Rezension über:

Colette Halter-Pernet: Felix Hemmerli. Zürichs streitbarer Gelehrter im Spätmittelalter, Zürich: Chronos Verlag 2017, 446 S., ISBN 978-3-0340-1349-9, EUR 52,00
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Rezension von:
Guy P. Marchal
Basel
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Guy P. Marchal : Rezension von: Colette Halter-Pernet: Felix Hemmerli. Zürichs streitbarer Gelehrter im Spätmittelalter, Zürich: Chronos Verlag 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/30695.html


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Colette Halter-Pernet: Felix Hemmerli

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"Da richt dich nach": Diese Devise schrieb Felix Hemmerli als junger Student des Kirchenrechts in sein Lernbuch und meinte damit das Einhalten der Rechtsgrundsätze, der kirchlichen zunächst, aber auch ganz allgemein all dessen, was die Gesellschaftsordnung regelte. Danach hat er sich sein Leben lang gerichtet und sich in seinem zunehmend erbitterten Eifer das kirchliche wie das gesellschaftliche und politische Umfeld zum Feind gemacht. 1439 überlebte er einen Mordversuch im Auftrag einiger Chorherren im Großmünster nur knapp; 1454 ließ ihn der Konstanzer Generalvikar in Zürich überraschend verhaften und seine Bibliothek beschlagnahmen, ohne dass ihm irgendeiner seiner Mitbürger oder Klerikerkollegen zu Hilfe geeilt wäre. Schließlich ist er von allen verlassen nach zweifelhaftem Prozess im eidgenössischen Luzern bei den ihm verhassten Bettelmönchen, den Franziskanern, in Verwahrung genommen worden bis zu seinem Tod. Dabei hat er nichts Kriminelles verbrochen, sondern nur geschrieben, aber viel und scharf geschrieben, als Kirchenmann sich für die Reform eingesetzt, als Jurist in verschiedenen Rechtsgeschäften mitgewirkt, als Parteigänger Habsburgs sich politisch engagiert, dies allerdings kompromisslos unter seiner rigiden Devise, wie er sie eben verstanden hat.

Dieses engagierte Gelehrtenleben hat Halter-Pernet trotz der zum Teil überraschend schlechten Quellenlage - über den Konstanzer Prozess z.B. gibt es keine Quellen außer Hemmerlis registrum querele - detailliert in seinen vielfältigen Facetten sehr lebendig nachgezeichnet.

Die Biografie ist so strukturiert, dass die Lebensabschnitte immer mit inhaltlichen Hauptaspekten verbunden werden: Die Jugend und Studienzeit wird unter den Aspekten der familiären Verhältnisse der sozial (für kurze Zeit) aufsteigenden Hemmerlis in Zürich, dann des akademischen Umfeldes in der Stiftschule am Großmünster, an den Universitäten Erfurt und Bologna beschrieben. Eingehend behandelt wird das umfangreiche Repertorium iuris utriusque, das sich der gewissenhafte Student autodidaktisch anlegt und später auch benutzt hat und das tiefe Einblicke in seine Arbeitsweise ermöglicht. Die Doktorpromotion in Bologna erscheint dann vor allem als gesellschaftlich wichtig, ermöglicht sie dem ehrgeizigen Hemmerli, der bereits Chorherr im Großmünster und Propst des St. Ursenstifts in Solothurn ist, den Anschluss an den Adel.

Die kirchliche Karriere, die ihm zusätzlich die Kantorei am Großmünster, ein Kanonikat am Mauritiusstift in Zofingen und Beziehungen zur römischen Kurie einbrachte, wird unter dem Aspekt seiner Bemühungen um kirchliche Reformen abgehandelt. Als Propst von St. Ursus legte Hemmerli 1424 ein Statutenbuch an, das vor allem die gottesdienstlichen Verpflichtungen der Kanoniker regelte, wie auch die Verbrüderung seines Stifts mit jenen von Zofingen, Schönenwerd und Beromünster vor allem geistlichen Belangen galt. Hemmerli erscheint auch ergriffen von der konziliaren Bewegung, machte aber auf dem Basler Konzil eine ernüchternde Erfahrung, die ihn zur Publizistik trieb. Er schrieb zusehends sarkastischer gegen die Bettelorden und gegen die seiner Meinung nach pflichtvergessenen Kollegen am Großmünster an, die es ihm mit brachialer Gewalt heimzahlten.

Das politische Engagement Hemmerlis nach seiner Genesung wird anhand der Auseinandersetzung Zürichs mit Schwyz abgehandelt: Es gründet in der mittelalterlichen Ordovorstellung, die Hemmerli fraglos übernimmt und damit zu einem Verteidiger des Adels gegenüber den Bauern wird - und das waren für ihn nicht nur die Schwyzer, sondern alle Eidgenossen. So lange in Zürich die habsburgfreundlichen Kreise das Sagen hatten, ging das gut. Die Hauptquelle hierfür ist der Dialogus de nobilitate, an dem Hemmerli über Jahre hinweg arbeitete und den er selbst als sein Hauptwerk ansah. Erstmals wird hier der ganze Inhalt dieser Schrift ausführlich referiert, die - um vom 33. Kapitel zu schweigen - mit ihrer Fülle an kulturhistorischen Informationen, ihrem Reichtum an Anekdoten und dem gesammelten Wissen über den Adel eine einmalige Fundgrube, ein Panoptikum spätmittelalterlicher Vorstellungen darstellt.

Die literarische Produktion wird mit dem Sieg der eidgenössischen Partei in Verbindung gebracht: 1450 wandte sich Hemmerli von der Politik ab und entfaltete eine überraschend breitgefächerte literarische Tätigkeit, wobei der Tractatus de balneis naturalibus die eigentliche Pionierleistung darstellt. Halter-Pernet präsentiert eine Auswahl dieser Werke und versieht sie mit klugen Analysen, die in Hemmerli einen in mittelalterlich geprägter geistiger Gesamthaltung verharrenden, intellektuellen Zeitzeugen herausarbeiten, der mit zunehmender Verbitterung an den Missständen und der Erfolglosigkeit seiner Wortmeldungen schier verzweifelt.

Die Biografie wird in den einzelnen Abschnitten einleitend mit den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontexten verknüpft, um Hemmerlis Stellung im jeweiligen Umfeld zu profilieren. Das fällt im Allgemeinen gut und etwa beim Studenten Hemmerli geradezu spannend aus.

Die Bibliografie ist bei der Vielzahl der Aspekte allerdings nicht immer adäquat ausgefallen. Um nur ein Beispiel zu geben: Beim Kapitel über den pflichtbewussten Kanoniker Hemmerli beschränkt sich diese Einbettung auf eine Begriffserklärung zu "Kanon" und "Kanoniker" auf der Grundlage von Lexikonartikeln, obwohl gerade in der Schweiz nicht nur eine umfangreiche Forschung zum Institut Kollegiatstift, sondern auch eine spezifische Eigenentwicklung in Form des sogenannten Stadtstifts vorliegt. Auch das Stift St. Ursus wird unter diesem Aspekt diskutiert. Offenbar hat sich Hemmerli 1450 mit einer Klageschrift zu den Übergriffen der Stadt gegen die stiftischen Freiheiten geäußert - eine in diesem Zusammenhang zentral wichtige Quelle also, die hier nur gerade am Schluss eines anderen Kapitels noch erwähnt wird (192). Und ein Vergleich mit den Statutenbüchern des 15. Jahrhunderts von anderen Kollegiatstiften hätte Hemmerlis eigentliche Leistung zusätzlich herausgestellt, wie es Halter-Pernet beim Bädertraktat ja demonstriert hat.

Eine Sensation stellt die Tatsache dar, dass Halter-Pernet die Überlieferungsproblematik des Dialogus de nobilitate definitiv gelöst hat: Die neben dem bisher bekannten Druck durch Sebastian Brand von 1500 in Konstanz 1983 neu entdeckte Handschrift stellt eine von Hemmerli in Auftrag gegebene Reinschrift dar, die Ludwig Oegli 1451 erstellt hat und die von Hemmerli noch ergänzt und mit marginalen Schlagworten versehen worden ist. Sebastian Brand hat für seinen Druck aber offensichtlich eine andere Vorlage verwendet: Während Oegli aus Versehen gelegentlich eine Zeile übersprungen hat, bietet der Druck den vollständigen Text. Aufgrund dieser Vorarbeit und seines reichen Inhalts sollte der Dialogus nun wirklich ediert werden.

Halter-Pernet legt die längst überfällige, modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie Hemmerlis vor. Dass sie bei der komplexen, weit verstreuten Quellenlage den Leser an der mitunter spannenden Suche teilnehmen lässt und ihm die quellenkritischen Probleme sorgfältig darlegt, sodass er Einblick in diese oft detektivische Feinarbeit erhält, empfiehlt das - übrigens leicht lesbare - Buch auch einer "bloß" an der Geschichte des Mittelalters interessierten Leserschaft.

Guy P. Marchal