sehepunkte 16 (2016), Nr. 12

Christophe Busch / Stefan Hördler / Robert Jan van Pelt (Hgg.): Das Höcker-Album

Aus der heutigen Perspektive erscheint es nahezu unmöglich, dass die SS-Täter in direkter Nähe zum Lager Auschwitz-Birkenau ein normales Leben führen konnten. Ihre verbrecherischen Aufgaben im größten Konzentrations- und Vernichtungslager, die Härte und Gewaltbereitschaft voraussetzten, verband die Lager-SS scheinbar ohne weiteres mit ihrem Privatleben. Das Fotoalbum von Karl Höcker, ehemaliger Adjutant des letzten Lagerkommandanten von Auschwitz, Richard Baer, dokumentiert eindrucksvoll das Leben der SS-Männer außerhalb der Lagerzäune und zeigt eine bislang wenig beachtete Dimension der Täterschaft. In seiner Position hatte Höcker einen beispiellosen Einblick in den Lager-Betrieb und dessen Führung. Die zunächst fast banal wirkenden Aufnahmen, die vor allem das Kameradschaftsgefüge der Männer in den Vordergrund stellen, erweisen sich als Schlüsselquelle für eine Einsicht in ihr Leben im Schatten des Konzentrations- und Vernichtungslagers.

Es ist ein Glücksfall für die Forschung, dass die Fotografien die Kriegszeit überdauert haben. Im Dezember 2006 erhielt das United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. das Fotoalbum von einem anonymen ehemaligen Nachrichtenoffizier der U.S. Army. Dieser hatte die Bilder kurz nach Kriegsende in Frankfurt gefunden und in seinem Privatbesitz verwahrt. Bis dato war der Öffentlichkeit einzig das sogenannte "Auschwitz-Album" bekannt. Die darin enthaltenen zeitgenössischen Fotografien illustrieren die Abläufe innerhalb des Vernichtungslagers Birkenau aus Sicht der SS-Männer, während der Hochphase des Massenmords an 300.000 ungarischen Juden im Sommer 1944. [1] Die beiden überlieferten Alben bieten einen gegensätzlichen Einblick in den Vernichtungsprozess in Auschwitz, und verweisen auf die zwiespältige Lebensrealität der Täter innerhalb und außerhalb der Lagergrenzen.

Die wissenschaftlich edierte Publikation liegt nun erstmals auch in deutscher Sprache vor. Insgesamt 116 Fotografien sind jeweils mit einer ausführlichen Legende versehen; stets wird der Name, der Dienstrang und die Funktion der Täter aufgeführt, ein Personenregister vervollständigt die Edition. Die schwarz-weißen Fotografien, meist professionelle Aufnahmen, porträtieren die Lager-SS in ihrer Freizeit zwischen Mai und Dezember 1944. In akribischer Forschungsarbeit konnten die Wissenschaftler die Fotos geographisch und zeitlich einordnen und somit die Aufnahmen kontextualisieren. Wichtigen Erkenntnisgewinn bietet vor allem die Identifikation der führend am Vernichtungsprozess beteiligten Männer. Abgebildet sind beispielsweise Richard Baer, Rudolf Höß, Josef Kramer oder Josef Mengele. Von dem berüchtigten SS-Mediziner waren bislang keine überlieferten Bilder aus seiner Dienstzeit im KZ bekannt.

International renommierte Autoren haben die visuellen Zeugnisse aus dem "Höcker-Album" detailliert in ihrem historischen Entstehungskontext erschlossen.

Stefan Hördler dechiffriert die Personalpolitik und das Sozialgefüge innerhalb des Lagers. Judith Cohen und Rebecca Erbelding entschlüsseln die Geschichte des Albums, die Herausgeber äußern sich zu dem Wert visueller Quellen für die Forschung. Christophe Busch, Sarah M. Cushman und Piotr Setkiewicz beschäftigen sich näher mit einzelnen Tätern und Tätergruppen. Beispielsweise erfährt der Leser mehr über die bislang unterschätzte Bedeutung der SS-Helferinnen. Wichtige Hintergrundinformationen zur Geschichte von Auschwitz liefert Robert Jan van Pelt. Schließlich beschreibt Tilman Taube die persönliche Geschichte seines Großvaters in diesem Lager.

Die Aufnahmen des Adjutanten Höcker sind als persönliches Andenken an seine Zeit in Auschwitz-Birkenau zu verstehen. Zwar finden sich in dem Album auch Bilder zu dienstlichen Anlässen, doch liegt der Fokus auf der Dokumentation von geselligen Zusammenkünften der SS-Männer und der "SS-Maiden" in ihrem Gefolge. Die Herausgeber gehen von der These aus, dass die Täter ihr Agieren im Konzentrations- und Vernichtungslager als "normale" Arbeit begriffen.

Diese Bilder dokumentieren den komplexen Alltag in Auschwitz. Sie zeigen Angehörige der Lager-SS unter anderem bei Schießübungen, bei der Übergabe des fertiggestellten SS-Lazaretts in Auschwitz, bei Feierlichkeiten wie dem "Julfest" und bei verschiedenen Freizeitaktivitäten in dem nahegelegenen Ferien- und Erholungsheim "Sola-Hütte". Es finden sich auch Aufnahmen, die Besuche verschiedener NS-Eliten im Lager ablichten. Höckers Fotografien zeigen die SS-Männer nicht bei der Tat, sondern Täter in ihrem Alltag. Die Aufnahmen wirken auf den heutigen Betrachter deshalb oft befremdlich, weil der gleichzeitig stattfindende Vernichtungsprozess vollkommen ausgeklammert wird: Lagerinsassen sind auf keinem einzigen Bild abgebildet. Gleichzeitig verstört die private, oftmals ausgelassene Seite - etwa bei einem Sonnenbad auf der Terrasse der Sola-Hütte oder beim Anzünden der "Jultanne" im Dezember - derjenigen, die über Wochen hinweg tausende Opfer ermordeten. Die Wissenschaftler hoffen dennoch, dass sich bei der Betrachtung auch die Gegenwart der Opfer erahnen lässt. Beispielsweise anhand der Uniformen - als Symbole ihrer Macht - die die SS-Mitglieder auch nach Dienstschluss trugen.

Der historische Erkenntnisgewinn des Albums ist in den Informationen über einzelne SS-Mitglieder, Personenkonstellationen, kameradschaftliche Netzwerke und Konkurrenzverhältnisse während der größten Mordphase im KZ Auschwitz zu finden. Die Aufnahmen belegen zudem die informelle Befehlspraxis und die weniger hierarchisierten Strukturen während der "Ungarn-Aktion". Das Album dokumentiert allgemein die personellen Veränderungen und die Reorganisation in der letzten Phase des KZ-Betriebes in Auschwitz. Bemerkenswert ist in erster Linie das Bild, das zum Abschied des ehemaligen Lagerkommandanten Höß, vermutlich am 15. Juli 1944, vor dem SS-Erholungsheim aufgenommen wurde. Versammelt sind dort rund 70 Hauptbeteiligte an der Ermordung der ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau: es ist die einzig bekannte Gruppenfotografie dieser SS-Funktionselite. Auch anhand dieses Bildes konnte Stefan Hördler herausarbeiten, dass einige der abgebildeten Männer formal nie in Auschwitz eingesetzt waren. Die informellen Netzwerke der "Vernichtungsspezialisten", so der Historiker, waren Kennzeichen für die nationalsozialistische Herrschaftspraxis und speziell des Massenmordprozesses.

Insgesamt liegt eine durchweg beeindruckende Publikation vor, die sowohl für die historische Forschung einen Meilenstein darstellt als auch für das interessierte Laienpublik von großem Interesse ist. Der vorliegende Band verdeutlicht, wie aussagekräftig visuelle Quellen in der Holocaust-Forschung sein können. Sämtliche Autoren heben in ihren Ausführungen die Bedeutung dieser Bilder hervor und wiederholen sich nahezu alle in ihren Aussagen zu der verstörende Dimension der Täter bei ihren Freizeitvergnügen. Diese Repetitionen können als das einzige, eher unbedeutende, Manko dieser Edition gewertet werden. Allein die Frage, wie beide Welten - die des Massenmords und des Privatlebens - tatsächlich parallel existieren konnten, muss trotz der vorliegenden Edition weiterhin unbeantwortet bleiben.


Anmerkung:

[1] Gideon Greif: Das "Auschwitz-Album" - die Geschichte von Lili Jacob, in: Das Auschwitz-Album. Die Geschichte eines Transportes, hg. von Ysreal Gutmann / Bella Gutterman, Göttingen 2005, 71-86.

Rezension über:

Christophe Busch / Stefan Hördler / Robert Jan van Pelt (Hgg.): Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS, Mainz: Philipp von Zabern 2016, 340 S., 196 s/w-Abb., ISBN 978-3-8053-4958-1, EUR 49,95

Rezension von:
Anna-Raphaela Schmitz
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Anna-Raphaela Schmitz: Rezension von: Christophe Busch / Stefan Hördler / Robert Jan van Pelt (Hgg.): Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS, Mainz: Philipp von Zabern 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 12 [15.12.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/12/29207.html


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