimmten Vierteln des Stadtzentrums konzentriert, die von den Außenbezirken mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zugänglich waren. Außerdem lagen sie vielfach in der Nähe von Bahnhöfen, die es auch Menschen, die im Umland, in größerer oder in großer Entfernung, zu Hause waren, erlaubten, diese Angebote wahrzunehmen, sofern sie Zeit und Geld für eine oder mehrere Übernachtungen in der Metropole erübrigen konnten. Das "Weltstadtvergnügen" war somit ebenso Gegenstand von (Massen-)Tourismus wie ein Erlebnis der Einwohner der Großstadt selbst. Die diversen Bedeutungen und Dimensionen dieser Angebote auszuloten ist Ziel dieses Bandes, der Ergebnisse eines DFG-geförderten Forschungsprojekts in Form einer gelungenen kollektiven Monografie präsentiert. Er schreibt sich in eine Reihe unterschiedlicher Forschungskontexte ein, welche die Sozial-, Kultur- und Unternehmensgeschichte der Populärkultur ebenso umfasst wie Überlegungen zur Entwicklung städtischer Geografien in den Jahrzehnten um 1900 und die Rolle des Ersten Weltkriegs zwischen Zäsur und Kontinuität.

Die empirischen Kapitel werden von einer konzeptionellen Einleitung (Daniel Morat) gerahmt, welcher diese Forschungskontexte auffächert und das Forschungsprogramm skizziert. Ein Ausblick von Paul Nolte, der die Berliner Erfahrung in einen vergleichenden Kontext stellt und die mittelfristige Flucht der Vergnügungen in die Peripherie und ihre mögliche Rückkehr in die Zentren in den letzten Jahren diskutiert, beschließt den Band. Die auf konkrete Angebote konzentrierten Beiträge beschäftigen sich mit dem Unterhaltungstheater (Tobias Becker), wobei das Metropoltheater im Mittelpunkt steht, mit "Tanzvergnügen" in den Tanzpalästen um die Friedrichstraße (Kerstin Lange), mit Populärmusik (Daniel Morat), Vergnügungsparks (Johanna Niedbalski) sowie als einzigem zumindest am Ende des Untersuchungszeitraums dezidiert illegalem besonders großstädtischen Angebot mit dem Erwerb und Konsum von Kokain (Anne Gnausch).

Eine große Linie, welche die Beiträge verbindet, ist die Veränderung der Geografie des Vergnügungsangebots: die frühe Zentrierung um die Friedrichstraße mit einem Komplex von Theatern, Restaurants, Tanzgelegenheiten, musikalischer Untermalung, Hotels und düsteren Ecken für den Drogenhandel, der eine allmähliche Verschiebung in Richtung Kurfürstendamm folgte. In den einzelnen Kapiteln wird - durch die Quellenlage wie auch die Eigenarten des jeweiligen Geschäfts bedingt in unterschiedlich detailliertem Maße - auch danach gefragt, inwieweit es in den Vororten ein äquivalentes Angebot auf niedrigerem preislichen und quantitativen Niveau gab, inwieweit somit beispielsweise die Erfahrung einer relativ weitreichenden musikalischen Rahmung des Großstadtlebens vor allem für das Zentrum galt und inwieweit es in den Vororten Gegenstücke hatte. In dieser Perspektive fallen vor allem die - nicht zuletzt wegen ihres großen Raumbedarfs - nicht im Zentrum angesiedelten Vergnügungsparks in gewissem Sinne aus dem Rahmen, aber auch hier wird die Verbindung zwischen Entfernung und Erreichbarkeit diskutiert.

Eine zweite Frage, welche alle Beiträge behandeln, ist die nach dem Verhältnis des Beharrens bei einmal gefundenen Forme(l)n und der Offenheit für neue Stücke, Aufführungspraktiken, Tänze, musikalische Formate oder Fahrgeschäfte, die durchaus auch mit ausländischen, zumal amerikanischen Vorbildern assoziiert sein konnten. Während es prinzipiell zum Selbstbild der Großstadt gehörte, den Trends an anderen Orten voraus zu sein, bedeutete der Krieg oft eine Zäsur, da Vergnügungsstätten wegen finanzieller Engpässe oder anderen vorgesehenen Nutzungen ihrer Räumlichkeiten schlossen oder schließen mussten, was jeweils die Frage aufwarf, ob man dort an die Vorkriegsangebote anknüpfen würde oder am selben Ort beziehungsweise anderswo etwas Neues versuchen würde.

Die dritte Dimension der Untersuchung betrifft die Intervention staatlicher Stellen in eine fast durchweg skeptisch betrachtete kommerzielle Kultur. Deren Publikum war sozial sehr breit aufgestellt, nicht zuletzt, weil die Interaktion mit 'typischen' Berlinern auch aus den mittleren und unteren Schichten für auswärtige Besucherinnen und Besucher Teil der Attraktion sein konnte. Trotzdem fokussierte sich die Obrigkeit auf die Gefährdungen der politischen Loyalität - weshalb in Theatern die Satire sozialer und gesellschaftlicher Eigenarten oder die Darstellung anzüglicher Szenen eher geduldet wurde, wenn sie in einem politisch sichtbar loyalen Rahmen stattfand - und der Sittlichkeit und Gesundheit, die durch Tanzvergnügen und vor allem den Drogenhandel gefährdet schienen, während der Freizeitpark scheinbar am wenigsten riskant war.

Sodann fragen die Beiträge viertens danach, in welchem Umfang die von ihnen untersuchten Orte und Praktiken zu einer "inneren Urbanisierung" beitrugen. Das Ergebnis ist hier beim Theater am klarsten, da in den Varietés nicht nur ein besonderes urban und modern empfundenes Format angeboten wurde, sondern da dieses Format zugleich das Leben in der Stadt auf die Bühne brachte und damit die Identifikation des Berliner Publikums mit der Metropole Berlin insgesamt erhöhte, auch wenn es im Alltag nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt erlebte. Ähnliche Prozesse werden aber auch in den anderen Kapiteln herausgearbeitet.

Der Band besticht durch die pointierten, auf einer intensiven Quellenrecherche mit zum Teil überraschenden Einsichten und Anekdoten basierenden Artikel und den kohärenten konzeptionellen Rahmen. Insgesamt leistet er vor allem einen Beitrag zur Kultur- und Sozialgeschichte des Großstadtvergnügens. Die ebenfalls immer wieder angesprochene kommerzielle Dimension - schließlich behandeln fast alle Artikel ein oder mehrere Unternehmen, die legal oder jenseits der Illegalität operierten, um mit einem Vergnügungsangebot Gewinne zu erwirtschaften - ist zwar präsent, wird aber sowohl mit Blick auf Preise und Gewinne wie auf die Sozialgeschichte des in der Vergnügungsindustrie beschäftigten Personals weniger in den Blick genommen. [1] Eine Gesamtgeschichte des Welt- und Großstadtvergnügens bleibt somit vielleicht noch zu schreiben, aber dieser Band bietet eine sehr breite und sehr vergnügliche Grundlage dazu.


Anmerkung:

[1] Vgl. dazu etwa zum Theater für den ersten Teil des Untersuchungszeitraums Christophe Charle: Théâtres en capitales. Naissance de la société du spectacle à Paris, Berlin, Londres et Vienne, 1860-1914, Paris 2008.

Rezension über:

Daniel Morat / Tobias Becker / Kerstin Lange u.a.: Weltstadtvergnügen. Berlin 1880-1930, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 272 S., 49 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-30087-9, EUR 30,00

Rezension von:
Andreas Fahrmeir
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Fahrmeir: Rezension von: Daniel Morat / Tobias Becker / Kerstin Lange u.a.: Weltstadtvergnügen. Berlin 1880-1930, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/09/28989.html


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