sehepunkte 17 (2017), Nr. 5

Nicola Brauch: Das Anne Frank Tagebuch

Komplexe geschichtsdidaktische Überlegungen bezogen auf eine ausgewählte Adressatengruppe an einem historischen Beispiel zu konkretisieren, ist ohne Zweifel ein verdienstvolles Unterfangen. Als geschichtsdidaktische Fragestellung wählt Nicola Brauch, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichtsdidaktik an der Ruhruniversität Bochum, wie durch Kompetenzorientierung der Aufbau eines reflektierten Geschichtsbewusstseins bei Schülerinnen und Schülern gefördert werden kann. Konkret entscheidet sie sich für das Tagebuch der Anne Frank, das als Beispiel für ein wahrnehmungsgeschichtlich zu erschließendes Ego-Dokument dient und zusammenfassend in Kapitel sieben dargestellt wird. Ihrem Vorschlag liegt dabei das Ziel zugrunde, daran die in allen aktuellen Lehrplänen geforderte Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust zu realisieren. Unklar bleibt, wen sie adressiert (im Text ist die Rede von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I wie II; im Titel werden auch Studierende als Adressaten genannt).

Verstreut über den gesamten Band, jedoch mit einer Verdichtung in Kapitel vier ("Die Tagebücher der Anne Frank im fachlichen und didaktischen Zusammenhang", 36-63), finden sich Argumente für eine Auseinandersetzung mit dem Tagebuch in seinen verschiedenen Varianten (Urfassung, durch Anne Frank überarbeitete, editorisch betreute Publikationen, Übersetzungen). Im Zentrum stehen fachliche Methoden der Quellenanalyse, einschließlich der historischen Kontextualisierungen der "Leitquelle" mit weiteren Materialien. Brauch wendet sich mit ihrer Argumentation gegen die geschichtskulturell wirkmächtige, gerade auch für die Holocaust Education ge- ja missbrauchte Rezeption des Tagebuchs, die durch moralische Akzentuierung und politisch-pädagogische Ausrichtung verkürzt, die Dynamik ignoriert, die Tagebücher als Ego-Dokumente auszeichnet, Anne Frank passiv und statisch als Opfer des Holocaust in Szene setzt und dadurch hinter dem Stand historischer und geschichtsdidaktischer Forschung zurückbleibt (Zur Kritik an der Holocaust Education vergleiche insbesondere die Seiten 20-26).

Für eine forschungsgestützte fachliche und fachdidaktische Arbeit mit dem Tagebuch zieht sie eine Vielzahl von Argumenten heran, verbindet sie miteinander und entflechtet sie wieder, vertieft den einen Aspekt, reißt den anderen an. Es ist ein Strudel an Argumentation. Vor der Gefahr, in ihm zu versinken, kann die Autorin sich nicht ganz schützen. Durch eine konzise, konsequente Strukturierung könnte sie wohl auch ihre Leserinnen und Leser besser dagegen wappnen.

Die Überlegungen zur Kompetenzorientierung bezieht Nicola Brauch grundsätzlich auf das Modell zur Förderung und Entwicklung eines reflektierten und (selbst-)reflexiven Geschichtsbewusstseins (FUER) (14). [1] Allerdings klammert sie in ihren Überlegungen zur Realisierung der Kompetenzförderung mithilfe des Anne-Frank-Tagebuchs ein zentrales Element der FUER-Konzeption weitestgehend aus: Die auf die eigene Gegenwart und Zukunft der Schülerinnen und Schüler ausgerichtete historische Orientierung. Im Brauchschen Konzept erfolgt die Auseinandersetzung mit "historischer Orientierung" ausschließlich an den im Tagebuch manifesten Zusammenhängen, die hergestellt werden zwischen den Erfahrungen des Lebens im Versteck, der Wahrnehmung der historischen Ereignisse außerhalb sowie der sich daraus ergebenden Einschätzung der eigenen Überlebenschancen und den damit verbundenen Hoffnungen auf Zukunft (vergleiche unter anderem Seite 16 und 31). Erschlossen soll damit die "Orientierungskompetenz historischer Akteure" (69) werden. Als "Kulminationspunkt der Hoffnung im Hinterhaus" (56) wählt Brauch die Invasionen der Alliierten. Die Schülerinnen und Schüler sollen dadurch orientierungsfähig werden, dass sie die vorgeschlagene Quellenauswahl und die zugehörigen Kon-Texte bearbeiten. Dabei schulen sie ihre Methodenkompetenz, einschließlich der Fähigkeit zu "einer evidenz-basierten argumentativen historischen Erzählung" (60) und ihre Sachkompetenz, also die Fähigkeit, über kategorisierende (Fach-)Konzepte zu verfügen (vergleiche Seite 65 sowie die "Regesten" zu den zwölf Quellen aus dem Tagebuch).

Der Quellenauswahl aus dem Anne-Frank-Tagebuch vorgeschaltet sind Texte zum Themenblock "Der Weg ins Versteck: Zeitgenössische Reaktionen und Wahrnehmungen nach der Kapitulation der Niederlande" (66-100). Es handelt sich dabei um Materialien aus der Quellenedition 'Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland', Bände 5 und 12. [2] Die Auswahl zielt darauf, "Entwicklungslinien der antijüdischen Strategie der Besatzungsmacht" zu verdeutlichen; ebenso werden "die Reflexion jüdischer Bürger hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Chancen" und schließlich "die zentralen Strukturen" in den Niederlanden und die "darin agierenden Personen", die für die Deportationen "maßgeblich - oder hinderlich - waren" fokussiert (70). Brauch kommentiert die thematisch gruppierten Materialien "im Sinne einer wahrnehmungshistorisch erweiterten historisch-kritischen Interpretation", indem sie den "Kontext des Textes, dessen Genre sowie (den) Autor und die intendierte Leserschaft skizziert" (70).

In Kapitel fünf (101-155) stehen dann zwölf chronologisch angeordnete Quellen in der Fassung der populären Tagebuch-Ausgabe des Fischer Verlags im Zentrum. [3] Sie wurden "nach inhaltlichen wie kompetenzdidaktischen Kriterien ausgewählt" (101). Diese Leitquellen werden wieder durch Materialien aus der Quellenedition 'Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden' kontextualisiert, wo dies möglich ist zusätzlich mit einer früheren, aus der Feder Anne Franks stammenden Fassung, dazu mit Passagen aus der "makrohistorischen Forschung" (101). Ausgewählt sind die Materialkonvolute unter dem Zugriff "Drei Stufen wachsender Hoffnung" (101), wobei sich diese auf die Invasionen der Alliierten in Nordafrika, Italien und der Normandie beziehen.

Der didaktische Kommentar folgt jeweils im Anschluss an die Leitquelle und besteht zum einen aus einem "Regest zur inhaltlichen und begrifflichen Erschließung der Texte", das "als Wegweiser zur Förderung der Sachkompetenz im Sinne der Begriffskompetenz" dient (101 / 102), zum anderen aus Hinweisen auf größere historische Zusammenhänge. Dadurch soll die De-Konstruktion der Tagebuchpassagen unterstützt werden. Am Ende der Materialkonvolute zu den drei Hoffnungs-Stufen steht ein zusammenfassender (wahrnehmungs-)historisch-kritischer Kommentar. Insgesamt erweist Nicola Brauch sich damit als kundige, belesene, den Stand internationaler Forschung überblickende Fachdidaktikerin und Historikerin.

Bereits die hier gegebene Zusammenfassung verweist auf die Komplexität der von Nicola Brauch präsentierten Überlegungen. Im Text werden darüber hinaus zahlreiche weitere didaktische Perspektiven angesprochen (Studien zu Schülervorstellungen zum Nationalsozialismus; didaktische Konzepte zu Gegenwartsanalysen und Sinnkonstruktionen, zu Re- und De-Konstruktion, zu Leistungsmessung, zu Perspektivität und vieles mehr). Dazu kommen in fachwissenschaftlicher Perspektive Diskurse bezogen unter anderem auf die besetzten Niederlande, die Deportation und Ermordung europäischer Juden, die Rolle der Invasionen für Phasierungen des Weltkriegs und des Holocaust, zur Mikro-, Meso- und Makrogeschichte bezogen auf Weltkrieg und Holocaust. Die Vielfalt kulminiert in einem eigenen Kapitel ("Weitere Möglichkeiten der Kompetenzförderung"). Bereits angesprochene wie zusätzliche fachliche und / oder fachdidaktische Perspektivierungen werden mehr oder weniger nachvollziehbar gebündelt unter 1) "Transnationale Vergleiche - (nicht nur) eine Methode für den bilingualen Geschichtsunterricht", 2) "Invasionserwartungen in den Niederlanden", 3) "Kontextualisierung auf der Meta-Ebene: Perspektiven der Forschung". Zusätzliches Quellenmaterial, zusätzliche Kon-Texte, zusätzliche Kommentare ... - zu viel auch für gewogene Leserinnen und Leser, zumal in der Schlussredaktion Nummerierungsfehler übersehen wurden (besonders auffällig auf Seite 156, aber auch andernorts, zum Beispiel Seite 65), Fehler bei Zahlenangaben vorliegen (Teilkapitel "Judenrat"), zum Teil recht umfängliche Formulierungen wiederholt werden. Wohl verlagsseitig wurde zudem ein Widerspruch zwischen dem Klappentext, der ausschließlich auf neue Forschungssichten zum Tagebuch fokussiert, und der fachlich-fachdidaktischen Arbeit der Autorin konstruiert.

So wichtig Konkretisierungen geschichtsdidaktischer Überlegungen sind, so vielfältig die Möglichkeiten sind, die aufzufächern Nicola Brauch in der Lage ist, die Gefahr, den Bogen zu überspannen darf nicht kleingeschätzt werden.


Anmerkungen:

[1] Andreas Körber / Waltraud Schreiber / Alexander Schöner (Hgg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ein Struktur-Modell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik, Neuried 2007.

[2] Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 5, West- und Nordeuropa 1940 - Juni 1942, bearbeitet von Katja Happe / Michael Mayer / Maja Peers, unter Mitarbeit von Jean-Marc Dreyfus, München 2012; Band 12, West- und Nordeuropa Juni 1942 - 1945, bearbeitet von Katja Happe / Barbara Lambauer / Clemens Maier-Wolthausen, unter Mitarbeit von Maja Peers, Berlin 2014.

[3] Anne Frank: Tagebuch. Edition von Mirjam Pressler (Version d, in Überarbeitung der Fassung von Otto H. Frank), Frankfurt 2010.

Rezension über:

Nicola Brauch: Das Anne Frank Tagebuch. Eine Quelle historischen Lernens in Unterricht und Studium, Stuttgart: W. Kohlhammer 2016, 249 S., ISBN 978-3-17-021894-9, EUR 30,00

Rezension von:
Waltraud Schreiber
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Empfohlene Zitierweise:
Waltraud Schreiber: Rezension von: Nicola Brauch: Das Anne Frank Tagebuch. Eine Quelle historischen Lernens in Unterricht und Studium, Stuttgart: W. Kohlhammer 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 5 [15.05.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/05/24625.html


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