sehepunkte 18 (2018), Nr. 7/8

Philipp Ther: Die Außenseiter

Der renommierte Zeithistoriker Philipp Ther beherrscht die unglaubliche Fülle des Quellenmaterials, auf das sein Werk zu Flucht und Integration im modernen Europa gebettet ist. Mit einem geschickten Schachzug führt er den Leser gleich zu Beginn mit einem Zitat auf Abwege, in dem von den entsetzlichen Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln die Rede ist. Vor des Lesers geistigem Auge ziehen aktuelle Bilder von syrischen Kriegsflüchtlingen vorbei, gestrandet und gefangen in den Ferienparadiesen Griechenlands. Doch nein, die Rede ist von einer anderen Zeit, nämlich von den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als ungefähr 70.000 Menschen, die dem Griechisch-Türkischen Krieg entfliehen wollten, in Elendsquartieren auf den Inseln der Ägäis den Tod fanden.

Thers Griff in die Trickkiste der Zitate kommt einem Statement gleich: Die seit 2015 medial befeuerte Rede von der "Flüchtlingskrise" ist kein Phänomen unserer Tage; auch die Orte der Tragödien sind bekannt. Migration und Integration, Flucht und Vertreibung sind so etwas wie Signaturen des modernen Europa. Die Anlage des Werks scheint auf den ersten Blick klassisch: Der einleitende Teil führt den Leser in die Flüchtlingsforschung ein, grenzt Begriffe voneinander ab, explizit Flucht von anderen Formen der Migration. Und doch werden hier schon Grenzen überschritten: Zum einen die Grenzen Europas, wenn der Autor auf die "orientalische Frage" eingeht und daran erinnert, dass sich das Osmanische Reich noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg bis an die Adria erstreckte. Im Osten und Südosten Europas seien die "geografischen, politischen und kulturellen Grenzen keineswegs so klar und unumstritten" gewesen, "wie es heute angesichts der Existenz der EU erscheinen mag" (20). Geht man zurück zum Ersten Weltkrieg, so erscheint ein Ausschluss der Türkei, Russlands und der Sowjetunion aus der europäischen Geschichte geradezu absurd. Zum anderen bezieht Ther ungewöhnlich deutlich Stellung, wenn er das durch die Jahrhunderte positive Potenzial von Flüchtlingen den Integrationsängsten entgegenstellt. Last but not least ist der Betrachtungszeitraum so mutig wie unkonventionell: Ther spannt den Bogen vom Beginn der Neuzeit 1492, als Tausende Muslime vor den spanischen Eroberern nach Marokko flohen, bis zum Jahr 2015, dem Beginn der bis zum heutigen Tag omnipräsenten "Flüchtlingskrise". Dabei ziehen sich Fragen und Analysen rund um das "Flüchtlingsland" (21) Bundesrepublik wie ein roter Faden durch die Abhandlung.

Höchst modern erscheint auch die konzeptuelle Anlage des Buchs. Obwohl der Autor seiner Arbeit als Historiker nachkommt, also die moderne europäische Geschichte und die ihrer Nachbarregionen als Geschichte von Flucht und Integration schreibt, bietet er einen zweiten Lesestrang - ein Buch im Buch - an, den die Individualisierung durch die biographische Perspektive kennzeichnet. Er löst aus der Masse der Flüchtlinge Gesichter heraus; Flüchtlinge - meist als Objekte, als Opfer betrachtet - verwandeln sich so in Subjekte. Er verkehrt den Merkelschen Imperativ "Wir schaffen das!" in die Frage: "Werden sie es schaffen, die Außenseiter?" Diese Perspektive liegt beiden Lesesträngen zugrunde. Es sind Geschichten, die ebenso faszinierend wie erschreckend sind. Jedem der Porträts ist eine Bleistiftzeichnung vorangestellt - gleichsam als optischer Wegweiser. Die erste Geschichte ist die aktuellste. Sie handelt von dem kleinen Jungen aus Syrien, der im September 2015 an einen türkischen Badestrand gespült worden war, ertrunken während der Überfahrt auf einem Schlepperboot von der Türkei zur griechischen Insel Kos. Kurz darauf beschlossen Österreich und Deutschland die Öffnung der Grenzen für Tausende in Ungarn gestrandete Flüchtlinge. Es sind Fluchtporträts von bekannten Persönlichkeiten wie Manès Sperber, dem Renegaten und Schriftsteller, der vor allem durch seine Trilogie "Wie eine Träne im Ozean" bekannt geworden ist; von der in Prag geborenen Jüdin Marie Korbelová, deren Vater in den USA politisches Asyl erhielt und die unter ihrem angeheirateten Namen Madeleine Albright als erste Frau das Außenamt der Vereinigten Staaten leitete. Aber auch unbekannte Flüchtlinge finden ihren Platz, so wie Suzanne, Tochter einer wohlhabenden Hugenottenfamilie, die als Teenager mit ihren kleinen Geschwistern ohne Eltern im Frachtraum eines Schiffes von Frankreich nach England unterwegs war; von den Schleppern hintergangen und an einem anderen Küstenabschnitt als vereinbart abgesetzt, kämpften die minderjährigen Flüchtlinge ums Überleben und fanden schließlich ihre später nachgereisten Eltern. Die Flucht war jedoch noch nicht zu Ende, es ging weiter von England nach Holland. Die Familie überlebte die religiösen Verfolgungen, war aber am Ende ihrer Fluchten traumatisiert, zerstritten und verarmt. Der europäische Mythos der gelungenen Flucht und Integration der Hugenotten zeigt in dieser individuellen Familien-Biographie deutliche Risse.

Ther gliedert seine historische Abhandlung in vier große Teile, die sich mit den Fluchtursachen im modernen Europa auseinandersetzen: Flucht vor religiösen Konflikten, übrigens dem ältesten Fluchtgrund der Neuzeit; Flucht vor dem Nationalismus; Flucht aus ideologischen Gründen. Richtet man den Fokus auf das 20. Jahrhundert, ergibt sich ein erschreckendes dejà-vu. Nichts hat so viele Menschen in die Flucht getrieben wie der moderne, zum Teil radikale und rassistische Nationalismus. Bevölkerungsverschiebungen als Maßnahme zur Gründung von Nationalstaaten waren Teil des Masterplans der Großmächte zur Friedenssicherung. Allein in Europa und seinen Nachbarstaaten mussten rund 30 Millionen Menschen bis 1995 aus ethnischen Gründen ihre Heimat verlassen. Und heute?

Ther vollzieht durch die Verknüpfung der historischen Erkenntnisse mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in Flüchtlingsfragen einen Paradigmenwechsel. Er wagt sich an die so wichtige Vernetzung von Forschung, gesellschaftlichem Wandel und politischer Debatten, indem er beispielsweise herausarbeitet, wie die Aufnahmegesellschaften von Flüchtlingen profitierten, aber auch schonungslos vor der "gegenwärtigen politischen Renaissance des Nationalismus" (177) warnt. Er denkt zu Ende, was 2015 eine Nicht-Öffnung der Grenze durch Österreich und Deutschland bedeutet hätte, und entzieht damit solchen Ideen den Boden. Nationalisten haben im vergangenen Jahrhundert in Europa ein Chaos infernalischen Ausmaßes angerichtet. Trotzdem sind aktuell Tendenzen zur Auflösung der Nachkriegsordnung sichtbar. Neu ist die Kommunikation in den sozialen Netzwerken, die Ängste und Vorurteile gegenüber den Ankommenden schürt. Thers Analysen setzen hier einen Kontrapunkt, indem die positiven Aspekte von Flucht und Integration für die Aufnahmegesellschaften herausgearbeitet werden. Der Historiker gibt gleichzeitig Handlungsoptionen an die Hand, die zur Fluchtprävention beitragen können.

Gegenwärtig ist viel von Werten die Rede. Dabei bleibt der hohe Wert des Humanitarismus, der in den Zeiten des Kalten Kriegs in Europa zur selbstverständlichen Aufnahme vieler politischer Flüchtlinge geführt hat, unerwähnt. Die Debatten lassen auch außen vor, dass zahlreiche Fluchten nach Europa ihre tiefere Ursache in Europa selbst haben. Thers wegweisendes Buch lädt ein, Forderungen nach Abschottung, Abgrenzung und Abweisung zu Ende zu denken und die Diskussion um Flucht und Integration mit der Forschung zu verlinken. Populistische Slogans würden so schnell entlarvt werden.

Rezension über:

Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa, Berlin: Suhrkamp 2017, 437 S., ISBN 978-3-518-42776-7, EUR 26,00

Rezension von:
Susanne Greiter
Eitensheim
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Greiter: Rezension von: Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa, Berlin: Suhrkamp 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 7/8 [15.07.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/07/31257.html


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