sehepunkte 18 (2018), Nr. 6

Bernd Roeck: Der Morgen der Welt

Dem Anspruch der Reihe entsprechend hat hier tatsächlich ein ausgewiesener Experte für die Renaissance ein voluminöses, aber doch elegant geschriebenes und ungemein lehrreiches Werk verfasst. Roeck, ein Kenner gerade der Kunst der Renaissance, ihrer historischen, finanziellen, kulturellen und kognitiven Bedingtheit, setzt dabei umfassend an. Im Gespräch mit der Antike habe Europa nach zaghaften frühmittelalterlichen Ansätzen seit dem 12. Jahrhundert immer mehr zu einem einzigartigen Erwachen gefunden, das einen ungeheuren Möglichkeits- und dann auch Wahrscheinlichkeitsraum geschaffen habe für Innovationen, Entdeckungen und Fortschritt, Industrialisierung und Wohlstand und auch für Demokratie und Menschenrechte. Das Werk bietet also drei Dinge auf einmal: Kenntnisreich und pointiert wird die Kultur Italiens und deren Diffusion in die und deren Kommunikation mit den übrigen Kulturen Lateineuropas in jener spätmittelalterlichen Epoche porträtiert, die einst Jacob Burckhardt 1860 so suggestiv und wirkmächtig auf dem Forschungsstand seiner Zeit porträtiert hat. Roeck weitet zudem den Blick, indem er zwar von der Einzigartigkeit dieser europäischen Renaissance spricht, sie aber ausgesprochen früh anheben und lange nachwirken lässt. Drittens ist das Werk schließlich eine Antwort auf die Fragen eines Max Weber oder später Joseph Needham nach dem Ursprung der westlichen Welt bzw. nach der "Grand Titration" zu anderen Kontinenten und Kulturen. So weitet sich der Anspruch ins Universalhistorische.

Roeck vertritt dezidiert die These, dass sich entscheidende Faktoren dieser europäischen Sonderentwicklung durchaus herausarbeiten lassen, so sehr viele Zufälle am Werk gewesen seien und so multikausal bedingt (25) und ganzheitlich verschränkt historische Ereignisse sein mögen (vgl. 1056f.). Innovationen und Entdeckungen, die auch noch beständig sind und Wirkungen hervorbringen, bedürfen nämlich komplexer Möglichkeitsräume, die sie wahrscheinlich werden lassen. Vereinfachend kann man Roecks differenzierte Antwort deshalb in etwa so zusammenfassen, dass es eine Verschränkung materieller, wirtschaftlicher und geistlicher Voraussetzungen gewesen ist, die jenen Prozess ermöglichte, dass die Menschheit sich und die Welt immer vielfältiger erkannte und im Wissen somit gleichsam neu erschuf. Es seien die Städte und lateineuropäischen Gesellschaften mit ausgeprägten partizipativen und korporativen Strukturen gewesen, die Aufstiegsmöglichkeiten, Konkurrenz und Wettbewerb ermöglicht hätten; es seien große Vermögen als Grundlage für Patronage gewesen, starke, aber konkurrierende frühmoderne Staaten, die Rechtssicherheit und Sicherheit des Eigentums gewährleisten konnten; es sei ein Handwerk gewesen, das nach technischen Innovationen strebte und diese umsetzte, dazu Künstler, die realistisch malen konnten, und es sei vor allem ein seit dem 12. Jahrhundert immer ausgeprägteres Bildungswesen gewesen, sodass die Alphabetisierungsrate auch unter den Laien enorm anwuchs. Aus diesen Voraussetzungen konnte der Buchdruck erst entstehen und dann seinen Siegeszug antreten, der den riesigen Kommunikationsraum und das in ihm generierte Wissen intensivierte und stabilisierte. Wissen und Innovation gingen also nicht allein aus Macht und Reichtum hervor, sondern aus Gesellschaften, die Freiheitsräume und Partizipation in geistigem Dialog und Konkurrenz ermöglicht haben. Die enorme Dauer dieses Prozesses hat ihn dabei ebenfalls erst möglich gemacht, da es lange brauchte, bis die vielen notwendigen Entstehungskonditionen beisammen waren. Und der große Dialogpartner sei immer wieder die Antike, namentlich die Griechen und deren Rationalität, gewesen, sie war Bezugspunkt und Vorbild, das man nicht einfach kopieren, sondern weiterentwickeln und überbieten wollte. Immer wieder kann Roeck die Bedeutung dieser Faktoren plausibel machen, auch wenn man wohl fragen muss, ob nicht das bürgerlich-partizipative Freiheitsbewusstsein und die disziplinierend-regulierende Autorität des starken Barockstaates zwei sehr gegensätzliche Dinge sind, die dennoch Innovationen ermöglichen konnten. Die Gegenwartsrelevanz einer solchen Anfrage drängt sich angesichts von autoritären Staaten ohne garantierte Menschen- und Bürgerrechte auf: Wird es dort trotzdem Wissenschaft, Erfindung und Wohlstand geben können?

Im gesamten Werk ist dabei immer wieder auch vom Christentum in seinen verschiedensten Facetten die Rede. Das Zurückdrängen der Religion ist für Roeck ein ganz entscheidender Faktor, ohne den der Morgen der Welt nicht möglich gewesen wäre; andere Kulturen seien gerade aufgrund von dessen Fehlen gescheitert. Canossa kann Symbol für den anhebenden westlichen Sonderweg sein (1131-1134), da sich Religion und weltliche Gewalt zu scheiden begannen, bedingt vor allem dadurch, dass im Papsttum die Religion eine eigene potente, zentralistische Instanz besaß, die die Auseinandersetzung wagen konnte. Die "Pastoralmacht" musste gezähmt werden, damit Innovationen möglich wurden (vgl. 276, 435, 1072-1080, 1158 u.ö.). Immer wieder erzählt uns Roeck zwar von Priestern und Mönchen als Gelehrten und Erfindern, von Geistlichen als Patronen der Künstler und Wissenschaftler, von der religiös-frommen Getriebenheit der Entdecker, Reformatoren und Wissenschaftler. Er weiß, dass Kopernikus, Kepler, Newton und die vielen anderen gläubig waren, aber das doch eher trotz ihrer Wissenschaften, jedenfalls ist es ihm "merkwürdig" (992). In den Städten habe es Ungleichzeitigkeiten gegeben: Neben dem rationalen Kurs zündeten Menschen Kerzen an und erhofften sich göttliche Hilfe, offenbar nach Roeck etwas Vormodernes, im Gegensatz zur rationalen Erklärung Stehendes. Eine Kritik wird deshalb weniger bemängeln, dass viele Deutungen von Werken der Kunst und Literatur kompetenter erscheinen als manche Zusammenfassung theologischer Argumente (vgl. 82, 286, 290, 303, 359, 418, 476, 487, 512, 1004). Aber man wird doch fragen können, ob das Christentum nicht doch viel ursächlicher Möglichkeitsräume geschaffen und katalysatorische Potenzen besessen hat, als Roeck das sieht. Schon das Zurückdrängen der Lineages und der Stammesstrukturen (1082, 1141) hängt doch eng mit dem kirchlichen Eherecht und christlicher Verinnerlichung zusammen. Die vieldiskutierte These, dass die christliche Aristoteleskritik erst Möglichkeitsräume für naturwissenschaftliche Entdeckung geöffnet hat, kommt ihm nicht in den Blick. Ist es denn zudem immer nur eine Floskel, wenn ein Forscher oder Entdecker bekennt, er habe zur Ehre Gottes schreiben wollen? War das kaufmännische Wettbewerbs- und Rationalitätskalkül immer das stärkere? Von vielen der Vorurteile des 19. Jahrhunderts über die Renaissance hat uns Roeck befreit; die liberale Frontstellung gegen die fortschrittshemmende Religion hat er aber höchstens teilweise hinter sich gelassen. Das Werk ist deshalb nicht nur Wissenssynthese, sondern auch Bekenntnisschrift; zum einen, dass ein starker Staat und Geld Innovationen nicht hervorbringen können, wenn man den Bürgern nicht Freiheit und Mitbestimmung gibt. Dann aber auch für die These, dass Religion im Herzinneren ihren Platz haben kann, dass sie aber die Öffentlichkeit in "offenen Gesellschaften" nicht zu sehr behelligen sollte. Dass die erste These zutrifft, wird man sich wünschen. Bei der zweiten ist das schon zweifelhafter. Wer beide Thesen im Hinterkopf hat, wird das Werk mit großem Gewinn lesen, die in ihm implizierten Teleologien aber vielleicht noch einmal neu durchdenken.

Rezension über:

Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance (= Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung), München: C.H.Beck 2017, 1336 S., 32 Farb-, 83 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-69876-7, EUR 44,00

Rezension von:
Klaus Unterburger
Fakultät für Katholische Theologie, Universität Regensburg
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Unterburger: Rezension von: Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance, München: C.H.Beck 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 6 [15.06.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/06/31045.html


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