Rezension über:

Volker Hess / Laura Hottenrott / Peter Steinkamp: Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag der westlichen Pharmaindustrie, 1964-1990, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2016, 272 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-3-95410-074-3, EUR 26,00
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Rezension von:
Tobias Wunschik
Abteilung Bildung und Forschung, BStU, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Wunschik: Rezension von: Volker Hess / Laura Hottenrott / Peter Steinkamp: Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag der westlichen Pharmaindustrie, 1964-1990, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/28736.html


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Volker Hess / Laura Hottenrott / Peter Steinkamp: Testen im Osten

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Als Patient profitiert fast jeder von den vorangegangenen Tests seiner Medikamente. Deswegen - und weil die Pharmaindustrie (trotzdem) keinen guten Ruf genießt - war die Aufregung groß, als 1991 Arzneimitteltests westlicher Unternehmen in der DDR bekannt wurden. Systematisch erforscht wurde dies bislang allerdings kaum.

Die Medizinhistoriker Volker Hess, Laura Hottenrott und Peter Steinkamp sind dem nun nachgegangen, gefördert durch die bzw. den Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, die Stiftung Aufarbeitung, die Bundesärztekammer sowie die Pharmaindustrie. Nach zweieinhalb Jahren intensiver Archivstudien können sie fast 450 Versuchsreihen westlicher Pharmakonzerne in der DDR nachweisen - und halten 1000 weitere für möglich. Einige Fälle haben die Autoren exemplarisch untersucht - ausgewählt etwa nach den getesteten Wirkstoffen, den beteiligten Institutionen und der Zahl der involvierten Patienten. Überraschendes Ergebnis der profunden Studie ist die "enge Verflechtung des DDR-Gesundheitssystems mit dem westlichen medizinischen Markt" (65).

Die Prüfaufträge für neue Medikamente vermittelte eine zentrale medizinische Aufsichtsbehörde in Ost-Berlin meist an Bezirkskrankenhäuser, häufig auch an Uni-Kliniken und selten an konfessionelle Krankenhäuser. Für die westlichen Pharmakonzerne, hauptsächlich aus der Bundesrepublik, der Schweiz und den USA, konnte dies bis zu 30 Prozent günstiger sein als wenn sie die Versuche in der freien Welt hätten durchführen lassen. Die an Devisen klamme DDR ließ ihre Einnahmen aus diesem Geschäft nur teilweise in das Gesundheitswesen fließen.

Involviert war auch die Staatssicherheit, deren Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in den Kliniken wertvolles Insiderwissen notierten, das heute eine Aufklärung erst ermöglicht. Der Mielke-Apparat wollte Firmeninterna und Marketingstrategien der Westkonzerne ausspionieren, deren Wirtschaftsspionage abwehren sowie insbesondere vermutete Abwerbungs- und Bestechungsversuche ostdeutscher Ärzte durchkreuzen. Seine Aufgabe war es auch, "illegale" Testreihen aufzudecken (und nicht etwa zu organisieren), denn ostdeutsche Ärzte umgingen bis in die 1970er-Jahre gelegentlich die Ost-Berliner Aufsichtsbehörde.

Als Versuchslaboratorium begehrt war das Land dennoch wegen der Qualifikation, Akkuratesse und Motivation seiner Mediziner. "Die Ärzte dort waren von der Pharmaindustrie nicht so korrumpiert wie andere, die hier immer nur die Hand aufhalten, aber wenig dafür tun wollen", so ein bundesdeutscher Pharmavertreter (170). Die ostdeutschen Mediziner freuten sich vielmehr über die besseren Medikamente oder Geräte für ihre Patienten. Andere Ärzte hofften auf Fortschritte in der Wissenschaft oder auf Prestige, Publikationen und - meist vergeblich - Westreisen zu Fachkongressen für sich selbst.

Die DDR war aus Sicht der Pharmavertreter ein dankbares Terrain, insbesondere wegen ihrer starken Zentralisierung. Gab die Ost-Berliner Aufsichtsbehörde (nicht zuletzt aufgrund lockender Devisen) grünes Licht, mussten nicht in unzähligen Krankenhäusern die Klinken geputzt werden wie in der Bundesrepublik. Verlockend war auch das (datenschutzrechtlich bedenkliche) medizinische Zentralregister, durch das Probanden mit "passenden" Krankheitsbildern viel leichter zu finden waren als im Westen.

Die Autoren fanden "keine Anhaltspunkte für Verstöße gegen die Aufklärungspflicht" der Patienten (181), was allerdings in der DDR auch seltener protokolliert werden musste. Die Teilnehmer der Testreihen wussten wohl um mögliche Risiken, zusätzliche Untersuchungen und woher die Präparate stammten. An Heilung oder Linderung interessiert, wollten sie gerade deswegen als Testpersonen fungieren, galt der Zugang zu den Medikamenten aus dem Westen doch als Privileg. Sie vertrauten stärker auf den medizinischen Fortschritt und folgten eher den Empfehlungen ihrer Ärzte zur Teilnahme an den Versuchsreihen als Bundesbürger, die Pharmatests immer skeptischer betrachteten.

Letztlich wurden in der DDR bei den Versuchen die gleichen Standards eingehalten wie im Westen. Weil sich häufigere Untersuchungen (im Rahmen der Testreihen) positiv auf das Befinden der Patienten auswirken, wurden Behandlungserfolge erzielt. Letztlich wurden bessere Medikamente für alle entwickelt. Was ist also gegen Medikamententests in Ostdeutschland einzuwenden?

Den Pharmakonzernen war bekannt, dass die häufigen DDR-Reisen ihrer Vertreter alle Beteiligten in das Visier der Staatssicherheit rückten. Vor allem haben die westlichen Firmen die Leichtgläubigkeit der Probanden, ihre Folgsamkeit gegenüber den Ärzten und den Nimbus der Westpräparate ausgenutzt, so die Autoren. Zumal bei Nebenwirkungen individuelle Entschädigungsansprüche nicht zu befürchten waren; sollten dennoch Regressforderungen erwachsen, hätten DDR-Behörden dies (auf Rechnung der Pharmakonzerne) geräuschlos bereinigt. Weitere Fragen drängen sich auf: Bedeutete das Einverständnis von Patienten in der DDR wirklich genau das gleiche wie in der Bundesrepublik? Wer konnte sich in Ostdeutschland über die Wirkstoffe oder den Leumund der Pharmakonzerne unabhängig informieren?

"Illegale", der DDR-Aufsichtsbehörde nicht gemeldete Versuchsreihen hielten die befragten 16 Experten aus der Medizin- und Pharmabranche für ausgeschlossen - die Autoren fanden jedoch untrügliche Beweise hierfür. Sie hätten daher vielleicht die Glaubwürdigkeit ihrer Zeitzeugen stärker hinterfragen sollen - statt ein Interview über zwölf Seiten im Haupttext wörtlich wiederzugeben. Testverläufe seien in den Kliniken grundsätzlich zuverlässig, Todesfälle jedoch mitunter verspätet "nach oben" berichtet worden. Doch wenn unwillig gemeldet wurde, was sich nicht verheimlichen ließ - wurde dann nicht vielleicht noch mehr verschleiert?

Die Autoren werfen viele ethische Fragen auf, beantworten diese angesichts der Besonderheiten einer Diktatur sowie der Lücken in den Akten jedoch vielleicht etwas vorschnell. Fragen werden bleiben - auch weil das Bundesgesundheitsamt bereits vor 1989 von den Versuchsreihen in der DDR sogar an Kindern wusste. Strengere Standards in der Bundesrepublik führten dazu, dass immer mehr Tests (und damit Risiken) nach Ostdeutschland ausgelagert wurden. Überzogenen Spekulationen über heimliche "Menschenversuche" westlicher Pharmakonzerne in der DDR haben die Autoren mit ihrer sorgfältigen Recherche jedoch zu Recht die Grundlage entzogen.

Tobias Wunschik