Rezension über:

Ekkehard Mai: Anselm Feuerbach (1829-1880). Ein Jahrhundertleben, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, 216 S., 68 Abb., ISBN 978-3-412-50580-6, EUR 34,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Andreas Fahrmeir
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Fahrmeir: Rezension von: Ekkehard Mai: Anselm Feuerbach (1829-1880). Ein Jahrhundertleben, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/28995.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Ekkehard Mai: Anselm Feuerbach (1829-1880)

Textgröße: A A A

Das vorliegende Buch bietet zwei chronologische Durchgänge durch das Leben des Protagonisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das erste Kapitel schildert auf rund 40 Seiten die Biografie des Malers Anselm Feuerbach. Die folgenden neun Abschnitte beschäftigen sich - ebenfalls überwiegend in chronologischer Reihenfolge - auf rund 140 Seiten mit seinem künstlerischen Werk.

Der 1829 geborene Anselm Feuerbach stammte aus einer Gelehrtenfamilie. Sein Großvater war der Ansbacher Jurist, sein Vater Archäologe an der Freiburger Universität, seine Onkel ebenfalls Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen. Insofern war es nicht völlig überraschend, dass Anselms Entschluss, gegen den fachlichen Rat einiger Bekannter der Familie der Berufung als Maler zu folgen, zunächst mit einem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf begann. Danach folgten praktische Lehr- und Erfahrungsjahre an verschiedenen Orten, die Inspiration durch Künstler und zu kopierende Kunstwerke versprachen: zuerst Brüssel und Antwerpen, dann Paris und Italien. Die finanzielle Grundlage des insgesamt bürgerlichen Lebensstils des Malers bildeten der Verkauf von eigenen Originalgemälden und von Kopien; zeitlebens der Rückgriff auf den Besitz der Stiefmutter, die er immer wieder in ihrer Wohnung in Heidelberg aufsuchte; sowie Zuwendungen der badischen Regierung und des Großherzogs, die ihm allerdings eine Berufung auf eine Professur versagten. Ein langfristig gesichertes Auskommen ergab sich erst 1873 mit der Berufung als Historienmaler nach Wien. Diese Stellung gab er aber bereits 1876 wieder auf, um - wie bisher - als ungebundener Künstler zu leben, der seine Bilder auf dem privaten Markt anbot und daneben gelegentlich öffentliche Aufträge erhielt. 1880 raffte ihn ein Herzschlag dahin.

Feuerbachs künstlerisches Œuvre umfasste sehr unterschiedliche Genres, Stile und Inspirationen. Es reichte, wie in dem kunsthistorischen Teil der Studie ausführlich dargelegt wird, von einem erneuerten Barock über intime Porträts, Landschaftsmalerei, "Moderne Denkbilder" nach antiken Motiven bis hin zur inhaltlich wie von den Dimensionen der Werke her monumentalen Historienmalerei. Einige seiner Darstellungen waren provokant und umstritten, andere vergleichsweise gängig und entsprechend populär. Diese Spannung trug sicher dazu bei, zu erklären, warum Feuerbach immer wieder in die Nähe einer Hofmaler-Existenz rückte, sich dieser Verlockung aber immer wieder relativ rasch entzog, um sein durch einzelne provokante Bilder, häufige Umzüge, leidenschaftliche Affären und Trennungen gekennzeichnetes Leben wiederaufzunehmen.

Der reich illustrierte Band liefert eine detaillierte Auseinandersetzung mit Feuerbachs Werk. Er ist von einem der führenden Kenner der Materie verfasst, der ein wohlwollendes, zugleich aber differenziertes und subtiles Bild der Person, des Werkes und einzelner genau analysierter Kunstwerke vermittelt. Am Anfang fragt man sich noch, was die Intention des Untertitels "ein Jahrhundertleben" sein könnte. Chronologisch ist er erkennbar nicht gemeint, und da Mai auch eine persönliche oder künstlerische Heroisierung seines Gegenstands fernliegt, verbindet sich damit auch nicht der Anspruch, einen Jahrhundertkünstler zu beschreiben. Vielmehr wird im Verlauf der Lektüre immer deutlicher, dass Feuerbach eine Reihe von ambivalenten Tendenzen der Malerei des 19. Jahrhunderts repräsentiert, nicht zuletzt den Übergang von monarchisch-staatlicher Patronage hin zu einem anonymeren Kunstmarkt, den Übergang von traditionaler, auch handwerklicher Ausbildung zum Beharren auf Inspiration und Innovation, sogar den Konflikt zwischen dem durch Regeln kaum gebundenen Künstler und dem modernen bürokratischen Steuerstaat, der auch durch hohe Nachforderungen dazu beitrug, dass Feuerbach seine Stellung in Österreich aufgab. Diese Position Feuerbachs in der Mitte des Jahrhunderts wird in dem Band sehr plastisch und facettenreich deutlich.

Andreas Fahrmeir