sehepunkte 18 (2018), Nr. 2

Dietrich Erben: Architekturtheorie

Im Vorwort seiner erstmals 1985 erschienenen "Geschichte der Architekturtheorie" [1] schrieb Hanno-Walter Kruft: "Dieses Buch konnte nur mit einer gewissen wissenschaftlichen Unbekümmertheit, um nicht zu sagen Naivität, geschrieben werden." (7) Kruft begründete seine Behauptung, "gemessen am Stand der Forschung", mit seinem vermeintlich verfrühten Versuch eines Überblicks, der nur durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Quellen kompensiert werden könne. Heraus kam ein über 700 Seiten starkes Standardwerk, dessen ergiebige Gelehrsamkeit bis heute beeindruckt. Nun hat Dietrich Erben, der selbst bei Kruft studierte und durch dessen Standardwerk angeregt wurde, einen ähnlichen Versuch unternommen. Seine Zusammenschau von über 2000 Jahren Architekturtheorie unternahm er unter den verschärften Bedingungen eines auf nur knapp 130 Seiten gedeckelten Bandes. Es sind die Vorgaben der 1995 initiierten, lange etablierten Reihe "Wissen" des C. H. Beck Verlags, der komprimierte Überblicke zu unterschiedlichen Themenbereichen durch ausgewiesene Experten anbietet.

Sieben Kapitel gliedern Erbens Überblick, welcher mit einem "Nachdenken über Architektur" in die Theorie startet und deren erzählerischen Kontext offenlegt. Auf den Punkt bringt der Autor sein Verständnis von Architekturtheorie bereits nach wenigen Absätzen. Sie "ist sowohl eine Bezeichnung für die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Architektur als auch eine Umschreibung für einen kaum überschaubaren Kosmos von Büchern." (8) Gleichzeitig unterstreicht Erben "die Frage nach den kommunikativen Bedingungen von Architekturtheorie und den ästhetischen Besonderheiten dieses Theoriesektors" (9). Durch die Beibehaltung der Chronologie erwartet den Leser mit Vitruv der Urahn aller überlieferten architekturtheoretischen Äußerungen. Zuvor jedoch erläutert Erben ein mediengeschichtliches Exempel: Andrea Palladios "Quattro libri dell'architettura". Mit diesem Werk legte Palladio inhaltlich, formal und medial die ästhetische Messlatte auf ein bis heute bestehendes Anspruchsniveau.

Im zweiten Kapitel folgt die souveräne Erläuterung von Vitruvs Architekturtraktat, dessen Grundlagen sich als "erstaunlich stabil" erweisen. "Denn wenn in einem modernen Verständnis für die Definition von Architektur die Kategorien von Material, Raum und Repräsentation aufgeboten werden, so zeichnet sich dahinter immer noch die keineswegs völlig ferngerückte Erinnerung an Vitruvs Trias von firmitas, utilitas und venustas ab." (25) Ohne erläuternden Hinweis springt Erben danach vom letzten vorchristlichen Jahrhundert in das 15. nachchristliche - immerhin eine Spanne von rund anderthalb Jahrtausenden. Damit bleibt eine Betrachtung der mittelalterlichen Architekturtheorie im Dunkel dieser Geschichte. Stattdessen setzt er seine Betrachtung mit der Vitruvrezeption in der Neuzeit und den theoretischen Schriften Leon Battista Albertis fort. Als wichtigster Vertreter der Frührenaissance agierte dieser im Spannungsfeld von Nachahmung und Wettstreit mit der Antike. Erben liefert einen tiefer schürfenden Einblick in Albertis Rezeption der Rhetoriklehre Ciceros. Wollte man gelesen werden und Bücher verkaufen, musste man "den Leser ins Visier" (35) nehmen. Dies gelang Sebastiano Serlio, der mit einer Synopse der fünf Säulenordnungen zugleich einen später berühmten Holzschnitt präsentierte.

Wie für das Mittelalter zu konstatieren, existiert überraschenderweise auch für das 17. und frühe 18. Jahrhundert kein systematischer Überblick. Dazu hält Erben lakonisch fest: "Es gibt, mit einem Wort, keine Architekturtheorie, welche die Innovationen der Barockarchitektur seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts zeitgenössisch widerspiegelt." (39) Die Architekten gerieten in dieser Zeit zusehends in die Defensive und drohten zu "bloßen Exekutanten des Bauherrn degradiert zu werden" (42). Dieses Bild sollte sich im Zeitalter der Aufklärung wandeln. Im vierten Kapitel sieht Erben die Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts als "Teil der aufklärerischen Emanzipationsansprüche" (52) der Architekten gegenüber ihren Bauherren. Er exemplifiziert dies an Étienne-Louis Boullées theoretischer Begründung einer "autonomen Architektur" (53) in seiner Schrift "Architecture. Essai sur l'art".

Das fünfte Kapitel ist dem 19. Jahrhundert und dem Einfluss des großen Systematikers Jean-Nicolas-Louis Durand gewidmet, der "als einer der ersten Architekten über die Bauproduktion unter den Bedingungen des sich rasant entwickelnden modernen Industrie- und Verwaltungsstaates" (62) nachdachte. Erben lässt weitere Protagonisten dieser Epoche zu Wort kommen. Markantes Produkt des Industriezeitalters wurde 1851 die Glas-Eisen-Konstruktion des Londoner Kristallpalasts von Joseph Paxton, der in modularer Systembauweise mit einer Neudefinition des Raumes aufwartete. Für das sich wandelnde Raumverständnis des 19. Jahrhunderts liefert der Autor treffende Belege und sieht zugleich Analogien zum "spatial turn" in den Geistes- und Kulturwissenschaften der 1980er-Jahre (75f.).

Die Kapitel sechs und sieben sind dem 20. Jahrhundert und der Gegenwart gewidmet. Mit der Avantgarde, die bei Erben ohne Gegenspieler auftritt und keinerlei Verwerfungen zeigt, treten neue Schlagworte wie "Internationalität", "Maschinenästhetik" oder "Funktionstrennung" (82f.) auf den Plan. Ambivalent beurteilt er die Bedeutung des 1932 erschienenen, berühmten MoMA-Katalogs "The International Style. Architecture since 1922" als "Rezeptbuch für erfolgreiches Bauen", dass sich zugleich wie "ein Säulenbuch des 16. Jahrhunderts" (89) lese. Über Le Corbusier, den wohl einflussreichsten Architekten der Moderne, findet der Autor den Weg zu den Diskussionen auf den CIAM-Kongressen der Nachkriegszeit. Auch die Gegenbewegung zum Funktionalismus dieser Epoche sieht Erben in einer Ausstellung manifestiert: "La Presenza del Passato", jene große Schau der Postmoderne auf der ersten Architekturbiennale 1980 in Venedig. Zugleich markiert das ausgehende 20. Jahrhundert das Ende der "großen Erzählungen" (108ff.). Das letzte Unterkapitel in diesem kurzen, geschichtlichen Überblick trägt den Titel: "Zwischen 'Junkspace' und 'Ort'" und kommt nicht ohne pessimistische Untertöne aus. Raum "wird nicht mehr entworfen, sondern kommt zustande" (116). Als "kritische Fortschreibung der Architekturtheorie (architectural criticism) hat das Nachdenken gegenwärtig ein äußerstes Maß an Differenzierung erreicht, das auch für den Spezialisten [...] nicht mehr zu überblicken ist." (124)

Erbens Überblick ist ein Parforceritt durch die Geschichte der Architekturtheorie in kondensierter Form. Dabei gelingen ihm immer wieder spannende Einblicke in Themenbereiche, die zugleich neue Perspektiven eröffnen. Die wenigen im Rahmen dieser Publikation möglichen Abbildungen sind sorgfältig ausgewählt und aussagekräftig eingesetzt. Man darf diese kurze Geschichte der Architekturtheorie Dietrich Erbens, dessen Forschungsinteressen sich überall im Band abzeichnen, als gelungen bezeichnen. Es ist ein kurzweiliger und inspirierender Überblick, der zum Weiterlesen und zur vertieften Beschäftigung animiert.


Anmerkung:

[1] Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1985.

Rezension über:

Dietrich Erben: Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart (= C.H. Beck Wissen; 2874), München: C.H.Beck 2017, 128 S., 18 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-71431-3, EUR 9,95

Rezension von:
Ralf Dorn
Fachbereich Architektur, Technische Universität, Darmstadt
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Dorn: Rezension von: Dietrich Erben: Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 2 [15.02.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/02/31146.html


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